Aufarbeitung der Jung Hilax 8293 (1938) bei der Waldeisenbahn Muskau

  • Hallo Sven,


    für mich ist das der geilste Thread seit Jahren. Ich geniesse jede Fortsetzung. Einfach wunderschön!


    Beste Grüsse


    Holger

  • Hallo Sven,


    ich bin seit Jahren hier im Forum eigentlich nicht mehr aktiv, aber deine Bildberichte zur Aufarbeitung haben mich wieder hier her gezerrt. Das ist einfach genial anzuschauen was du da machst! Gerade wenn man selbst aktiv an eine Lokaufarbeitung beteiligt ist, ist das von besonderem Interesse!!!


    Ich schau hier täglich rein und hoffe immer, dass es neue Bilder der Aufabeitung zu sehen gibt. Jetzt aber kein Stress aufkommen lassen...;-)


    Viele Grüße aus Südbaden
    Thomas

  • Mahlzeit Thomas!


    Danke für deinen Zuspruch, dann will ich mal weiter berichten.


    Im Folgenden nun ein Bericht über die Arbeiten der letzten Wochen.


    Am 2.Oktober wurde die Lok im Rahmen der Festveranstaltung 25 Jahre Waldeisenbahn Muskau GmbH im Museumsbahnhof Anlage Mitte ausgestellt und für das Projekt geworben.



    Mittlerweile sind mehr als 16.000€ an Spenden für die Lok eingegangen.



    Zwei Wochen später konnte ich auf dem Elbeflohmarkt in Dresden einiges an Werkzeug erwerben. Die Ausbeute des Tages: Feingewindebohrer und passende Schneideisen, einen Schneideisenhalter, zwei Ventileinsätze mit formschönen Handrädern, ein recht alter Manometerhahn, eine Rückschlagventil mit Schlauchtüllen, ein kleiner Nutenfräser, zwei Schneidringverschraubungen, ein Meißel für einen Drucklufthammer, zwei Spannprismen und ein Kupferschild. Zusammen für knapp 35€.



    Darunter waren auch Ventileinsätze mit hübschen Handrädern. Handräder mit Wellenkranz nach DIN 390 kamen 1924 auf und werden noch heute hergestellt. Allerdings sind sie nicht mehr in allen Größen erhältlich. Für dieses nur 42 mm große Handrad habe ich schon eine Idee...



    Das Handrad passt perfekt auf den kürzlich für die Lok gebauten Füllstutzen.



    Für die geplante Wasserdruckprobe waren zwei Blindflansche anzufertigen, die anstelle der Sicherheitsventile auf dem Domdeckel befestigt werden.
    Zunächst waren die Rohlinge plan zu fräsen.



    Bereit zum Anreißen der Bohrungen.



    Die Flansche sind gebohrt, nun werden die Gewinde geschnitten.



    Beide Blindflansche sind fertiggestellt. Der vordere Flansch besitzt einen Anschluss für den Druckschlauch der Abdrückpumpe.



    Der zweite Flansch besitzt einen Entlüftungshahn, mit dem die Restluft beim Füllen des Kessels entweichen kann.



    Als Kleinigkeit zwischendurch wurde eine Schlackeschaufel für die Lok gebaut.


    Am 22. Oktober waren die Vorbereitungen abgeschlossen und die erste Wasserdruckprobe seit der Abstellung der Lok im Jahr 1976 durchgeführt.
    Nachdem man Anfang September 1973 in der Werkstatt der VEB Splitt- und Granitwerke Bernbruch die unteren 60% der Heizrohre ausgebaut und über den Winter erneuert hatte, wurde der Kessel am 06.02.1974 einer außerordentlichen Wasserdruckprüfung unterzogen. Der Kesselsachverständige legte nach bestandener Prüfung die nächste innere Untersuchung auf den September 1976 und die nächste Wasserdruckprüfung auf den Februar 1983 fest. Diese wurden jedoch durch die Stilllegung des Feldbahnbetriebs in Bernbruch 1976 nicht mehr durchgeführt.


    Ziel der nun geplanten Prüfung war es einen Überblick über den aktuellen Zustand des Kessel zu erlangen, der im vergangenen Jahr von einem Sachverständigen untersucht worden war.
    Insbesondere Kenntnisse über Undichtigkeiten an Stehbolzen, Stemmkanten und Rohren, sowie den Armaturen sind für die Planung der weiteren Arbeiten notwendig.



