20 Jahre Rasender Roland nach Lauterbach

  • Hallo liebe Eisenbahnfreunde,

    während Mathias südlich des Greifswalder Boddens einer letzten Fahrt beiwohnte - Abschied Greifswald - Lubmin , feierten wir am nördlichen Ufer des angrenzenden Rügischen Boddens die erste Fahrt unserer Schmalspurbahn nach Lauterbach Mole.

    Am Nachmittag des 28. Mai 1999 wurde vollendet, was praktisch schon über 100 Jahre in den Köpfen herumgeisterte. Die Rügensche Kleinbahn fuhr nun nach Lauterbach an den Hafen, nicht wie ursprünglich gedacht, zum Güterumschlag, sondern zum Anschluss des Hafens an den touristischen Personenverkehr in Richtung der Ostseebäder im Südosten der Insel Rügen.

    Gefördert zum größten Teil durch die Europäische Union und den Landkreis Rügen, wurden die Bauarbeiten im Herbst 1998 mit der Sanierung der Regelspurstrecke Putbus - Lauterbach auf Holzschwellen begonnen. Anfang 1999 erfolgte dann der Umbau des Bahnhofs in Putbus, einerseits zum Anschluss des neuen Dreischienengleises, aber auch zur Sanierung der Schmalspuranlagen. Ende Mai 1999 waren die Arbeiten im Schmalspurteil noch nicht abgeschlossen und auch die Einbindung in die bestehende Strecke wurde noch verändert. Aber erstmal konnte der Betrieb nach Lauterbach aufgenommen werden. Signal- und Sicherungstechnik und auch der noch immer handbetätigte Bahnübergang an der Binzer Straße konnten erst im Verlaufe der nächsten Monate auf ihren endgültigen Ausbauzustand gebracht werden.

    Die regelspurigen Gleisanlagen am Bahnhof Putbus wurden erheblich reduziert und der Bahnhof Lauterbach (Rügen) komplett geschlossen, sowie alle Gleise vom Hauptgleis abgebunden. Die Züge endeten schon ab Ende 1998 am neu erschaffenen Bahnsteig des Haltepunkts Lauterbach Mole im Bereich des ehemaligen Ausziehgleises in Richtung Hafenmole. Am Gleisende war damals die Errichtung eines Empfangsgebäudes für Bahn und Schiff vorgesehen, das niemals errichtet werden konnte.

    Während der normale Planbetrieb auf der Regelspur seitdem ausschließlich mit Triebwagen und erst in den letzten Jahren teilweise mit lokbespannten Zügen abgewickelt wurde, war die RüKB gezwungen, an jedem Zugende eine Lok einzusetzen, im Jahr 1999 zunächst noch zwei Dampfloks, ab 2000 dann die Diesellok V 51 901 und eine Dampflok.

    Zur Eröffnung der neuen Strecke war sogar der Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern angereist.

    Ich habe Euch einige Fotos mitgebracht und würde mich freuen, wenn Ihr Eure Erlebnisse auf der Jubiläumsstrecke schildern könntet.

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    Für die Eröffnungsfahrt heizte die RüKB die Seidenstickerlok Aquarius C und 99 4801 an. Hier konnte ich die Einfahrt des Eröffnungszuges in das Dreischienengleis am Bahnübergang Binzer Straße festhalten. Gut erkennbar ist die alte Kurbelschranke noch in Betrieb. Der Zug erscheint sehr menschenleer und war es auch, denn wir sehen hier eine Rangierfahrt, also eine nachgestellte Ausfahrt für die Kameras des NDR-Nordmagazin, das natürlich über dieses Ereignis auch berichtete. Dies wurde noch vor der offiziellen Fahrt aufgenommen.

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    Nun wurde es ernst. Die Ehrengäste reisten mit dem 626/928 636 aus Bergen an. Natürlich feierte auch DB-Regio, DB-Netz und DB-Station & Service die neue Strecke, die man sozusagen auf dem Silbertablett serviert bekam. Noch fehlen diverse Absperrungen und auch die Gleisanlage im Schmalspurteil wird sich noch verändern.

