Dampfmaschine einstellen - nach Gehör und mit modernster Technik


  • Hallo Lenni,


    der Übersichtlichkeit halber möchte ich Dir separat antworten.


    zu 1. Rainer hat es schon erklärt.


    zu 2. Verbundmaschinen lassen sich nicht nach Gehör einstellen, weil man die Hochdruckdampfmaschine nicht hören kann.

    Gleichwohl hat das Raw Görlitz die vielen IV K auch nach Gehör eingestellt. Ich frage mich, wonach sie das eingestellt haben. Da gehörte wohl viel Erfahrung und so mancher Trick dazu, denn die Loks liefen ja ordentlich.


    zu 3. Die Schieber der 99 784 waren einfach zu ungenau eingestellt. Selbst kurze Fahrten über den Bahnhof waren eher eine Beleidigung für's Ohr. Der Zeitaufwand war mit maximal 30 Minuten für die Aktion überschaubar und man konnte nachher die Lok problemlos für eventuelle kurze Probefahrten nutzen. Diese Aktion sollte nicht in Vorbereitung der Lastprobefahrt durchgeführt werden.

    Die Lok wurde gestern indiziert und hat heute ihre Lastprobefahrt absolviert.


    Viele Grüße


    Dampfachim

  • Hallo Achim,


    vllt. wurde die IVK einfach bei geöffnetem Schieberkastendeckel (fremd-) bewegt und das Spaltmaß von Einströmkante und Schieberkante ermittelt. Das sieht man bei Flachschiebern ja sehr gut. Das "Beste Maß" war dann das Betriebsgeheimnis das Schlossers ;-)...


    Gruß Micha

  • Hallo Micha,


    natürlich lässt sich eine Dampfmaschine ja auch durch Ausmessen der Ein- und Ausströmüberdeckung einstellen. Womöglich haben die Görlitzer auf diese Weise die Hochdruck-Maschine eingestellt und nur die Niederdruckmaschine nach Gehör.

    Keine Ahnung, hab das nie live gesehen.


    Viele Grüße


    Dampfachim

  • Zitat

    Die Lok wurde gestern indiziert und hat heute ihre Lastprobefahrt absolviert

    Hallo zusammen,


    die Putbuser Werkstatteisenbahner scheinen hervorragende Arbeit geleistet zu haben!

    Und wer so gute Arbeit leistet und von der Qualität dieser auch absolut überzeugt ist, der kann es sich auch selbst und anderen beweisen und gleich noch zwei frisch untersuchte Wagen zusätzlich an den Planzug der Lastprobefahrt hängen.

    Der P103 hatte heute reichlich Last und Überlänge: Als Zuglok war 99 783 eingeteilt, der die 99 784 zum Zwecke ihrer Lastprobefahrt vorgespannt war. Bei der Rangierfahrt an den Zug in Putbus wurden noch die beiden Wagen 970-151 und 970-752 (beide in DR-Lackierung) aus der Abstellgruppe geholt und vor den Train des Planzuges gesetzt. Zwei Babelsbergerinnen und ein 12-Wagen - Zug, das sah spektakulär aus!

    Leider waren die beiden zusätzlichen Wagen an der Zugspitze verschlossen, so dass der akustische Genuss zwischen Binz LB und dem Haltepunkt Jagdschloss nicht ganz die sonstigen Höhen erreichte - trotzdem war das Schauspiel beachtlich.


    Den "neuen" Fahrzeugen wünsche ich allzeit eine gute Fahrt, den Personalen viel Spaß und Freude mit ihnen und mir noch viele unvergessliche Augenblicke auf den Gleisen der RÜBB.


    Viele Grüße an alle Beteiligten auf der Insel und dem Festland und die Personale, die uns gestern, heute und in den nächsten Tagen sicher über die Insel brachten und bringen werden.

    Danke, ihr macht einen tollen Job - und für die meisten ist es mehr als nur das!


    Thorsten

  • Hallo Achim,


    ich habe dieses Prozedere leider auch nicht erleben dürfen. Das Buch von Wilfried Rettig "Das RAW Görlitz" EK-Verlag enthält zu diesem Thema die entsprechenden Informationen incl. Foto. Bei der IV K stand dann ein Kollege auf dem Kessel am Schornstein um nach Gehör die notwendigen Einstellungen zu veranlassen.


    MfG

    Helmut

  • Hallo, zum Einstellen einer Dampfmaschine nach Gehör gehören zunächst noch die Kontrolle und ggf. Korrektur der Nullstellung, der Schwingenstangenlänge und Länge/Winkel der Schwingenkurbel. Diese Arbeitsschritte erleichtern das Einregulieren nach Gehör aber auch das Indizieren. Außerdem wird damit vermieden, Fehler in der äußeren Steuerung durch verstellen der inneren Steuerung zu vermitteln anstatt zu beseitigen.

    Die Lok wird dazu einfach in alle vier Totpunkte gefahren, in diesen sollte die jeweilige Schwinge genau senkrecht stehen, bzw. der Mittelpunkt des Schwingenradius deckungsgleich mit dem Anlenkpunkt des Voreilhebels an der Schieberschubstange sein. Verändert man im Totpunkt die Auslage der Steuerung darf sich bei korrekter Position des Schwingenkurbelzapfens und korrekter Schwingenstangenlänge der Schieber über die gesamte Steuerungsskala nicht bewegen - ein wesentliches Merkmal der Heusingersteuerung, sie hat immer gleiches Voreilen. Bewegt sich nun der Schieber doch, wird die Länge der Schwingenstange verändert bis er dies nicht mehr tut.

