Viermal Abschied auf der Genthiner Kleinbahn.

  • Am 29.05.1999 schlug die letzte Stunde für die Genthiner Kleinbahn. Gleich vier Strecken verloren für immer ihren Verkehr. Das war damals schon lange absehbar, Bis auf die Ziesarer Strecke, deren Endbahnhof in einem anderen Bundesland lag, nämlich in Brandenburg, verliefen die Strecken größtenteils neben gutb ausgebauten Straßen, teils in Sichtweite! Einem Taktverkehr war kein Erfolg beschieden und bis auf die letzten Tage fuhren die Triebwagen leer durch die Gegend.

    Ich habe die Bilder nochmal rausgesucht, hatte sie vor vielen, vielen Jahren schon mal veröffentlicht. Habe aber auch weit mehr von diesem Kleinbahnnetz, ich war mehrere Male vor Ort.

    Jedenfalls kam ich am Freitag den 28.05.99 nach Schönhausen gefahren und nahm die letzte Fahrt von schönhausen nach Jerichow mit um dann dort in das legendäre Bahnhofshotel Poege zu gehen. Dann konnte ich am Folgetag die letzten Fahrten dokumentieren. Logistisch war das ein Akt alle Abschiedszüge aufzunehmen und möglichst noch mitzufahren.


    Der letzte Genthiner Aushangfahrplan hat es zu mir nach Hause geschafft. Dazu ein Dienststempel vom Bhf Jerichow. Würde ich beides nie hergeben.



    Da fährt er gut gefüllt aus Jerichow ein.



    Etwas verloren wartet er auf die letzte Ausfahrt nach Jerichow im wunderschönen Kleinbahnteil von Schönhausen.




    Am Folgetag war im Bahnhof Ziesar richtig was los. Es gab noch einen Verein der sich um die Strecke nach Görzke kümmern wollte, der war hier wohl auch vor Ort. Das Projekt nahm leider ein unrühmliches Ende.




    Da ja erstmal nur die Abschiedsfahrten im Fokus stehen spulen wir etwas vor nach Güsen. Dort warten gleich zwei Abschiedszüge auf Ausfahrt. Die Strecke nach Jerichow wurde übrigens im Personenverkehr bereits in den 30ern auf Busbetrieb umgestellt. Dieser endete mit Ausbruch des 2. Weltkrieges und die Züge kehrten zurück.



    Ich konnte auch mit einem Partisanenfoto die letzte Fahrt nach Ziesar noch ablichten, aus dem Fenster des Jerichower Triebwagens..



    Kurzer Fotohalt in Neuderben.



    Parey ist erreicht.



    Derben ist nur noch eine Ruine.



    Der bekannte Bahnhof Ferchland (und einer der schönsten des Streckenteiles..).



    Klietznick ist erreicht, Zeit auch hier nochmal rauszuspringen.



    Ankunft in Jerichow.



    Nun hieß es schnell sein..

    Ob ich mit Taxi oder einem Eisenbahnfreund gefahren bin weiß ich gar nicht mehr, ich galube aber letzteres wenn mich meine Erinnerungen nicht täuschen. So bin ich in letzter Minute am Haltepunkt Scharteuke eingetroffen um die letzte Fahrt aus Genthin für die Rückfahrt nach Jerichow zu nehmen. Mit einer 4-teiligen, übervollen Eiterbeule klang der Tag dann aus..



    Ankunft in Jerichow.




    Im letzten Abendlicht verließen als Leerzug die letzten Triebwagen, die aus Genthin und Güsen angekommen waren den Bahnhof Jerichow für immer..



    Noch kurz in die übrigens bis heute erhaltenen Diensträume des Bahnhofsgebäudes geknippst ging der Tag dann auch für mich zu Ende..




    Bei Bedarf kann ich gern noch Bilder der Strecke raussuchen und dann auch neu scannen. Ich hoffe der Beitrag hat Euch gefallen.


