[UA] Das war wohl nichts, це нічого не було: Sommerdampf auf der Borschawatalbahn (mB)

    • [UA] Das war wohl nichts, це нічого не було: Sommerdampf auf der Borschawatalbahn (mB)

      Grüezi!

      In meinem letzten Bericht schrieb ich ja schon, dass wir auf unserer Reise ein paar Höhen und Tiefen erlebten, was die Schmalspurbahnen anbelangt. Ein namhafter Schweizer Eisenbahnenthusiast und die Oblastregierung von Transkarpatien haben sich gemeinsam mit der Y3 auf einen Schmalspurdampfaugust geeinigt, das Konzept klang gut, die Bahn hatte uns im letzten Jahr schon sehr gut gefallen, sodass wir (obwohl nicht wirklich Freunde des Dampfes)beschlossen: Da müssen wir auch hin.
      Die Unterkunft hatten wir in Berehowe gesucht und gefunden, etwas außerhalb ein kleines Ferienhaus, gerade richtig für unsere Zwecke. Schon bevor wir losfuhren, gab es Risse im Bild eines schönen Saisonverkehrs: Die Fahrpläne änderten sich wöchentlich, die Dampflok fuhr dann doch nicht, war am Ende gar defekt und ob und wie und vor allem wann etwas fährt war offen. Wir hielten uns am Strohhalm des Planverkehres fest.
      So bestellten wir uns - dekadent - ein Taxi und ließen uns in Richtung Wynohradiw fahren. Die Straßen waren eher durchschnittlich, aber so lange man auf der Hauptstraße fuhr, ging es. Aber dann: Wir bogen ab nach Oleschnyk (derTaxifahrer war überrascht, was für Dörfer diese komischen Deutschen kennen) und die Straße war nur mehr eine Anhäufung von Schlaglöchern getreu dem Motto: Lochan Loch und hält doch. Der Taxifahrer bangte um sein Auto, lieferte uns aber am Bahnübergang ab. Seine Nummer bekamen wir auch gleich, damit wir abends wieder nach Hause kommen. Doch es sollte alles anders kommen.
      Wir warten am Haltepunkt auf den Zug, die Gleise sind sehr rostig aber wir denken uns nichts dabei.


      Das Bahnhofsgebäude von Oleschnyk wird schon lange nicht mehr für Bahnzwecke benützt, die Fahrpläne muss (besser sollte) man kennen.


      Eigentlich müsste der Zug auch langsam am Horizont auftauchen, die Streckengeschwindigkeit ist ja sehr, sehr niedrig (75 min für 18 km), aber nichts. Aus dem gegenüberliegenden Haus tritt eine Frau heraus und ruft uns Wartenden zu: Поїзд не будe! (Der Zug kommt nicht). Das trifft uns erst einmal. Unser Taxi weg, Nahverkehr existiert nicht und wir sind ja noch jung.


      Wo kommt denn der Zug? Das fragt sich nicht nur der Autor dieses Beitrages, zum Nationalfeiertag passend gekleidet...


      Also machen wir uns auf den Weg gen Wynohradiw, nicht ohne vorher noch zweimal gefragt zu werden, ob denn der Zug nicht käme?
      Das sind zunächst etwas mehr als zwei Kilometer durch das Dorf, vorbei an Gehöften und verlassenen Scheunen, immer in Sichtweite des Bahndammes. Zahlreiche Motive fallen uns auf, nur schade, dass kein Zug kommt, mit dem sich die Motive als solche auch umsetzen lassen. Unser Weg führt über Feld und Flur, ist mal mehr oder weniger ausgewaschen und irgendwann windet sich die Bahntrasse nach rechts vom Wege weg und wir laufen geradezu nach Wynohradiw. Auch in Wynohradiw selbst sind noch einmal etliche Kilometer zu absolvieren, einen Teil davon kannten wir schon, interessant zu sehen, wie belebt die Stadt sein kann, wenn man zur rechten Jahreszeit dort ist. Wir wissen nicht einmal, wann der nächste Zugfahren wird und denken uns, dass das bei unserem Glück irgendwann in den nächsten zehn Minuten der Fall ist. Dem ist auch so, aber es ist gottseidank ein Zug in die Gegenrichtung.


