Betrieb der Harzer Schmalspurbahnen 2019

  • Hallo Achim,


    schön, daß Du in diesem Zusammenhang an den Jahrestag des Winters 78/79 erinnerst. Dieses Ereignis habe ich als Soldat in Prenzlau erlebt. In der Silvesternacht ging die Katastrophe so richtig los, aber wir hatten im Fernsehraum schon tüchtig gefeiert, u. waren in dieser Nacht nicht mehr zu gebrauchen.
    Die folgenden Tage waren wir allerdings im Katastropheneinsatz, u. brachten festsitzende Pkw-Fahrer in die nächsten Orte. Ich erinnere mich auch an einen Einsatz an einem Zug auf der ehem. Prenzlauer Kreisbahn, der bei Drense feststeckte. Vorsichtshalber hatte man statt des Ferkeltaxi eine 110 mit zwei Rekowagen (zwei- oder dreiachsig) ins Rennen geschickt. Aber auf der Rückfahrt von Löcknitz war bei Drense in einem kleinen Einschnitt Schluß.
    Die wenigen Fahrgäste hatten den Zug bereits verlassen, u. zu Fuß ihr Heil versucht.
    Aber das Personal war noch vor Ort, u. hat die Lok so gut es ging frostsicher gemacht, Wasser abgelassen usw.
    Wir haben die Leute dann zur Gaststätte nach Drense gebracht, die rund um die Uhr geöffnet hatte, u. deren Saal als Notunterkunft für unfreiwillig gestrandete diente. Natürlich gab es dort auch für uns Erbsensuppe u. Bockwurst u. zwei Schnäpse zum Aufwärmen. Hat keinen interessiert, daß wir danach mit dem Ural wieder auf Tour gegangen sind. Abends gab es im Fernsehen dann immer die Bilder von den eingeschneiten Zügen auf Rügen usw.
    Am 01. Februar bin ich dann 21 geworden. Oh Mann, wo ist blos die Zeit geblieben?


    Viele Grüße


    Holger

  • Hallo Holger,


    für mich war die Zeit total gemütlich. Wir waren in Barth zwar auch von der Außenwelt abgeschnitten, aber die Stadt hatte ja praktisch alles, was man brauchte. Ich hatte ja zunächst noch Ferien und dann fiel die Schule aus - toll!!!
    Aus den Schneemassen auf unserem Hof hatte mir mein Vater eine perfekte Rodelbahn gebaut und als es nicht mehr ganz so sehr stürmte, ging es natürlich auch zum Rodeln an die bekannten Stellen der Stadt.
    Als Kind hat mich das alles nicht sehr betrübt und ich konnte mir erst nach und nach vorstellen, was dieses Wetter für die Erwachsenen bedeutete. Meine Schwester war auf Rügen völlig eingeschneit und konnte uns mangels Telefon natürlich nicht zeitnah erreichen. Sie traf natürlich die volle Härte des Winters.


    Bei mir zu Hause war es warm. Wir hatten Ofenheizung und genug Kohle im Keller. Zu Essen und zu Trinken gab es. Die Wasserleitung war zwar abgestellt, aber abgekochtes Schneewasser tat es auch. Und da das Weihnachtsfest gerade vergangen war, hatten wir Unmengen von Kerzen im Haus.
    Während zu Silvester der Strom abgestellt war, schauten wir auf einem batteriebetriebenen Kofferfernseher "Maxe Baumann". Für mich war die Welt in Ordnung.


    Anfang 1979 hörten wir dann sogar über Barth die Hubschrauber der NVA, die Kranke und Schwangere ausflogen und Medikamente brachten. Einige Tage danach beruhigte sich das Wetter.