    Viele Grüße, G. Holst. :)


    Links:

    Vor wenigen Tagen erschien auf dem Kanal von Friedrich List diese schöne Mitfahrt. Das war für mich auch die Idee von mir für diesen Beitrag. Leider habe ich damals dort nicht gefilmt, heute bereue ich das. Aber meine Videokamera war kaputt und ich hatte damals echt wenig Geld zur Verfügung.

  • Hallo,


    sehr schöner Beitrag :thumbup: . Wegen Terminüberschneidung könnte ich da leider nicht mitfahren, es wurde an dem Tag in Sachsen ja auch genug zugemacht.


    Ganz recht hast du aber nicht, das alles "zu" gemacht wurde.

    In Genthin wird das Industriestammgleis Richtung Jerichow noch bedient zum Waschmittelwerk und von Güsen aus geht es noch als Bahnhofsgleis nach Zerben zum Schwellenwerk.


    MfG TRO

  • Na das war ja die Steilvorlage, dass ich doch endlich was über das Netz von Jerichow schreiben sollte.

    Aber beruflich bin ich im Moment stark eingebunden, aber ich zimmere mal was zusammen.


    Ich muss zugeben, dass ich zu jener Zeit als Landesvertreter die Abwicklung dieser Strecken auch bearbeitet habe und zu zahlreichen Bürgersprechstunden musste und mir den Ärger hautnah über mich ergehen lassen musste.

    Als Eisenbahnfan sehr schmerzlich, vor allem, weil ein ganzes Netz nebst Bahnbetriebswerk gekillt wurde.

    Sachlich gesehen, die gut ausgebaute Bundesstraße geht fast 70% oder gar mehr, parallel zur Strecke.

    Die Haltepunkte und Bahnhöfe lagen dann auch nicht unbedingt in Ortsmitte, ein Plus für den Bus.


    Die 29 Kilometer lange Strecke verband die Kreisstadt Genthin (Kreis Jerichow II) an der Bahnstrecke Berlin–Magdeburg mit Schönhausen an der Bahnstrecke Berlin-Stendal.


    Die Strecke verlief meist durch flaches, teilweise bewaldetes Land. Südlichster Streckenpunkt war der Kleinbahnhof Genthin, der unmittelbar nördlich des Bahnhofs Genthin an der Bahnstrecke Berlin–Magdeburg lag. In Genthin Zuckerfabrik zweigt die ehemalige Strecke nach Milow ab, welche schon in den 60ern stillgelegt wurde. Von dort führte die Strecke nach Schönhausen nordwestwärts, bis sie bei Jerichow den östlichen Rand des Elbe-Urstromtals erreichte. Dort traf sie auf die Bahnstrecke Güsen–Jerichow. Im weiteren Verlauf führte die Strecke bis Schönhausen in Richtung Norden. Der Kleinbahnhof Schönhausen lag unmittelbar südlich des Bahnhofes Schönhausen an der Lehrter Bahn und wurde gemeinsam mit der Bahnstrecke Schönhausen–Sandau genutzt. Zeitweise, als von 1937 bis 1945 ein Haltepunkt Schönhausen Ost bestand, wurde der Kleinbahnhof als Schönhausen Nord bezeichnet


    Die Strecke wurde am 25. Oktober 1899 als erste Strecke der 1898 gegründeten Genthiner Kleinbahn AG eröffnet. 1944 wurde ein Abzweig von Fischbeck (Elbe) nach Tangermünde eröffnet, so dass eine strategisch wichtige Elbquerung bestand, die aber nie öffentlich genutzt wurde.. Zusätzlich wurde eine Verbindungskurve von Tangermünde Richtung Schönhausen gebaut. Nach der Sprengung der Elbbrücke gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde 1946 noch eine am östlichen Elbufer gelegene Station einmal täglich von Fischbeck aus bedient. Am 1. April 1949 wurde die Strecke Genthin–Schönhausen in den Bestand der Deutschen Reichsbahn eingegliedert.