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    Der feierliche Moment wurde auf dem neuen Inselbahnsteig zwischen dem sanierten Regelspurgleis 1 in alter Lage und dem neuen Schmalspurgleis 2 K zelebriert. Mit der Schere in der Hand wurde Rügens Landrätin Frau Dr. Karin Timmel flankiert vom Ministerpräsidenten Dr. Harald Ringstorff (rechts) und einem mir unbekannten Vertreter der DB AG. Erst in zweiter Reihe verfolgen Vertreter des Landkreises und der RüKB die Szene. Viele mir immer noch unbekannte Gesichter. Man ließ sich feiern.

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    Bis heute ziemlich unspektakulär endet die neue Strecke an einem modernen Bahnsteig im Hp. Lauterbach Mole. Eine Baumreihe (hier links) lässt immer wieder Durchblicke auf das Hafenbecken und unterschiedlichste Seefahrzeuge zu, während sich rechts hinter den Bäumen die Anlagen einer Marina mit Bootslager und schwimmenden Ferienwohnungen erstrecken. Mir im Rücken liegt die eigentliche Mole, von wo der Blick über den Rügischen und den Greifswalder Bodden schweift. Bei guter Sicht sind am Horizont die Türme der Greifswalder Kirchen zu erkennen. Direkt gegenüber, fast noch zum Greifen nahe, befindet sich die urwüchsige und streng naturgeschützte Insel Vilm, die in stark limitierten Gästegruppen vom Hafen Lauterbach erreichbar ist.

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    "Ein schöner Rücken" Während die Ehrengäste am anderen Bahnsteigende noch immer einen Blick auf Zug und Bodden riskieren, erwarten die Eisenbahner auf und an der 99 4801 die Rückfahrt.

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    Ausfahrt frei aus Lauterbach. Der Nachschuss auf den in Richtung Putbus entschwindenden Zug zeigt die Reste des einstigen Endbahnhofs Lauterbach (Rügen). Ganz links erkennt man die Reste des Anschlussgleises zu einer kleinen Fischfabrik, daneben das Ladegleis. Rechts der Dampflok kann man noch das Umsetz-, bzw. einstige zweite Bahnsteiggleis und ein Abstellgleis erblicken. Noch hat hier keiner wirklich aufgeräumt, sind ausgebaute Gleisjoche übereinander gestapelt. Die nicht mehr benötigten Gleisreste überdauerten noch etwa 10 Jahre und wurden dann zur Schrottgewinnung entfernt. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Schienenschrotts finanzierte DB-Netz interessanterweise Zaunfelder und Pfähle zur Sicherung des Bahndamms an der kleinen Brücke zwischen ehemaligem Bahnhof und Haltepunkt Lauterbach Mole. Für diese Strecke stand kein Etat mehr zur Verfügung.

    Alle Fotos (28.5.1999): Achim Rickelt


    Vielleicht sieht man sich mal wieder auf Rügen. Ab übermorgen fährt die RüBB wieder täglich nach Lauterbach Mole.

    Viele Grüße


    Euer Dampf - Achim Rickelt

  • Hallo


    Ein Empfangsgebäude für Bahn und Schiff davon höre ich das erste mal.Wie hätte es wohl ausgesehen oder wird es doch noch irgendwann gebaut.

    Gruß
    Harald a.F.

  • Hallo Harald,


    zu Deiner Frage kann ich ein Bild liefern.



    Im Spätherbst 2006 hatte ich die Möglichkeit, von Walter Seidensticker exklusiv durch seine einzigartige Modellbahnsammlung geführt zu werden. Er investierte viel Zeit und Geld in den Aufbau einer wohl einmaligen Sammlung von Eisenbahnfahrzeugen, vorrangig Fahrzeuge der Heeresfeldbahnen, aber er steckte auch Unsummen in den Aufbau einer großen Modellbahnsammlung.

    Ein wichtiger Bestandteil waren Dioramen mit verschiedenen Themen, die sich Walter Seidensticker von einem befreundeten Modellbauer anfertigen ließ. Einige vorbildgetreue Dioramen stellten Szenen auf den Einsatzstrecken seiner Originalfahrzeuge dar.

    Unter anderem ließ sich Seidensticker ein Diorama des Haltepunkts Lauterbach Mole in seiner damals geplanten Endform gestalten. Er besorgte sich eigens Zeichnungen für das geplante Empfangsgebäude, das, gut sichtbar, mit einem Restaurant Gäste anlocken sollte. Der dem Prellbock zugewandte Bereich war als Abfertigungstrakt für Bahn und Schiff geplant. Die Schräge mit den Treppen hingegen ist dort tatsächlich vorhanden, aber etwas kleiner.

