Vor genau 50 Jahren - das Ende der RüKB-Nordstrecke!

  • Hallo liebe Freunde der schmalen Spur,


    Heute jährt sich ein trauriger Tag zum 50. Mal. Am 18.Dezember 1969 um 7:25 Uhr erreichte der P 840 mit Müh und Not und eine halbe Stunde zu spät aus Wittower Fähre kommend den Bahnhof Bergen Ost. In der Nacht zuvor hatte massiver Schneefall eingesetzt, der nun zu undurchdringlichen Verwehungen zusammen getragen wurde. Nach der Ankunft wurde sofort mit dem Bergener Schneepflug 97-49-13 versucht, die Strecke wieder befahrbar zu machen. Abfahrt 10:30 Uhr. Man kam nur bis Patzig. Ein zweiter Versuch wurde an diesem Tag nicht unternommen. Um 12:00 Uhr trägt der Zugleiter die Rückkehr ein.

    Am 19.12. fuhr die nächste Räumfahrt um 9:30 Uhr ab und endete um 10:20 Uhr ebenfalls in Patzig. Für diese wenigen Kilometer 50 Minuten. Man kann sich vorstellen, dass die Kollegen alles gaben. 10:55 Uhr ging es zurück, Ankunft Bergen Ost um 11:36 Uhr - Feierabend!!!

    Am 20.12. wollte man es wissen. Neben 99 587, die die letzte reguläre Fahrt absolviert hatte, stand noch 99 4631 bereit. Mit zwei Sperrfahrten rückte man aus. Abfahrt 8:35 bzw. 8:45 Uhr. Immerhin meldet das Zugmeldebuch die Ankunft Wittower Fähre um 13:50 !!! bzw. 14:00 !!! Uhr. Von dort ging es um 14:30 bzw. 14:40 zurück, wobei die Sperrfahrten sich gegenseitig in Trent überholten. Ankunft Bergen 16:30 bzw. 16:40 Uhr.

    Resultat - man war angekommen, aber zu welchen Preis?

    21.12., letzter Versuch. Eine Sperrfahrt Abfahrt Bergen 8:30 Uhr. Man kam bis Bubkevitz, Ankunft 10:30. Gleich zurück um 10:35 Uhr , Ankunft Bergen Ost um 11:48 Uhr.

    Die Eintragungen (alle mit Bleistift) enden mit dem formalen Vermerk Sperrung aufgehoben (man war ja als Sperrfahrt unterwegs).

    Darunter folgt als letzter Eintrag in diesem geschichtsträchtigen Zugmeldebuch mit blauem Kugelschreiber der Eintrag Betrieb eingestellt !!!

    Es sollte dabei bleiben.

    Vier Tage Kampf und alles war umsonst.

    Zwar hatte man sich unter ungeheuren Anstrengungen mit zwei Schneeräumzügen noch einmal bis zur Fähre durchgekämpft, aber zu welchem Preis?


    99 4631 hatte sich bei der brachialen Gewalt im Schnee eine Treibstange verbogen und 99 587 musste mit Rohrlaufen in die Werkstatt.

    Beide Loks wurden zwar repariert, kehrten aber nicht mehr nach Bergen zurück. Der Kraftverkehr übernahm die Beförderung der Reisenden im Schienenersatzverkehr. 99 4631 kam weiterhin auf der Bäderstrecke zum Einsatz. Für 99 587 gab es keine Verwendung mehr. Sie wurde 1974 zerlegt.

    In Bergen verblieben die Dieselloks Köf 6001, Köf 6003 und die schon seit Dezember 1968 abgestellte 99 4644.

    Der Personenverkehr blieb auf der Straße. Es gab noch vertragliche Verpflichtungen gegenüber Güterkunden in Trent zu erfüllen.

    Entgegen anderslautender Meinungen gab es keinen Bedarfsgüterverkehr mehr auf der Schiene. Die Rbd Greifswald musste statt dessen einen Ersatzverkehr mit LKW des Kraftwagen-Betriebswerks Greifswald organisieren, der bis zur Kündigung der Verträge die Aufgaben erfüllte.