    Der Personenverkehr erfolgte seit den 1970er Jahren zumeist mit Schienenbussen, die bis zur Einstellung des Personenverkehrs auf der Strecke verkehrten, zuletzt als Baureihe 771 und 772 bezeichnet. Sie wurden im Bahnbetriebswerk Jerichow unterhalten. Jerichow war einst für den Einsatz der Baureihe 24 bei der DR bekannt.

    1990 wurde in der Lage des ehemaligen Haltepunktes Schönhausen Ost ein neuer Haltepunkt Schönhausen Siedlung eröffnet. 1995 wurde ein Zweistundentakt eingeführt. Der 29. Mai 1999 war der letzte Betriebstag für Personenzüge.


    Nach illegalen umfangreichen Gleisdiebstahl wurde von der DB der Abbau an Schrottfirmen genehmigt und dann legal fortgeführt. Heute ist fast die gesamte Trasse beräumt. Nur das Bahnhofsnebengleis nach Zerben existiert noch. Das aufwändig sanierte Anschlussgleis der Henkelwerke wird leider seit Jahren nicht mehr bedient.


    Die Strecken wurden wegen ihrer strategischen Bedeutung schon frühzeitig ausgebaut und mit Betonschwellen ausgestattet. Hier in Redekin - die Ortsnamen sprechen schon für sich.


    Die Kleinbahn verfügte über geschmackvolle und recht moderne Bahnhofsgebäude. Hier Halt in Ferchland, der regionale Schrotthändler hat so manches Eisenbahnfahrzeug zerstückelt....


    Hier ein 771 als Solotriebwagen in Redekin, dieser hat zwei verschiedene Fronten, die eine mit Panoramascheibe und die zweite wohl wegen eines Unfalls schon mit der fünfteiligen Fensterfront. Interessant ist auch die Straße im Vordergrund, Diese besteht aus gelben Ziegelsteinen und existiert heute noch.


    Vorbei an Felder, Gärten, Felder, Wälder, Felder... anders vermag man die Landschaft im Jerichower Land kaum beschreiben.


    Hier rumpelt 771 051 in Richtung Jerichow und passiert dabei die Werksanlagen von HENKEL. Gleich wird der Haltepunkt Genthin A erreicht, was das A bedeutet habe ich nie erfahren.


    Der Bahnhof Jerichow war das Zentrum der Genthiner Kleinbahnen. Modern und für einen ländlichen Bahnhof auch recht umfangreich. In den 90ern gab es den Versuch, mit einem Busshuttle zw. Bahnhof Jerichow und Bhf. Tangermünde den ÖPNV attraktiver zu gestalten, hat sich aber nicht gelohnt.


    Interessant ist vor allem, das kleine Jerichow war eine eigenständige Dienststelle mit Werkstatt, Lokschuppen etc.

    Jeder kennt Jerichow in Verbindung mit dem Einsatz der Baureihe 24, aber auch ELNA Loks waren hier daheim.


    Hier wurden die notwendigen Fristarbeiten aller in der Region eingesetzten LVT durchgeführt.


    Eher ungewöhnlich waren die hier abgestellten 110, denn einen Zugbetrieb mit Loks kenne ich hier nicht.


    Hier kommt der 771 043 mit seinen zwei Fronten in den Bahnhof Jerichow hereingeknattert. Ein Hilfszug gehört mit zum Bw Jerichow.


    Einst typische für die Altmark und für das Jerichower Land, denn hier verkehrten schon vor dem Krieg frühzeitig erste Triebwagengespanne. das dieser VB noch in den 90ern existierte war erstaunlich, die Frage bleibt, warum konnte solch ein seltenes Stück nicht erhalten werden?


    Scheinbar noch in einem guten Zustand


    In Schönhausen war Anschluss an die "Große Bahn" bzw. an die Verbindung nach Sandau, welche ohne Stilllegung aus den Kursbuch verschwand, da der Ausbau der Strecke Berlin - Hannover Priorität hatte und man vergaß ein ordentliches Stilllegungsverfahren.