    In wieweit dieses Gebäudemodell dem tatsächlichen letzten Planungsstand entspricht und wie viel Phantasie da mitschwingt, vermag ich nicht zu sagen. Allerdings erreicht im Hintergrund die Aquarius C mit dem RüKB-Traditionszug den Haltepunkt, ganz wie am 28. Mai 1999.


    Leider weiß ich nicht, ob diese Sammlung nach dem Tod Seidenstickers noch zusammenhängend vorhanden ist. Walter Seidensticker bildete noch zu Lebzeiten eine Stiftung für seine gesamte Sammlung. Seine Modellbahn plante er dem Deutschen Technikmuseum Berlin zu überlassen, wo sein Freund Alfred Gottwald die Eisenbahnsammlung betreute. Gottwald verstarb allerdings noch vor Seidensticker. Walter Seidensticker, am 7.7.1929 geboren, schloss am 6. April 2015 für immer seine Augen.



    Viele Grüße


    Dampfachim

  • Hallo Achim,


    wirklich schade, daß dieses EG in Lauterbach nicht verwirklicht werden konnte. Das würde den westlichen Endpunkt der Kleinbahn ungemein aufwerten. Gerade, weil wir eben eine Diskussion zur neu aufgebauten Küstenstrecke der Greifenberger Kleinbahn hatten.

    Jede Zeit bringt nun einmal neue Ideen in der Gestaltung der Bahnhofsgebäude mit sich.

    Das ließe sich auch schon vor hundert Jahren verfolgen, als zu den Fachwerkgebäuden der Eröffnungszeit modernere Gebäude hinzu kamen.

    Lauterbach wird immer mehr ein attraktiver Endpunkt der Kleinbahn. Ein EG mit gastronomischem Angebot u. einladendem Ambiente könnte das noch aufwerten.

    Ich träume ja immer noch von einem ganzjährigen Zweistundentakt zwischen Lauterbach und Göhren.


    Viele Grüße


    Holger

  • Vielen Dank für diese einblickreiche Reportage, Achim!


    Ich hoffe ja immer noch auf das Umsetzgleis und bin mir nach all den Entwicklungen, trotz der oft schwierigen finanziellen Verhältnissen, sicher, dasss wir das auch erleben dürfen ;-)


    ...wann wurde dieser Bereich eigentlich von DB Netz übernommen? ...erledigt - 2014 ;-)

    Viele Grüße
    Thomas

    Einmal editiert, zuletzt von 2095 007-7 ()

  • Hallo Achim


    Danke für die bebilderte Information.So ein Gebäude wäre garantiert ein einmaliger Publikumsmagnet.

    Wenn der Bedarf vorhanden ist wird es eventuell doch einmal gebaut.So wie es aussieht fehlt noch was

    Rentnerfreundliches nämlich Wege ohne Treppen.

    Na ja man soll ja nie Nie sagen.Also noch einmal Danke für die Infos wo was eventuell zu sehen ist.

    Gruß
    Harald a.F.

  • Hallo Achim,


    danke für den informativen Beitrag.

    Nachdem ja die Press die Strecke als EIU betreibt, haben sich ja die Möglichkeiten zugunsten der RüBB erweitert.

    Gibt es nun Pläne, Lauterbach mit einer Umfahrmöglichkeit für die Schmalspurloks auszurüsten und so den Zweilokbetrieb zu beenden?


    :wink:

    Mit freundlichen Grüßen!
    Jan Hübner

  • Hallo Jan,


    Ich habe es auch schon mit einer Lok erlebt. Gerade noch hatte ich meiner Frau in Putbus erklärt, daß sich erst der blaue Diesel an das Zugende setzen muß, als der Zug schon anfuhr. Weiter ging es mit nur einer Lok bis zur Mole.

    Dort wurden auf der hinteren Plattform zwei Laternen aufgesteckt, die Plattform mit Personal mit einer Handtröte besetzt, u. geschoben ging es wieder zurück nach Putbus.


    Beste Grüße


    Holger

  • Hallo Achim,

    danke für die bebilderten Erinnerungen! Wobei ich immer wieder bedauere, dass zugunsten Lauterbach Mole die Halte in Lauterbach entfallen sind.