    Und auf der Schiene?

    Köf 6001 und 6003 waren tatsächlich immer mal wieder unterwegs. Zunächst mussten alle unterwegs stehen gebliebenen Wagen eingesammelt werden. Zum 7.7.1970 wurden lt. Unterlagen der Verw. Wagenwirtschaft die Wagen der Nordstrecke ausgemustert. Jetzt begann auch der Verkauf von Wagenkästen bzw. die Verschrottung nicht verkäuflicher Wagen (bspw. Ow). Wagenmeister Erwin Fürstenberg sicherte sich als erster zwei Gw-Kästen. Viele Wagen wurden auf eigener Achse in die Nähe ihres Bestimmungsortes überführt. Eine Art zentraler Umschlagsplatz war der Bf. Trent. Dort wurden Achshalter, meist auch Bühnen und Bühnengeländer, Trittbretter, Bremsausrüstung abgebrannt und mit den Radsätzen in mitgebrachten Güterwagen zur Schrottgewinnung nach Bergen zurück gebracht. Die Wagenkästen dienten oft bis in die jüngere Zeit als Schuppen, Stall oder Gartenlaube. Einige konnten wieder auferstehen und fahren heute wieder auf dem Rasenden Roland. Diese Fahrten waren jeweils genehmigt und fanden somit nicht etwa illegal statt. Weil nicht unbedingt eine dem Streckenzustand angepasste Fahrweise angestrebt wurde, kam es auch zu Entgleisungen. Köf 6001 entgleiste dabei so schwer, dass sie um 180° gedreht wieder aufgegleist wurde und damit entgegen der gewöhnlichen Richtung stand. Um die durch die Hilfszugeinsätze entstandenen Kosten intern irgendwie sinnvoll abrechnen zu können, erfanden die Eisenbahner den eigentlich ungebräuchlichen Begriff beschränkter Wagenladungsverkehr.

    Er wurde von manchen Eisenbahnforschern fehlinterpretiert und mit einem Bedarfsgüterverkehr gleichgesetzt. Nein, die Ladung war der verkaufte Wagen.


    Per 30.9.1970 erfolgte die offizielle Stilllegung der Strecke Bergen - Wittower Fähre. Danach noch bis 1971 mit den Dieselloks durchgeführte Fahrten dienten ausschließlich Räumungszwecken und dem Streckenabbau, wozu ein Abbauzug mit Güterwagen und dem KB 971-210 als Aufenthaltswagen unregelmäßig verkehrte.

    Jetzt noch erfolgende Wagenverkäufe erfolgten ausschließlich über Bergen.


    Noch 1975 standen einzelne Fahrzeuge im Bereich des Bf. Bergen Ost. Die Dieselloks gelangten dann ab 1976 beim Gleisumbau auf der Bäderstrecke wieder zum Einsatz, Köf 6003 ist noch immer erhalten und heute Rangierlok in Putbus. 99 4644 gelangte 1977 als Denkmal nach Neustelitz und gehört heute zum Pollo.

    99 4631 - na ja, unzugänglich in Kanzach …


    KB 971-210 war zunächst Ausstellungsstück in Putbus und ist heute beliebter Sonderwagen in Putbus und wird gern für Familienfeiern, aber auch Fotozüge gebucht.


    An die Nordstrecke erinnern nach 50 Jahren nur noch wenige Relikte.

    Aber wir sind gerade dabei, die bekannten Bildbände zu überarbeiten. Ein wenig Geduld müsst Ihr noch haben.


    Viele Grüße


    Euer Dampf - Achim Rickelt

  • Hallo Achim,


    vielen Dank für diese Erinnerungen. Ich bin gespannt, ob wir 99 4631 eines Tages doch wieder irgendwo erleben dürfen.

    Viele Grüße,
    Eckhard

  • Hallo Achim,


    vielen Dank für deine schöne Zusammenstellung zur Einstellung der Nordstrecke. Passend dazu hatte ich gestern Abend euren ersten Band der Kleinbahnreise in den Händen und dachte mir, den könnte ich mir doch mal wieder durchlesen.


