Abrechnung mit Mehdorn und Konsorten

  • Hallo,


    was das Volk will - HAHA - guter Witz! Was die (Auto-)Industrie will wohl eher... ich bin weit Ü50 und bin Zeit meines Lebens erst zum Studieren und dann zur Arbeit mit der Bahn gefahren. Es geht auch ohne Auto - aber wenn einem das schon 10 km vor Frankfurt am Main so schwer gemacht wird - wie sollte es dann auf dem flachen Land noch funktionieren?

    Mit der Bahn ging es bald nach dem Krieg schnell bergab. Aber nichts hat den Niedergang und den Abriss von Gleisen so sehr beschleunigt, als wenn die Bahn irgendwo ansatzweise dem Auto im Weg war. Wenn mal eine Brücke oder ein Durchlass hätte gebaut werden müssen, war das das sofortige Todesurteil: die Bahn ist dem Fortschritt im Weg und muss weg.


    Viele Grüße, Matthias

  • Guten Abend,


    dem geneigten Leser sei mal auf diesen Beitragsfaden auf Drehscheibe Online des Herrn Dr. Philipp Nagl hingewiesen, seines Zeichens Produktionsvorstand DB Fernverkehr AG. Die Echtheit wurde auch vor der Moderation bestätigt.


    In meinen Augen scheint in der Oberen Etage der DB eine neue Unternehmenskultur einzuziehen... erst die Opendata-Initiative: diverse Stationsdaten der DB sind frei verfügbar (auch so frei, daß sie in OSM nutzbar sind). Dann auch die Geschichte um das Angebot von Marcus Grahnert wirft für mich mittlerweile ein Positives Licht auf die DB und jetzt die Mitarbeit des Vorstandes direkt... :thumbup:


    goßes Lob!


    Sven

  • Hallo,


    nun mein Beitrag. Vielleicht bringt er Einigen Licht in die Realiät.


    Strecken sind eröffnet worden und gerade Nebenbahnen oft auch wieder geschlossen.

    Das System "Eisenbahn" ist ein recht starres. Deshalb gibt es Streckenstillegungen schon mindestens seit 100 Jahren. Egal unter welcher Regierung. Das Verkehrsbedürfnis kommt vom Nutzer, es spielt Preis und Angebot eine entscheidende Rolle. Egal ob da Menschen oder Güter transportiert werden.

    Der Ruf nach Politik und Regierung ist ein hilfloses Rudern gegen das Bedürfniss der Masse, sozialistisch anmutende Zwangsmaßnahmen sind echt wieder denkbar! Schlimm!!!

    Technische Maßnahmen um Kosten zu senken, haben oft genug eine Strecke nicht überleben lassen. Wo bitte soll eine Regierung ansetzen, um Menschen zu zwingen, gegen ihre Vernunft und Logik zu handeln? Es gibt durchaus Verkehrssysteme, die am jeweiligen Ort funktionieren. Wo es keine Nachfrage gibt, soll es mit Steuergeld am Leben gehalten werden??? Das hat nicht einmal die DDR ohne volkswirtschaftlichen Grund getan. Und trotzdem war sie am Ende recht blank und schmutzig, die Masse wollte dieses System nicht mehr, hatte die Nase voll davon.

    Ich bewundere jeden, der sein Leben ohne Auto meistern kann. Aber das dann anderen aufzwingen zu wollen, hat mit einem freien Land mit freiem Denken nichts mehr zu tun. Wenn ich heute Zug fahre, dann weil es mir Spaß macht, ich mir diese Freude bewusst leiste. Um damit mein Leben zu organisieren, funktioniert es hinten und vorn nicht.

    Eisenbahn ist heut noch präsent, wo sie genutzt wird.

    Andernfalls fahren Busse und Straßenbahnen.

    Noch vor ein paar Jahren war es Thema gegen die Entvölkerung des Landes Studien zu präsentieren. Jetzt soll alles wieder in die Städte, um den ÖPNV für Viele möglich zu machen. Dafür werden die letzten Bebauungslücken geschlossen, viel städtisches "Grün" und "Luft" zugebaut. Auch eine Stadt ist irgendwann voll! Und damit letzten Endes der Bus und die Straßenbahn. Kennt ihr die Zeiten noch, wo man nicht mehr in die Bahn einsteigen konnte, erst recht nicht mit Kinderwagen???

    Gruß Micha

  • 99 572


    irgendwie hast du meinen Beitrag überlesen. Meine Bahnstrecke, eine klitzekleine Nebenbahn, hatte vor 3 Jahren 1600 Fahrgäste, aktuell über 1800 Fahrgäste und bis zum Jahr 2030 werden 2600 Fahrgäste bei Stundentakt und 3200 Fahrgäste bei Halbstundentakt erwartet.


    Und genau diese Strecke wurde in den letzten 2 Jahren "kastriert", so daß das geplante Betriebsprogramm überhaupt nicht mehr durchführbar ist.


    Und so sieht es vielerorts aus.


    Nächstes Beispiel der "Kastration" ist die Ostbahn. Hier ist nach der "Modernisierung" so gut wie kein zusätzlicher Zug mehr möglich. Die Fahrgastzahlen explodieren hingegen.


