Westinghouse, Körting, Hanomag, HAWA - eine Tour durch Hannover-Linden

  • Hallo,


    an meinem freien Tag heute hatte ich zwar etwas vor, aber meine Frau einen anderen Plan, was zu erledigen wäre. So bekam ich zwei Ziele in der Stadt genannt, wo es was zu holen und hinbringen gab. Sie weiß um meine Vorliebe solche Touren mit dem Fahrrad zu erledigen und gerne auch den einen oder anderen Umweg einzubauen. In Hannover kann man viele schöne Wege mit dem Fahrrad fahren. Heute habe ich für euch mal ein wenig auf solche verzichtet. Die Interessierten nehme ich mit durch die ehemals selbstständige, im Westen von Hannover gelegene industriell geprägte Stadt Linden.


    Vorweg: Es gibt nur wenig Eisenbahn zu sehen aber vieles auf engen Raum, was mal Bedeutung für sie besaß. Damit es sicher zumindest ein Schienenfahrzeug zu sehen gibt, war mein erster Halt am Betriebshof Glocksee der Straßenbahn. Hier fließen die Flüsse Leine und Ihme zusammen und erst auf der gegenüberliegenden Seite liegt Linden.


    Bild 1: Betriebshof Glocksee der ÜSTRA. Hinter den Bäumen fließt die Ihme und erst dahinter liegt erst Linden. Rechts mit den "drei warmen Brüder" ein Wahrzeichen von Linden; ein Kraftwerk von enercity, dessen mittlerer Schornstein auf meinem Bild einen Mastschaden erlitten hat, links hinten das berüchtigte Ihme-Zentrum und im Vordergrund Mansfelder Schlackensteine zwischen den Schienen. Der Link zum Ort: https://goo.gl/maps/oWGdJHqrVLfy7gc3A


    Man muss dann schon ein wenig fahren, um zu unserem ersten eigentlichen Ziel zu gelangen. Dabei kann man auch das letzte Stück den Weg benutzen, den die Stadt Hannover zu Ehren des Erfinders der Druckluftbremse ihm seinen Namen gab: Georg Westinghouse


    Bild 2: Der George-Westinghouse-Boulevard in Hannover, der dem Bächlein Fösse folgt. https://goo.gl/maps/iAbH74XvAsnk4X1J7


    Wer nun eine Firma namens Westinghouse erwartet liegt falsch. Die Firma heißt bzw. hieß bis zur vor kurzem erfolgten Übernahme durch die ZF einfach WABCO = Westinghouse Air Brake Company. Diese beschäftigt sich heutzutage hauptsächlich mit Bremsen für LKW. Ein Freund, der als Ingenieur schon viele Jahre für WABCO arbeitet, wusste bis vor kurzem nicht, dass der revolutionäre Ursprung der Firma bei Druckluftbremsen für Eisenbahnen lag. So lang ist es her ... .


    Bild 3: Der Haupteingang der WABCO. https://goo.gl/maps/zrmgt8DredjbdR8M8


    Auf dem Weg zum nächsten Kandidaten kann man ganz einfach gerade aus weiter fahren. Dabei passiert man auch jene alte Straßenwalze, für die es hier bestimmt auch interessiertes Publikum gibt:


    Bild 4: Eine alte Straßenwalze von Zettelmeyer im Stadtteil Linden. https://goo.gl/maps/ceC15d82ZYnRSryA6


    Am Ende der Straße heißt es dann links abbiegen, wo die Straßenbahn rechts rum fährt. Hier befindet sich auch gleich die Firma Körting, die mit Eisenbahn meines Wissens auch nicht mehr viel am Hut hat und deren Saugluftbremsen in Konkurrenz zu den Druckluftbremsen nach Westinghouse standen.


