Aufarbeitung der Jung Hilax 8293 (1938) bei der Waldeisenbahn Muskau

  • Hallo, Sven,


    Klasse gemacht! Es geht doch Nichts über eine gründliche polytechnische Ausbildung. Und den Stolz auf die Mitarbeit deines Sohn kann ich sofort nachvollziehen, weil dies viele Jahre vorher mit dem "meinigen" erfreulicherweise auch so lief.


    Herzliche Grüße


    Bernd.

  • Mahlzeit!


    Heute gibt es mal einen etwas anderen Bericht:


    21 Jahre nachdem die Lok zur Waldeisenbahn Muskau kam, ist nun das Resivisionsbuch wieder aufgetaucht. Es enthält neben den laufenden Kesseluntersuchungen und Reparaturnachweisen auch die Auslieferungsunterlagen von 1938.


    Christoph Peetz, ein ehemaliger Eisenbahner der Parkeisenbahn Gera war in den Wirren der politischen Wende in den Besitz des Buches gelangt und verwahrte es bis zu seinem Tod im Sommer 2019. Die vor 11 Jahren begonnenen Bemühungen um das Buch blieben lange Zeit erfolglos. Vor knapp 2 Jahren gelang es mir dann zumindest Teile der Niederschrift als Kopie zu bekommen. Einsicht in das Buch konnte ich damals nicht nehmen, ich hatte daher auch keine Vorstellung vom Umfang der tatsächlich vorhandenen Unterlagen.

    Am 13.November 2019 wurden die Unterlagen nun, leihweise vom Sohn des Verstorbenen dem Projekt Hilax zur Verfügung gestellt. Ein herzliches Dankeschön dafür an Christian Peetz aus Chemnitz.


    Die inzwischen erfolgte Auswertung der Unterlagen ergab nun erstmals einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Lokomotive, deren Einsatz vor 1967 bislang im Dunkeln lag.


    Die Mappe mit den braunen Kunstledereinband wurde erst 1967 vom damals zuständigen Inspektor der Technischen Überwachung -Bezirk 3- Inspektion Bautzen angelegt. Sie enthält neben den gebundenen Untersuchungsbescheinigungen bis zur Einstellung des Betriebes 1976 auch ein Ersatz-Revisionsbuch aus dem Jahr 1946 sowie das ursprüngliche Revisionsbuch von 1938, dessen Einband durch Kriegsschäden unbrauchbar geworden war.


    Einband der Zweitschrift, angelegt 1967. Üblicherweise wurde ein Exemplar des Buches bei der Technischen Überwachung (TÜ) aufbewahrt, das andere lag am Einsatzort der Lok, beim Werkmeister.


    Deckblatt des Revisionsbuches von 1938, das mit der Lok ausgeliefert wurde. Wie alle Dokumente im Buch bis 1945 ist es durch Granatsplitter beschädigt.


    Bescheinigung über die regelmäßige äußere Prüfung vom 07.021939. Wie zu dieser Zeit üblich sind die handschriftlichen Eintragungen des Kesselinspektors in Kurrent/Sütterlinschrift verfasst, was die Entzifferung bisweilen erschwert. Die Prüfungen wurden auf Grundlage der allgemeinen polizeilichen Bestimmungen über die Anlegung von Dampfkesseln vom 17.Dezember 1908 (Landdampfkesselverordnung) durchgeführt. Da es sich bei der Werkbahn nicht um eine Bahn nach Eisenbahnrecht handelte, unterstand auch nur der Kessel einer Aufsichtsbehörde. Fahrwerks- oder Bremsuntersuchungen oder dgl. sind nicht dokumentiert.


    Die Kesselgenehmigungszeichnung zählt zu den wichtigsten Dokumenten des Buches und enthält die Urmaße aller wesentlichen Kesselbauteile. Zwecks besserer Haltbarkeit ist sie auf Leinen aufgezogen und weisen ebenfalls Beschädigungen durch Splitter auf. Die handschriftlichen Eintragungen in der Zeichnung rühren vermutlich vom Einbau einer neuen Feuerbüchse 1961 her. Die Hoheitszeichen wurden wie vielfach üblich nach dem Krieg geschwärzt.


    Ein besonders interessantes Dokument ist dieser Prüfbericht über Kesselarbeiten vom 2.März 1945. Er bescheinigt die umfangreiche Reparatur der kupfernen Feuerbüchse u.a. mit dem Einschweißen einer neuern Rohr- und beider Seitenwände und neuen Deckenankern. Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee nur noch reichlich 200 km entfernt. 6 Wochen später eröffnete sowjetische Truppen und die 2.polnische Armee die Schlacht um Bautzen, im Rahmen der Operation Lausitz. Während dieser kam es auch im Gebiet um Kamenz zu Krampfhandlungen und Artillerie- sowie Panzerbeschuss. Die Splitterschäden am Kesselbuch dürften in diesen Tagen (21.04-26.04.) im April 1945 entstanden sein, genaueres ist bislang nicht bekannt.

    Aus heutiger Sicht mutet es schon ein wenig sonderbar an, dass man kurz vor dem Untergang immer noch Dienst nach Vorschrift ausführte. Dass man überhaupt noch Kupferblech für die Feuerbüchsen einbauen konnte, lag zum einen an der Bevorratung der Werkstatt der Fa. Halbach und zum anderen der Einstufung als kriegswichtiger Betrieb, der neben Schotter für den Gleis- und Strassenbau auch Zuschlagstoffe für die Betonherstellung lieferte. Dass derartige Kesselarbeiten bei Halbach keine Ausnahme waren, zeigen Eintragungen aus dem Kesselbuch der Krauss-Lok 7752/1920, welche 1944 eine neue Feuerbüchsrohrwand sowie beidseitig Flicken in den Seitenwänden aus Kupfer erhielt. Weiterhin führte die Werkstatt bekanntermaßen auch Reparaturen an Lokomotiven anderer Firmen aus, ua. die Liliputlokomotiven der Fa. Brangsch, die später zu den Parkeisenbahnen in Dresden bzw. Leipzig gelangten.