    Eine schöne Restwoche wünscht der Thomas

  • Hallo Achim, danke für deinen Beitrag eine schöne Erinnerung tja mein Vater ist noch mit der Kleinbahn bis Trent gefahren zu irgenteinem Studenten Einsatz dort in Trent. Ich kenne die Strecke nur aus vielen Büchern. Also noch mal Dankeschön bis Bald. Martin

  • Hallo Achim,


    tja, die legendäre Nordstrecke hätten wir wohl alle noch gern erlebt.

    Altersmäßig hätte ich das sogar locker schaffen können. Schließlich war ich bereits 1964 zum ersten Mal an der Ostsee! Aber meine Eltern fuhren damals mit mir nach Pepelow am Salzhaff.

    So ein Dienst heute auf der 31 von Deinem Wohnort zur Wittower Fähre hätte doch bestimmt seinen Reiz. Und die vielen Touris steigen an der Fähre zum Schiff nach Hiddensee um ...


    Danke u. beste Grüße


    Holger

  • Aber wir sind gerade dabei, die bekannten Bildbände zu überarbeiten. Ein wenig Geduld müsst Ihr noch haben.

    Hallo Achim,


    Danke für deine kleine Reminiszenz an die Nordstrecke. Aber es sind nicht nur Erinnerungen, die du uns hier mit deinem Beitrag näher bringen möchtest, sonder es sind auch, wie ich es von dir gewöhnt bin, "Aus" Blicke nach vorn - oder was auch immer du mit deiner Andeutung meinst ...


    In Hoffnung auf wieder eine lesenswerte und stark bebilderte Lektüre aus deiner Hand. Und wenn du es nicht mehr zum fest schaffst, mach dir nichts draus es kommt wieder eins ...


    Gruß

    Daniel

  • Hallo Daniel,


    aus unserer Hand wirst Du eine Überarbeitung der Kleinbahnreisen Rügen bekommen. Mit vielen neuen/alten Fotos, mit bekannten Motiven, mit neuen Fakten, alten Fakten und beide Bände um zusätzliche Seiten erweitert. Für Besitzer der ersten Auflage also möglicherweise auch eine Überlegung wert. Natürlich erst recht für Leute, die sich die erste Auflage noch nicht kaufen konnten/wollten und jetzt nicht mehr können, weil sie seit Monaten ausverkauft sind.

    Die Bücher kommen durchweg im Farbdruck, wodurch sogar Schwarzweißfotos deutlich brillanter werden.


    Aber an das Datum der Einstellung haben wir uns mit unserer Überarbeitung nicht angelehnt. Das fiel mir nur auf, weil ich in den Kalender geschaut hatte.


    Ein kleiner Hinweis noch. Ich bekam den Hinweis, dass das Zugmeldebuch sicherlich nicht mit Blei- sondern mit Kopierstift geschrieben war, wie vorgeschrieben. Das ist wegen der Vermeidung späterer Verfälschung plausibel und glaubhaft. Ich bin auf dem Gebiet kein Experte und gebe das hier einfach mal so weiter.


    Tja, 99 4631. Schön wär's ja, wenn sie mal wieder aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt würde und in den Betriebsdienst zurückkehren könnte. Man soll ja nie nie sagen, aber im Moment sehe ich keine realistische Chance.

    Freuen wir uns aber trotzdem, dass wir seit Frühjahr 2019 einen ganz kompletten Nordstreckenzug auf die Strecke schicken können.

    Hatte ich den eigentlich schon einmal ausführlich vorgestellt?


    Viele Grüße


    Euer Dampfachim

  • Hallo Saarsachse,


    stimmt, daran habe ich sogar mitgewirkt!

    Ich frage mich nur, ob ich den Stoff schon mal für dieses Forum aufbereitet hatte?


    Das Foto ist ein Klassiker am Kilometer 40. Immer wieder gern genommener Halt für Scheinanfahrten, es sei denn, dort hat sich die übliche Riesenpfütze ausgebreitet.


    Viele Grüße


    Dampfachim