    Auf der Strecke nach Templin konnten monatelang keine Reisezüge fahren, weil die verfügbaren Tassen für Umleiter Güterzüge gebraucht wurden. 1 Jahr zuvor hat man fast alle Kreuzungsmöglichkeiten zerstört.


    Auf der Strecke nach Frankfurt wurden vor ein paar Jahren die Bahnsteige mit Steuermitteln verkürzt. Nun haben sich die Fahrgastzahlen verdreifacht, aber es sind keine längeren Züge möglich. Nun sollen die Bahnsteige mit Steuermitteln wieder verlängert werden, was aber nicht mehr überall möglich ist.


    Irgendwie hast du die Verkehrswende auch verschlafen.


    Und die Leute wollen auch nicht mehr in die Stadt, weil die Mieten dort unbezahlbar geworden sind. Die Städter ziehen jetzt aufs Land. Also brauchen wir gute Pendlerlinien. Nur hat unsere Politik diese gerade zerstört.


    Viele Grüße

    Toralf

  • Ich hatte letztens wieder mal in nette Unterhaltung.
    Und dabei mich wieder daran erinnert das mein Vater der jahrzehnte lang mit der Bahn nach Karl-Marx-Stadt gefahren ist, nach der Wende plötzlich gezwungen war einen Autoführerschein zu machen und sich einen Pkw zuzulegen. Einfach weil er nicht mehr pünktlich zur Frühschicht im Bahnbetriebswerk sein konnte weil einfach gar kein Zug mehr so früh fuhr, Sprich er hatte zwar einen Dienstfahrschein und hätte theroretisch jeden Tag kostenlos mit der Bahn auf Arbeit fahren können, konnte es aber nicht weil das Angebot so ausgedünnt wurde das es für den normalen Berufsverkehr extrem unattraktiv wurde. Und so ging es vielen seiner Kollegen, sodass in den 90ern der Parkplatz vorm BW rappel voll war.


    Man kann also auch Nachfrage künstlich beiseite schaffen. Und damit hat man bei der Bahn schon viele Jahrzehnte Erfahrung.

    Gruß André

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  • Hallo Toralf,


    Verkehrswende? Wo siehst du die?

    Die einzige Bewegung die hier als Wende proglamiert wird, ist doch, dass vom verbleibenden Netto, noch mehr abwandert. Als Gegenwert wird einem ein "sauberes" Gewissen verkauft.


    Natürlich machen deine Beispiele klar, dass dort, wo Nachfrage herrscht, oft unbeholfen "nichts", oder genau das falsche getan wird. Ich habe auch durchaus geschrieben, dass es in bestimmten Regionen funktioniert und Eisenbahn eine Berechtigung hat. An diesen Stellen gilt es anzusetzen, statt in blinder Wut auf die Leute zu schimpfen, die sich genau die Misstände nicht antuen wollen.


    Gruß Micha

  • Hallo Micha,


    unter Verkehrswende verstehe ich, daß immer mehr Menschen die Schnauze voll haben, sich jeden Tag mit ihrer Blechbüchse in den Stau zu stellen und stattdessen gut funktionierende und schnelle öffentliche Verkehrsmittel fordern. Diese Menschen würden gerne auf die Bahn umsteigen, wenn sie es denn könnten. Sie können aber nicht, weil unsere Politik (wie bei vielen anderen Themen auch) komplett versagt.


    Warum redet man, wie in meinem Beispiel, vom 30min-Takt und sorgt gleichzeitig (!!!) durch Rückbaumaßnahmen dafür, daß dieser gar nicht mehr möglich ist?


    Viele Grüße

    Toralf

  • ...Toralf, deine letzte Frage kannst du ganz einfach damit erklären, dass da zwei verschiedene Körperschaften ihr jeweiliges Interesse bekunden. Die dritte Körperschaft im Bunde ist der Kunde (Fahrgast), der offensichtlich zu wenig Geld liefert, um die Kosten des ganzen zu decken.

  • Guten Abend zusammen,


    ich sehe das ehrlich gesagt wie Toralf und würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Meiner Meinung nach muss mehr ÖPNV angeboten werden, als momentan Nachfrage da ist. Die kapitalistische Denkweise sollte man auf den Kopf stellen. Denn erst wenn der Bus auf dem Dorf im Halbstundetakt verkehrt, stellt er eine Alternative zum Auto dar (das weiß ich aus eigener Erfahrung). Erst wenn der Bus abends auch nach 21h noch verkehrt, kann er auch von Menschen wie mir, die frühesten um 22h am Bahnhof stranden genutzt werden. Natürlich darf sich ÖPNV nicht rechnen, das ist doch ganz klar. Wozu auch?? Bildung rechnet sich auch nicht, Kultur erst gar nicht. Trotzdem generieren diese Felder im dritten oder vierten Umlauf fast alles Geld, was der deutschen Wirtschaft und Regierung zur Verfügung steht, denn Bodenschätze und landwirtschaftliche Produkte werden Deutschland nicht durchbringen.......


    Viele Grüße,

    Lenni