    Am 13. Februar kehrte der Winter mit voller Härte zurück. An diesem Tag war ich mit vielen Kindern vor der Stadt beim Schlittenfahren. Als auch an diesem Tag ein krasser Temperatursturz mit ergiebigen Schneefällen und Sturm einsetzte, machten wir uns auf den Weg nach Hause.
    Ich erinnere mich, dass ein Traktor uns sozusagen an den Haken nahm. Er zog eine ganze Karawane mit Schlitten und Kindern hinter sich her. Zwar rissen bei verschiedenen Schlitten die Seile, die dann provisorisch geknotet wurden, aber wir sparten Kraft und diese Schlittenpartie machte uns einen Riesenspaß.


    Barth war nun wieder von der Außenwelt abgeschnitten, Straßen und Eisenbahn völlig verweht. Der Barther Stadtfotograf verkaufte nach dem Jahrhundertwinter Fotos von der Schneeberäumung und von den landenden Hubschraubern in seinem Geschäft. Ich hab leider keine gekauft. Es waren auch Fotos von der Räumung der Bahnstrecke dabei.


    Ich bin sicher, dass die aktuellen Ereignisse mit dieser Winterkatastrophe 1978/79 kaum eine Ähnlichkeit haben. Das Ausmaß 1978/79 war ungleich höher. Ich wollte eigentlich nur das Aufgeben der Dampfloks damals im Vergleich zu den Ereignissen am Brocken skizzieren.


    Viele Grüße


    Dampfachim

  • Hallo Achim,


    ja, der reichliche Schnee fällt in diesem Jahr glücklicherweise weiter südlich, vorrangig in höheren Lagen u. längst nicht so flächendeckend wie damals. Mein Garten ist grün, u. unter dem Kirschbaum blühen schon die gelben Winterlinge.
    Was mir aber noch einfiel, man konnte damals im Katastrophenfall auf eine ganz andere Infrastruktur zurückgreifen.
    In Prenzlau, Pasewalk, Brüssow gab es Bahnhofsgaststätten. In den Dörfern gab es Gaststätten, meistens mit Saal, die man schnell zu Notquartieren nutzen konnte. Was gibt es davon heute noch? Vermutlich nichts mehr. In einer vergleichbaren Situation wären die Voraussetzungen heute ganz andere. Mal ganz abgesehen von dem Personal bei Bahn u. Armee.


    Beste Grüße


    Holger

  • Hallo Holger,


    die heutige Situation würde bei einem vergleichbaren Wetter wie 1978/79 wohl ein noch viel schlimmeres Chaos anrichten. Damals gab es in West und Ost viel Hilfe durch das Militär. Ich halte ja sonst nicht allzu viel von Armeen, aber in solchen Katastrophenfällen machen sie einen verdammt guten Job.
    Wo gibt es denn heute noch Bundewehr? Und hierzulande hat die Bundewehr nicht einmal mehr funktionierende Panzer, die man zur Schneeberäumung 78/79 dringend benötigte (in Ost und West). Zivilschutz durch das THW mag punktuell funktionieren, aber ganz sicher nicht bei einer so flächendeckenden Lage.
    Die großflächigen Stromausfälle und Abschaltungen in der DDR waren sicher in großem Maße dem Energieträger Braunkohle geschuldet. Da gibt es heute auch noch andere Energieträger. Aber auch im Westen gab es massive Leitungsschäden, mit denen man heute auch rechnen muss.
    Und wie funktioniert unsere heutige Welt ohne Strom?


    Die große Eisenbahn ist mit einzelnen Schneeflocken heute schon überfordert. Wie sollen Schneemassen bewältigt werden und wie soll die Bahn ohne Strom und mit vereisten Oberleitungen funktionieren?
    Wenn die Straßen unpassierbar sind, wer soll die Versorgung übernehmen?


    Ich habe das Gefühl, dass wir Menschen immer hilfloser auf solche Wetterunbilden reagieren würden.


    Aber da haben wir ja vorgesorgt. Wir haben ja "Klimaerwärmung" . :klatsch::klatsch::klatsch:


    Nicht ganz ernst gemeint...