    Bild 5: Tor 3 der Firma Körting in Linden bei Hannover. (Auf dem Bild nicht erkennbar: Die Rinnsteine sind wie so oft Schlackensteine :) https://goo.gl/maps/5A77Q6Ghn4fqHxXZA


    Wer hier eine Körtingstraße sucht, wird sie nicht finden. Die liegt auf der anderen Seite von Hannover östlich des Hauptbahnhofs, grenzt an die Fußgängerzone Lister Meile und ist mit stattlichen Häusern der Gründerzeit bebaut. Dort lag der erste Mini-Firmensitz.


    Alle Ureinwohner der norddeutschen Tiefebene werden im Bild 5 schon mit Schrecken bemerkt haben, was sich spätestens hier anbahnt: Ein Berg! Und zwar der Lindener Berg, was eher ein langgezogener Hügel ist und auf dessen Gipfel für alle erschöpften Bezwinger ein klasse Biergarten wartet. Auch ich alter Sack musste da hoch schnaufen, denn dahinter liegt / lag die Hanomag. Die Eisenbahn machte es sich leicht und fuhr um den Berg drumherum. Für mich gab es heute kein Bier: ohne aktuellen Schnelltest kein Bier.


    Das Gelände der ehemaligen Hanomag bildet ein Dreieck und wird begrenzt durch die Göttinger Straße / dem Westschnellweg (B6), der Bornumer Straße und im Süden durch den Bahnhof Hannover-Linden. Nur ein Teil des Geländes wird noch für die Produktion für die Maschinen genutzt. Der Rest ging in der Art den Bach runter, wie es andere Gegenden Deutschlands in jüngster Vergangenheit rasanter betraf. Als Kind war mir das in meiner norddeutschen Heimat bereits als Werftensterben bekannt.


    Übrigens interessant zu sehen, was die Hanomag so alles herstellte, wenn man den Wikipedia-Eintrag liest. So ein Harburger Transporter steht bei uns um die Ecke auch noch mit Hanomag-Schriftzug rum. Den zugehörigen Haltepunkt Tempo-Werk kannte ich von der alten S3 in Hamburg noch als Kind. Ich schweife ab ... .


    Bild 6: Komatsu-Hanomag vom Deister-Kreisel aus gesehen, vermutlich repräsentativer Eingangsbereich zum umfangreichen Gelände. https://goo.gl/maps/AoaHGkmhC6qhbkiz6


    Was auf dem Bild 6 noch recht grün aussieht, könnte von der Homepage eines Immobilienmaklers stammen. Denn hinter dem Gebäude führt der Westschnellweg vierspurig in beengtester Nähe an Häusern vorbei. Dort befindet sich auch eine der Luftmessstationen in Hannover, die trotz Tempo 40 immer wieder für Freude sorgt. Und ich bin für euch dort mit dem Fahrrad lang! Und zwar passiert man werksseitig eine erhaltene Halle. Deren einer Nachnutzer ist bei meinen Kinder aber sehr beliebt, weil man nach Herzenslust Fahrräder aussuchen und testweise fahren kann. Das folgende Bild 7 zeigt die kurze Stirnseite. Wer innen drin nach oben blickt, erkennt zumindest die Reste einer riesigen Kranbrücke. Und während meine Kinder ein Rad nachdem anderen probierten stellte ich mir immer vor wie da oben eine preußische T20 oder sogar eine "Javanic" hing. War aber nicht, ist nämlich die später erbaute sogenannte "U-Boot-Halle"


    Bild 7: erhaltene Produktionshalle der Hanomag mit Nachnutzung. https://goo.gl/maps/CxWec9Hq87QhHs4FA