      Einerseits unverzichtbar, andererseits aber auch eine Zumutung für die Fahrgäste: die altersschwachen Д1. Also jede Dampflok kommt mit weniger Lokmannschaft aus, der Bordmaschinist lief ständig zwischen beiden Triebköpfen hin und her.


      Auf den Schmalspurgleisen ist Markt, sodass das nicht der Grund sein kann, warum kein Zug fährt. In der Schalterhalle studiere ich aufmerksam alle Aushänge. Ein Touristenzug Wynohradiw – Irschawa –Wynohradiw ist angekündigt, aber nichts zum Ausfall der Züge nach Chmil’nyk. Doch! Am Schalterfenster hängt ein kleiner Zettel, demzufolge an gewissen Daten keine Züge führen. Dumm, das heutige Datum ist mit dabei. Noch etwas birgt der Zettel in sich: Der Spätzug nach Chmil’nyk fährt nicht mehr.


      Bekanntmachung: Die Züge 6604, 6606 und 6608 werden an folgenden Tagen nicht fahren... - der Spätzug ist gar nicht mehr verzeichnet, Zugverkehr demzufolge nur sonntags. :wall:


      Wir können unseren Augen kaum trauen, sollte man den Planverkehr etwa der Touristenbespaßung geopfert haben? Immerhin fährt in Bälde ein Zug zurück nach Berehowe, vorher genießen wir noch zwei köstliche Pizzen und bezahlen dafür mit vier Getränken knapp 5€.Man kann dem Land beim Verelenden richtig zusehen. Vor der Abfahrt des Zuges verkauft die Kassenbeamtin die Fahrscheine auf dem Bahnsteig, unser Reiseziel kennt sie ja schon, zweimal 35 km Bahnfahrt für zusammen 18 UAH, also etwas um 0,60€. Bevor wir zum Mittagessen gegangen waren, sagte sie uns noch, dass der Touristenzug wichtiger sei und niemand verstehe, was das Verkehren der Züge verunmöglichen sollte. In Berehowe angekommen machen wir uns zu Fuß auf den Weg in unser Quartier, was etwa 4 km Fußweg bedeutet.


      Da fährt schon länger nichts mehr - Schmalspurgleise vor dem Bahnhof von Berehowe.


      Wir laufen auf der Schmalspurbahntrasse und wollen uns im Depot mal umschauen. Durch eine – formulieren wir es freundlich – zwielichtige Gegend kommen wir zuerst zum Umladebahnhof und dann zum Depot, das frei zugänglich ist.


      Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit, die Dampflok Гр 280 nach unserem Besuch im April in Hajworon ein paar Monate später in Berehowe anzutreffen... die Lok ist kalt wie Eis. Leider. Ich gönne den Eisenbahnen der Ukraine wirklich alles Gute, aber eine gewisse technische Verfügbarkeit sollte gegeben sein und vor allem sollte der Regelverkehr funktionieren, bevor man über Dampfspaß nachdenkt.



      Blick auf die Gleisanlagen des Bahnhofes Berehowe Male (Kleinbahnbahnhof), rechts schließen sich weitere Gleisanlagen an.



      Ein paar Ersatzteile gäbe es noch... aber man zehrt nur noch von der Substanz.



      Blick auf die Depotanlagen - die Gleisanlagen sind öffentlicher Fußweg, fotografieren war kein Problem, wenn man sich immer mal vergewissert, wer da so des Weges kommt...


      Hier fotografieren wir ausgiebig, schauen uns um und gucken dann weiter zur im Fahrplan ausgewiesenen Einstiegsstelle am Supermarkt "Barwa". Kein Bahnsteig, kein Hinweisschild, gar nichts.