    Bereits ein Jahr später waren die Verwaltungsstrukturen soweit wieder hergestellt, dass ein neues Revisionsbuch für die Lok angelegt wurde. Der Technische Überwachungsverein bliebt vorerst noch als Organisation erhalten und für den Kessel zuständig.


    Doch schon auf der ersten Seite des Ersatz-Revisionsbuches ist der allgegenwärtige Mangel der unmittelbaren Nachkriegszeit zu erkennen. Die sonst vorgedruckten Bescheinigungen mussten nun komplett von Hand geschrieben werden. Das Schriftbild der verschieden Kesselprüfer unterschied sich deutlich von den vorherigen Eintragungen. Die wichtigste Information aus diesem Abschnitt ist die Erneuerung der kompletten Kupferfeuerbüchse im Frühjahr 1961, die bislang nicht bekannt war. Das Kupferblech bezog man damals aus dem Walzwerk Hettstädt, Material für eine zweite Feuerbüchse wurde auf Lager gelegt, es soll später mit der Lok nach Gera gelangt sein.


    Erst 1967 gab es dann ein neues Prüfbuch mit durchnummerierten Vordrucken. Zuständig war nun die Technische Überwachung der deutschen Demokratischen Republik mit der Inspektion Bautzen. Grundlage war nunmehr die ASAO 800 -Dampfkessel. Wurde der Druck bislang in Atmospharen Überdruck (atü) angegeben, so waren es nun Kilopond pro Quadratzentimeter (kp/cm²) Der Sachverständige Lehmann betreute die Maschine bis zum Ende des Dampfbetriebes 1976.


    Das neue Prüfbuch enthält auch detailierte Anweisungen zur Vorbereitung des Kessels auf die Kesseluntersuchungen durch den Sachverständigen.

    Interessant ist auch der Punkt 4.3: Für eine angemessene Bade- oder Waschgelegenheit mit zwei Handtüchern und Seife in einem (bei kalter Witterung beheiztem) Umkleideraum ist zu sorgen.


    Das Buch konnte nunmehr eine ganze Reihe von Fragen zu den bisher ungeklärten Abschnitten der Lokgeschichte beantworten, andere Fragen bleiben bislang weiter ungelöst. Wann die Lok tatsächlich das letzte Mal unter Dampf stand ist ebenso ungewiss, wie der genaue Stilllegungszeitpunkt der Werkbahn. Nach Angaben von Herrn Peetz verblieb die Lok nach der Abstellung auch noch einige Jahre in Bernbruch und war im Dampflokschuppen hinterstellt. Wann sie dann nach Gera überführt wurde, ist noch nicht geklärt. Sicher ist nur, dass der Transport von der Möbel- und Schwerlast-Spedition Rothe ausgeführt wurde, auf deren Hof die Lok dann wegen fehlender Genehmigungen bis Mitte der 80er Jahre abgestellt blieb. Auf für die Überführung habe ich bislang keine gesichteren Erkenntnisse. Die in den Unterlagen niedergeschriebenen nächsten Untersuchungen (Innere Untersuchung bis September 1976, Wasserdruckprüfung Februar 1983) wurden jedenfalls nicht mehr ausgeführt...


    Zum Schluss nochmals vielen Dank für die Zurverfügungstellung der Unterlagen.


    Gruß Sven

  • Herzlichen Glückwunsch zu diesen Papieren.:hurra:

    Da kann jemand noch so manche Stunde verbringen

    um die unterschiedlichsten Handschriften zu entziffern.

    Da muss ich mich schon gewaltig anstrengen, alles

    eindeutig zu entziffern. Vieles lässt sich ja aus dem

    Satzzusammenhang "konstruieren".

    Da braucht es schon Zeit und Ruhe und man muss

    sich auch erst in die jeweilige Handschrift "einlesen".


    Anhand der Bescheinigung vom 07.02.1939 wurde der

    Anschluss des Kontrollmanometers bemerkt.

    Dann noch die letzten Worte: "Sonst in Ordnung"


    So - jetzt muss ich erst mal lesen was da so alles steht.....


    Viele Grüsse und einen schönen Sonntag vom Dagvuchel:weg:





  • Hallo, Sven,


    gratuliere, dass dir diese Unterlagen noch zugänglich gemacht wurden. Daraus lassen sich doch für deine weitere Arbeit einige sicherheitsrelevante Angaben ablesen.


    Dann mal weiter gutes Gelingen


    Bernd.

  • Mahlzeit!


    Dagvuchel Ganz recht, wir haben da schon eine Weile dran gesessen. Erschwerend kam hinzu, dass die Einschusslöcher teilweise mitten in den handschriftlichen Textabschnitten liegen und mitunter sehr altertümliche Begriffe verwendet wurden. Mittlerweile ist das komplette Buch entziffern und eine Abschrift angefertigt.


    @Bernd: Hast du noch irgendwelche Bilder aus der Zeit in Gera? Die Informationen helfen bei einer Kesselreparatur auf jeden Fall weiter, da nun der jetzige Zustand auch datiert werden kann. Die letzte große Kesselreparatur fand 1961 statt: die Feuerbüchse wurde komplett mit allen 114 Stehbolzen, 50 Bodenringnieten, 20 Feuerlochringnieten, 20 Deckenankern und beiden Bodenankern, sowie den 73 Heizrohren und 4 Ankerrohren erneuert. 1974 wurden dann letztmalig 47 Heizrohre erneuert.


    Gruß Sven