    Die korrekte Nullstellung wird durch Aushängen der Schwingenstange und anschließendes hin- und herpendeln der Schwinge geprüft, auch hier darf sich der Schieber nicht bewegen. Korrigiert werden kann die Nullstellung bei Loks mit Kuhnscher oder Winterthurschleife durch entsprechende Beilagen am Kulissenstein, bei Loks mit verstellbaren Hängeeisen ( IV K) durch Längenänderung derselben.


    Nun kann mit Hilfe der Schauluken im Zylinder durch Verstellen des Schiebers das korrekte Voreilen für diese Baureihe eingestellt werden. Als Voreilen wird das Öffnen des Einströmkanals durch den Schieber bereits vor Erreichen des Totpunktes bezeichnet. Bei der VII K beträgt es 4mm. Macht man diese Arbeitsschritte mit hinreichender Genauigkeit ist das Einstellen nach Gehör fast unnötig, es sind höchstens noch minimale Korrekturen der Schieberposition notwendig.

    Zur Gegenprobe muss allerdings vorher die Lok in den anderen Totpunkt dieser Lokseite gefahren werden und die Probe mit der Auslage der Steuerung wiederholt werden. Bewegt sich hier auf einmal der Schieber, lag der Fehler nicht in der Länge der Schwingenstange sondern in Länge oder Winkel der Schwingenkurbel. Deren Korrektur ist nun vergleichsweise aufwendig. Die Bohrung für den Zapfen in der Schwingenkurbel muss versetzt werden. Natürlich kann man diesen Schritt auch überspringen und versuchen diese Fehler durch Verstellen des Schiebers weitgehend zu vermitteln, man wird dann aber niemals vorwärts und rückwärts gleich gutes Regulieren der Dampfmaschine erreichen.

    Die Position des Schwingenkurbelzapfen kann sich bspw. beim aus- und wieder einpressen des Treibzapfens verändern, die Länge der Schwingenstange durch Bearbeitung der Achslagergleitplatten oder Stichmaßkorrekturen. Gruß Andre

    2 Mal editiert, zuletzt von Hutzel ()

  • Hallo, zum Einstellen einer Dampfmaschine nach Gehör gehören zunächst noch die Kontrolle und ggf. Korrektur der Nullstellung, der Schwingenstangenlänge und Länge/Winkel der Schwingenkurbel. Diese Arbeitsschritte erleichtern das Einregulieren nach Gehör aber auch das Indizieren. Außerdem wird damit vermieden, Fehler in der äußeren Steuerung durch verstellen der inneren Steuerung zu vermitteln anstatt zu beseitigen.

    Hallo André,


    völlig richtig. Bei dieser Arbeit habe ich sogar geholfen. Wer vorher möglichst genau arbeitet, hat hinterher wenig Ärger.


    Nun kann mit Hilfe der Schauluken im Zylinder durch Verstellen des Schiebers das korrekte Voreilen für diese Baureihe eingestellt werden. Als Voreilen wird das Öffnen des Einströmkanals durch den Schieber bereits vor Erreichen des Totpunktes bezeichnet. Bei der VII K beträgt es 4mm. Macht man diese Arbeitsschritte mit hinreichender Genauigkeit ist das Einstellen nach Gehör fast unnötig, es sind höchstens noch minimale Korrekturen der Schieberposition notwendig.

    Wie Du sicher zu Beginn des Videos kurz gesehen hattest, waren die Schieber nach der Kontrolle der Schwingenstangenlängen zwecks Ausblasen wieder ausgebaut und sie wurden nur sehr grob wieder eingebaut (hört man im Video ja sehr deutlich). Das Einstellen durch die Schauluken ist dann entfallen und die Dampfmaschine wurde zunächst nach Gehör eingestellt (siehe Video) und einen Tag später indiziert.


    Sicher könnte man noch viel mehr erklären, aber wir wollen ja hier im Forum keinen Lehrgang abhalten.


    Viele Grüße


    Dampfachim

  • Doch doch.. genau das wollen wir.. :)

    Dankeschön für den tollen Exkurs in die Dampftechnik.


    Gruß André


    Mit Verlaub, so toll ich die Beiträge und Ausführungen von Achim und André hier finde (Danke dafür!), einen entsprechenden Lehrgang können sie nur schwerlich ersetzen. Letztes Jahr hatte ich die Möglichkeit einen Solchen zu besuchen und selbst in diesen 10 Tagen Intensivbetankung durch einen renommierten Sachverständigen ist kaum Zeit jedes Thema in seiner Tiefe zu beleuchten.
    Wer in die ganze technischen Materie eintauchen möchte, kann mal die Website der MuBa Schönheide aufsuchen. Hin und wieder werden dort solche Techniklehrgänge angeboten (derzeit der mir einzige bekannte offizielle Anbieter für Techniklehrgänge für Dampflokomotiven in DE!) Ergänzend dazu gibt es entsprechende Lehrliteratur (z.B. Die Dampflokomotive, Transpress 1965). Ich empfehle ausreichend Zeit mitzubringen.


    Gruß,

    Rafael