    Das Bild von dem einst geplanten "Empfangsgebäude" Lauterbach Mole kannte ich bislang noch nicht - schade, dass es bis heute nicht umgesetzt werden konnte. Mit ein wenig Phantasie könnte man eine ähnliche Ansicht in Sassnitz erleben: http://www.cafe-gumpfer.de/bil…out/bildwaehler/2_big.jpg (keine Werbung: ein wirklich empfehlenswertes Cafe)

    Viele liebe Grüße von der Ostseeküste
    und von Peter

  • Hallo Peter,


    stimmt, Gumpfer ist sehr empfehlenswert, sowohl in Sassnitz, als auch neben dem Ozeaneum in Stralsund, wobei der Ausblick in Sassnitz natürlich nicht unbedingt zu toppen ist. Ich habe vor allem in Sassnitz schon so manche Kalorie verdrückt, die dann anschließend fast immer durch einen Spaziergang zum Leuchtfeuer auf dem Molenkopf wieder verbrannt wird.


    Lauterbach (Rügen) ist seit Jahren wieder Verkehrshalt für die Regelspur. Für die Schmalspurzüge ist der Bahnsteig dort eindeutig zu kurz. Es würde auch keinen Sinn machen, dort zweimal anzufahren. Damit ginge uns außerdem von der ohnehin sehr knappen Zeit für die Lokbehandlung in Putbus noch mehr Zeit verloren.

    Für die Touristen ist der Halt an der Mole eindeutig günstiger gelegen.



    Ich habe aber schon einen Verkehrshalt in Lauterbach (Rügen) erlebt. Das war im Jahre 2012, als wegen eines Feuerwehreinsatzes das Gleis zwischen Lauterbach (Rügen) und Lauterbach Mole gesperrt werden musste. Der Zugleiter ließ unseren Zug damals ausnahmsweise bis zum Haltepunkt Lauterbach (Rügen) fahren. Wie man sieht, führt der Zugführer gerade die Bremsprobe aus.

    Hingegen werden dort immer wieder irrtümlich auf die Kleinbahn wartende Urlauber dort nicht mitgenommen.


    Ideen, den Endpunkt Lauterbach Mole mit einem Umsetzgleis auszurüsten, gab und gibt es immer wieder. Ob es noch zu einer Umsetzung kommen wird, vermag ich nicht zu sagen. Nachdem sie in der vergangenen Saison untersuchungsbedingt pausieren musste, steht 251 901-5 in diesem Sommer frisch revidiert wieder zur Verfügung.

    Ich könnte mir ein schönes Empfangsgebäude mit Café auf dem Molenkopf dort auch gut vorstellen. Dort würde ich mir wohl so manche Tasse Kaffee schmecken lassen. Aber in der Richtung ist dort zur Zeit nichts in Aussicht.


    Der Regelverkehr wird also auch in Zukunft mit zwei Loks abgewickelt werden. Aber Holger hat das schon richtig beobachtet. Seit einigen Jahren gibt es für kurzfristige Ausfälle die Zulassung für das Schieben der Züge von Lauterbach zurück nach Putbus. Dafür wird die Zugspitze entsprechend beleuchtet, mit einem Luftbremskopf versehen, der für eine Notbremsung vom Zugführer mit einem Seil geöffnet werden kann und mit eben diesem Zugführer besetzt. Der beobachtet Strecke und Signale, hat zur Warnung der Passanten eine tragbare Hupe dabei und hält über Funk Sprechverbindung zur Lok. Weil die Höchstgeschwindigkeit der geschobenen Züge aber auf 20 km/h begrenzt ist, und die Einfahrt in den Bahnhof Putbus gar nur mit Schrittgeschwindigkeit befahren werden darf, bringt uns diese Betriebsform zwar etwas Flexibilität bei Lokschäden, die Schlepplok kann dann schnell mal nach Göhren fahren und trotzdem fällt kein Zug aus, aber sie bringt uns auch immer einige Minuten Verspätung, was gerade im Hinblick auf die Lokbehandlung wieder schwierig ist.

    Diese Betriebsform wurde von der Bahnaufsicht nur für kurzfristige Überbrückung von Ausfällen genehmigt, keineswegs als langfristige Betriebsform und somit nicht als dauerhafter Ersatz der zweiten Lok.


    Viele Grüße


    Dampfachim