    Der Bahnhof bestand ausschließlich aus Kiesbettung, Kleinbahn pur


    771 004 bei der Einfahrt aus Genthin, im Hintergrund befinden sich die Formeinfahrsignale.


    Naben Schönhausen, Genthin, gab es auch in Güsen ein eigenes kleines Bahnhofsgebäude. Kleinbahnromantik, die bis in die 90er reichte. Hier stehen die LVT Abfahrbereit nach Ziesar und Jerichow.


    Nochmal ein Blick ins volle BW Jerichow

    Liebe Grüße von der Havel, Thomas

  • Ein Traum!

    Vielen herzlichen Dank!


    Kann jemand Angaben zum 771 045 machen, von wann bis wann er die verschiedenen Fronten hatte und was der Grund dafür war?

    Bilder von "vorne" mit der Panoramascheibe kenne ich leider keine.


    Schön ist aber, dass er auch heute noch fährt - als 772 345


    Gruß Pommi

  • Hallo Pommi!

    Ich vermute mal ein Unfall, kam zu DDR-Zeiten häufig vor. Auch das die Frontpartie später umgebaut wurde auf die drei Fenster.


    Hi BRB`ler Ja gern, ich hatte ja gehofft das Dich der Beitrag irgendwie triggert :) Schöne Bilder!!! Was aus dem VB wurde wüsste ich auch gern, hab den auch aufgenommen damals.


    Gruß G.

  • Hallo Thomas, das dritte Foto ist genial. Sehr schön gesehen und die Stimmung bestens eingefangen.

    Ein Hilfszug gehört mit zum Bw Jerichow.

    Bei diesem Hilfszug dürfte es sich um den (NVA-)Katastrophenzug gehandelt haben der laut Internetseite heute noch im Eisenbahnmuseum Bw Wittenberge erhalten ist: https://www.dampflok-salzwedel.de/fahrzeug_19

  • Hallo,


    besten Dank für die schönen Ferkelbilder. Das Jerichower Netz kenne ich leider nicht richtig. An der Sandauer Strecke bin ich auf dem Weg Richtung Havelberg, Prignitz mal entlang gefahren.

    Mich würde ja mal interessieren, welche Altbautriebwagen dort wie lange gefahren sind.


    Taktverkehr ist ja nicht schlecht, Zweistundentakt geht allerdings oft am Bedarf vorbei.

    Das mag bei touristisch ausgerichteten Bahnen nicht so relevant sein.

    Auf Berufs- u. Schülerverkehr ausgerichteten Nebenstrecken ging der Zweistundentakt leider oft am Bedarf vorbei. Der Arbeitstag in Betrieben u. Behörden in der DDR lag meist

    zwischen 06.45 u. 16.15. Auf diese Arbeitszeit in den Kreisstädten u. Industriestandorten waren die Fahrpläne oft ausgerichtet. Ein starrer Zweistundentakt brachte für viele Pendler große Verschlechterungen, u. trug zum Niedergang des Berufsverkehrs bei.

    Da haben die früheren Fahrpläne, trotz häufig weniger Fahrten, zielgenauer den Bedarf abgedeckt.


    Gruß Holger

  • Hallo Ihr,

    vielen Dank für den schönen Bilderbogen!


    Das Netz um Jerichow, ich werde es nie vergessen, feinste Nebenbahnatmosphäre......


    Von einen meiner etlichen Besuche im Netz, hänge ich mal eine Fahrkarte von 1996 an......

    Für mich war es immer wichtig die Eisenbahn zu nutzen. Neben der Anreise, meist mit dem Wochendticket wurde als Beilage,
    wenn es möglich war, eine handgeschriebene Blankokarte erworben.


    Bis später

    Sven Weißenborn

  • Niels Danke für Deinen Hinweis, das würde gut passen, waren doch in der Umgebung viele Militärs untergebracht.

    Liebe Grüße von der Havel, Thomas