      Wenigstens den Humor haben sie nicht verloren - das Dampflokschild ist noch nicht allzu alt. Links des Bahnüberganges ist der Zustiegspunkt für die Touristenzüge - nachts dank LED-Straßenlampen gut ausgeleuchtet, aber nicht ausgeschildert oder gar mit Informationen versehen... naja


      Dafür kann ich an einem Straßenstand noch 1,5 Liter Weißwein erstehen, natürlich nicht, ohne vorher probiert haben zu dürfen. Sogeht ein Tag zu Ende. Abends denken wir noch, einen Zug zu hören, doch nichts.Mein Mitreisender steht morgens früh auf und schaut, was für ein Zug da nun fährt. Er kommt ziemlich demotiviert wieder – es fuhrt nichts. So haben wir morgens alle Zeit der Welt, unser Häuschen noch zu genießen. Irgendwann kommt eine Frau vorbei, gehört zum Eigentümer, spricht mit uns Russisch, wechselt dann aber auf Ukrainisch (puh) und im Laden gegenüber bekommen wir einen Kaffee spendiert (peinlich), wobei die Ladengespräche mehrheitlich auf Ungarisch geführt werden. Das sprechen wir nun nicht, aber als wir unsere Kurzzeitbekannte mit Viszontlátásra! verabschieden, freut sie sich sichtlich.Noch einmal wird der Bahnübergang einer Kontrolle unterzogen, und siehe da: Die sind mit irgendetwas gefahren. Ärgerlich, aber uns jetzt auch schon egal. Vom Bahnhof aus unternimmt der Mitreisende noch eine kleine Exkursion zum Depot…die Diesellok ist tatsächlich weg. Tja, wer nicht will, der hat schon.

      Sehr,sehr schade…

      1, 2, Kasatschok!
      Martin
      - Tam, kde je cesta cíl -
    • Hallo Martin,

      vielen Dank für den interessanten Bericht. Ich weiß jetzt nur nicht, wie soll ich ihn bewerten - gefällt mir oder gefällt mir nicht :gruebel:

      Also Dein Beitrag gefällt mir - der Inhalt weniger. Es ist wirklich schade, dass nach der Ankündigung auf Dampffahrten am Ende nicht viel gelaufen ist - eher im Gegenteil, man hat mit den Ressourcen noch den letzten Rest des Planverkehrs behindert. :(

      Weiß jemand, ob die Dampflok im August jemals eine Runde gedreht hat?

      Viele Grüße,
      Tilo
    • Hallo Tilo,

      ja, die Dampflok fuhr tatsächlich. Zum einen unternahm sie Probefahrten zwischen Berehowe und Chmilnyk, am ersten Augustwochenende fuhren die Züge wie vorgesehen Berehowe - Chmilnyk - Wynohradiw und am zweiten Wochenende fuhr man dann - warum auch immer - das Borschawatalbahntotalprogramm: Berehowe - Chmilnyk - Irschawa - Chmilnyk - Wynohradiw - Chmilnyk - Irschawa - Chmilnyk - Berehowe. Am dritten Wochenende fuhr zumindest freitags ein Ersatzzug mit Diesellok - oder besser: Er soll gefahren sein. Der Rost an den Schienen sprach eine andere Sprache.

      Die Informationspolitik war aber auch desaströs: Fahrpläne auf Zuruf, an zwei verschiedenen Stellen im Bahnhof Wynohradiw (Schalter und Wandzeitung) und in Berehowe gar nichts, auch im Internet nicht: Weder zu Preisen, noch zum Fahrplan, noch... lassen wir das. Wir finden es auch schade, aber da wir auch so immer viel Freude mit Aufenthalten in der Ukraine haben konnten wir letztlich darüber lachen.

      Natürlich hoffe ich aber, dass der Zugverkehr wieder aufgenommen wird, denn die Bahn ist ja doch eine Lebensader für die Dörfer entlang der Strecke - mit dem Auto waren wir von Oleschnyk nach Wynohradiw jedenfalls genauso schnell oder langsam wieder Zug...

      Fahrt frei
      Martin
      - Tam, kde je cesta cíl -