    Zunächst wurde die Lok vom Museumsbahnhof zum Lokschuppen in der Teichstrasse überführt.



    Dort wurden die Sicherheitsventile demontiert, um die Blindflansche anbauen zu können.



    Für den Anschluss der Druckpumpe musste noch ein Übergangsstück angefertigt werden. Da unsere Lokwerkstatt noch im Bau und somit keine Drehmaschine verfügbar war, musste feldmäßig improvisiert werden.



    Danach wurden die Flansche angebaut. Die Wetterbedingungen wurden immer ungemütlicher, als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, regnete es in Strömen.



    Der Kessel wurde im Anschluss mittels Füllstutzen in der linken Speiseleitung vollständig gefüllt, bis die restliche Luft aus dem Entlüftungshahn entwichen war.



    Als es soweit war, trat eine kleine Wasserfontäne aus.



    Nachdem mit dem Füllschlauch schon 5,5 bar erreicht waren, wurde nun mit der Handpumpe der Druck langsam weiter erhöht.



    Das Abdrücken geschieht mit einer historischen Pumpe, die noch aus dem Betriebshof der Waldeisenbahn Muskau in Krauschwitz stammt. Wie viele Lokomotivkessel mögen damit wohl schon geprüft worden sein?



    Nach Erreichen des Betriebsdruckes von 12 bar wurde der Kessel soweit möglich befahren und auf Undichtigkeiten, Formänderungen und gerissene Stehbolzen untersucht.



    Nun wurde der Druck bis auf den Prüfdruck gesteigert. Laut Kesselbuch beträgt der Prüfdruck ab Werk 15,6 bar, nach dem heutigen Regelwerk würde er 17,2 bar bei einem Neubaukessel betragen.



    Untersuchung der Feuerbüchse.



    In der Feuerbüchse wurden lediglich leichte Undichtigkeiten in Form von kleinen Wasserperlen an zwei Rohren und am Rande eines Stehbolzenkopfes gefunden - nicht schlecht für die erste Wasserdruckprüfung nach 44 Jahren außer Betrieb! Die zu Tage getretenen Undichtigkeiten an den Armaturen lieferten wichtige Informationen für die nun anstehende Aufarbeitung.



    Nach Abschluss der Prüfung wurde das Kesselwasser abgelassen und die Lok komplett entwässert, da der erste Frost nicht mehr fern ist. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Heiko Werner für die tatkräftige Unterstützung bei den Arbeiten.



    Als erstes kommen die Sicherheitsventile in die Werkstatt, die ua. auch neue Federn benötigen.


    Dazu mehr demnächst.


    Gruß Sven

  • Mahlzeit!


    Die Aufarbeitung der Sicherheitsventile hat inzwischen begonnen. Sie wurden grob gereigt und zerlegt. Die jahrzehntelange Abstellung der Lok unter freiem Himmel hat starke Korrosionsspuren hinterlassen. Das Innenleben muss zum überwiegenden Teil neu gebaut werden. Zum Glück liegen die originalen Zeichnungen vor, das spart eine Menge Aufwand.




    Zunächst wurden die Ventile auf dem Waschtisch grob gereinigt und dann mit Ofenreiniger eingesprüht.



    Nach dem Entfernen von Farbe und anhaftendem Schmutz wurden die Ventilsitze aus dem Gehäuseboden gepresst. Dies musste mit äußerster
    Vorsicht passieren, um keine Schäden zu verursachen. Der Pressdruck
    betrug jedoch lediglich 2t.



    Die Ventilspindel war mit dem Ventilkörper, den Federtellern und der Ventilfeder zusammengerostet. Rechts unten der unbeschädigte Ventilsitz.



    Das Ventilgehäuse aus Stahlguss befindet sich in recht gutem Zustand. Nach dem Reinigen wird eine Oberflächenrissprüfung durchgeführt.



    Der Presssitz für den Ventilsitz muss bearbeitet werden. Vorteilhaft wäre hier ein Gewinde, um den Ventilsitz zum Nacharbeiten einfacher ausbauen zu können.



    An Kopf des Gehäuses ist eine Gewindebuchse aus Rotguss eingepresst, mit der das Ventil eingestellt wird. Das Gewinde ist in gutem Zustand und muss lediglich gereinigt werden.



    Nachdem für einige Zeit in Petroleum eingeweicht, wurde vorsichtig mit dem Zerlegen der Ventilspindel begonnen. Die Stahlteile müssen sämtlich erneuert werden, jedoch sollte zumindest der Ventilkörper
    gerettet werden.