    Viele Grüße


    Dampfachim

  • Die Lok ist wieder frei.


    Die Mitteldeutsche Zeitung vermeldet: Vom Brocken nach Wernigerode: Vereiste Dampflok wird abgeschleppt.

    Schierke/Wernigerode - Erfolg am frühen Abend: Der auf dem Brocken eingeschneite Zug der Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) konnte am Donnerstag vollständig aus den Schneemassen befreit werden. Mit einem Hilfszug wurde gegen 16 Uhr zunächst der letzte der drei Waggons ins Tal transportiert. Zwei Stunden später startete auch der Transport der vereisten Dampflokomotive.


    „Die Lok muss in Schrittgeschwindigkeit ins Tal geschleppt werden“, sagt HSB-Sprecher Dirk Bahnsen.


    Vor allem die Lokomotive stellte die Einsatzkräfte am Donnerstag vor Herausforderungen, laut Bahnsen glich sie einem „Eispanzer“. „Die Lok musste zunächst rollfähig gemacht werden“, erklärt Sprecherin Heide Baumgärtner. „Hierfür wurden Teile erwärmt und andere abmontiert.“ Nur so sei die Dampflokomotive überhaupt zu bewegen gewesen. Berichte über Schäden durch eingefrorenes Wasser im Kessel der Lok konnte man bei der HSB am Donnerstag nicht bestätigen.

    Dann kann ja sicher morgen im Lauf des Tages der Brockenverkehr wieder aufgenommen werden.


    Einige Bilder von der "Ausgrabung" sind auch dabei.

    Grüße
    Stefan


  • Die Lok ist wieder frei.

    Sehr erfreulich. :klatsch:


    Und nachdem ja jetzt hier alles "hätte, könnte, müsste" zu diesem Thema ad acta gelegt werden kann würde mich mal interessieren wie der "Kleinbus" des Brockenwirts aussieht mit dem wohl die ursprünglich durch den Zug zu evakuierenden Menschen vom Brocken geschafft wurden.


    Viele Grüße von Niels

  • Der sieht so hier aus:


    Foto



    Der Brockenwirt nutzt ein paar VW-Transporter mit Allradantrieb als Gästetaxi/Transportfahrzeuge von Schierke zum Brocken.



    Das Wasser war übrigens aus der Lok abgelassen worden, wie die Harzer Volksstimme berichtet.


    Nachdem sie am Dienstagabend nach der Rettung der rund 60 feststeckenden Fahrgäste im Zug und weiterer 65 Personen aus dem Bahnhof der Brockenbahn auf dem Gipfel zurückgeblieben war, war sie steinhart eingefroren. Das Lokpersonal hatte sie kalt abgestellt – das Feuer erlosch, die Maschine kühlte aus. Um Schäden zu verhindern, war das Wasser abgelassen worden und im Umfeld der Maschine gefroren, berichtet HSB-Sprecher Dirk Bahnsen.


    Was unvermeidbar war, um an der Lok Frostschäden zu verhindern, sorgte nun für zusätzliche Mühe. Das Wasser war vor allem unter der Maschine steinhart gefroren und musste in mühsamer Handarbeit entfernt werden. Und mehr noch: „Wenn eine Dampflok nicht aus eigener Kraft fährt und gezogen wird, funktionieren auch die Schmierpumpen nicht, sodass die Antriebsgestänge nicht mehr gefettet werden und schlimmstenfalls heiß laufen“, erklärt Dirk Bahnsen. Konsequenz: Bei klirrender Kälte mussten die HSB-Mitarbeiter vor Ort Teile der Gestänge demontieren.


    Bei sechs bis acht Grad unter dem Gefrierpunkt und Böen mit Spitzen bis zu 120 Kilometer pro Stunde am Mittwoch und bis zu 50 Kilometer pro Stunde am Donnerstag war das alles andere als ein Zuckerschlecken, sondern körperlich extremste Schwerstarbeit.

    Grüße
    Stefan