    Nachdem der obere Federteller und die Ventilfeder nur mit leichten Hammerschlägen entfernt werden konnte, ließ sich der untere Federteller nur mit der Hydraulikpresse demontieren.



    Der Ventilkörper ließ sich nur mit etwas Wärme entfernen.



    Glücklicherweise blieb das Ventil unbeschädigt. Es handelt sich um ein recht kompliziertes Gussteil und ist nicht so ohne Weiteres nachzufertigen.



    Beide Ventilsätze nach dem Zerlegen.



    Und hier ein Ausschnitt aus der Ventilzeichnung zum besseren Verständnis. Der Hubbegrenzer 8 fehlte bei beiden Ventilen.



    Aus 25er Rundmaterial entstand nun die erste neue Ventilspindel.



    Alt- und Neuteil im Vergleich.


    Soweit für heute, mehr demnächst an dieser Stelle.


    Gruß Sven

  • Nabend Sven


    Als jahrelanger, stiller Mitleser hier im Forum, muß ich Dir, nun endlich auch einmal, ein dickes Lob aussprechen.


    Dein Beitrag ist das Beste, was ich hier bislang zu sehen bekommen habe und ich freue mich auf jede Fortsetzung!


    Ich hoffe, daß Du genug Kraft und Ausdauer hast, um das Projekt zu Ende zu führen.


    Gruß Andi

  • Mahlzeit Andi,


    dann will ich dich mal nicht lange warten lassen.



    An der Spindel war nun die Aussparung für die Anlüftstange zu fräsen. Beim Vermessen der verrosteten Altteile waren von der Zeichnung abweichende und zudem unterschiedliche Maße aufgefallen. Dies deutet darauf hin, dass die Spindeln schon einmal erneuert wurden.Zunächst wurden 2 Bohrungen an den Enden der Aussparung gesetzt.



    Anschließend wurde der Zwischenraum stufenweise ausgefräst. Mit dieser Variante schon man den Fräser ungemein, da er nicht senkrecht eintauchen muss.



    Nachdem in das untere Ende noch die Bohrung für den Mitnehmerstift gebohrt und gerieben worden war, ist die Spindel fertig.



    Nun bekamen die Ventilkegel ein Bad in verdünnter Salzsäure, um die hartnäckigeren Anhaftungen entfernen zu können.



    Nach dem Abspülen war der reichlich vorhandene Kesselstein als feiner Schlamm gelöst und ließ sich leicht abbürsten.



    Nun ging es zum Feinschliff auf die Drehmaschine.



    Der Mitnehmerstift wurde eingepresst. Er verhindert ein ungewolltes Verdrehen des Kegels und erleichtert gleichzeitig das Einschleifen des Ventils



    Die fertige Baugruppe.



    Auch der Ventilsitz wurde ausgesäuert und überarbeitet. Das Spiel zwischen Ventilführung und Sitz wurde gemessen und liegt noch im Toleranzfeld der Zeichnung, ansonsten müssten die 4 Führungsflächen hart aufgelötet werden.
    In den nächsten Schritten werden die Federteller, sowie die der fehlende Hubbegrenzer angefertigt, danach geht es mit dem Gehäuse weiter.
    Die neuen Federn sind schon beauftragt.


    Gruß Sven

  • Hallo Sven,


    eine Frage zum zweiten Bild:


    du schreibst das dieser nicht senkrecht eintaucht, sondern Stufenweise.
    Heißt, ein Stück senkrecht und dann Waagerecht aus gefräst?


    Danke und Gruß Ronny


    PS: perfekte Arbeit!!! Handwerk vom feinsten, ohne Computer!!!! :ok:

    Viele Grüße Ronny :huhu:

  • Mahlzeit Ronny,


    Der 6-mm-Fräser tauchte senkrecht in die Bohrung ein und hat dann pro Durchgang 5/10 abgetragen. Rein von den Schnittwerten würde da schon etwas mehr gehen, doch die Späne müssen vom KKS noch durch die Bohrungen herausgespült werden können, musste also klein bleiben. Zudem hatte ich in der Größe nur einen Zweischneider aus HSS.


    Ohne Computer? Nicht ganz! Zwar sind meine Maschinen rein konventionell und ohne DRO, was auch föllig ausreicht, da die Lok 1938 auch ohne gebaut werden konnte, doch die Zeichnungserstellung mache ich schon am Rechner.


    Beste Grüsse


    Sven