    Nun aber schnell weiter unter dem Bahnhof Hannover-Linden durch, der hauptsächlich von Zügen der Güterumgehungsbahn genutzt wird. Trotz der hohen Zugfolge habe ich mir nicht die Zeit gegönnt auf einen der vielen Güterzüge zu warten. Auf der anderen Seite, der heute zum Stadtteil Ricklingen aber früher zu Linden gehörte lag die HAWA oder auch Hannoversche Waggonfabrik AG, die es noch viel länger nicht mehr gibt und deren örtliche Eingrenzung mir auch schwerer fällt. Ich würde annehmen, dass es ein Quadrat zwischen dem Bahnhof im Norden, der Göttinger Chaussee, B65 und Mercedesweg gelegen war. Hier ein nahezu identisches Bild vom ehemaligen Verwaltungsgebäude wie im Wikipedia-Eintrag. Ganz hinten erkennt man noch ein Querträger der Oberleitung:


    Bild 8: ehemaliges Verwaltungsgebäude der HAWA. https://goo.gl/maps/L5bN8S1jBhh4wYrG7


    Den Schlorumpfsweg (was für eine Name!) etwas weiter ergibt sich dieser Blick auf eine der alten Hallen mit dem Bahnhof dahinter und im Hintergrund wiederum die Stirnseite von Stadler-Hanomag.


    Bild 9: alte Werkshalle vermutlich von der HAWA mit Blick auf die "U-Boot-Halle" der Hanomag auf der anderen Seite des Bahnhofs. https://goo.gl/maps/HJKXQVz5t2pvp4Yu6


    Ich umrundete den Komplex und setzte zum Endspurt der ersten Etappe an auf der ihr mich hier begleitet, als ich diese abgestellten Busse sah, die ich euch als Nahverkehrsfreunde natürlich nicht vorenthalten kann. Es handelt sich um vier Exemplare der von James Irvine für die ÜSTRA speziell zur Expo 2000 in Hannover designten Busse von Citaro. Hier eine Selbstdarstellung der ÜSTA dazu: https://fahrtenbuch.uestra.de/20-jahre-irvine-citaro/ Andere Stimmen äußersten sich nicht so positiv über diese Fahrzeuge. Auch fiel es der ÜSTRA unerwartet schwer nach der vertraglich festgesetzten Nutzungsdauer von 16 Jahren diese an andere Busunternehmen abzugeben. Wer sich nochmal reinsetzen möchte, kann es hier einfach tun: Die Türen stehen teils offen:



    Bild 10: vier ehemalige Irvine-Citaro Busse der ÜSTRA auf dem ehemaligen HAWA-Gelände. https://goo.gl/maps/3dTNCzpZ9JaJz9bp6


    Bei meinem letzten Foto bin ich ein wenig über das Ziel hinausgeschossen und nun müsst ihr auch noch ein Flugzeug ertragen, was absolut nichts mit Eisenbahn oder Nahverkehr zu tun hat: Eine Vickers 814 als Restaurant.


    Bild 11: Restaurant Silbervogel mit Vickers 814 am vermuteten Rand der ehemaligen HAWA. https://goo.gl/maps/n5BxtrHqZJkEXNPz9


    Das war es. Wer die Tour mal mit dem Fahrrad nachfahren will, für den kommt hier die Route: https://www.komoot.de/tour/376250632


    Viele Grüße


    Volker

  • Sehr unterhaltsam!!! Mal was ganz anderes und gelernt habe ich auch!! In Hannover saugt's und bläst's wie sonst nur beim Heinzelmann.....wer hätt's gedacht.

  • Hallo Volker,


    danke für die interessante Tour. Gerade zu Hanomag (Lokomotiven) entwickle ich gerade ein größeres Interesse. Schon spannend welche wohlbekannten Namen da so eng beieinander lagen.
    Körting ist übrigens auch sehr bekannt für seine Dampfstrahlpumpen. Diese werden wohl auch heute noch auf Nachfrage dort überholt!


    Gruß,
    Rafael

  • Die Firma heißt bzw. hieß bis zur vor kurzem erfolgten Übernahme durch die ZF einfach WABCO = Westinghouse Air Brake Company. Diese beschäftigt sich heutzutage hauptsächlich mit Bremsen für LKW. Ein Freund, der als Ingenieur schon viele Jahre für WABCO arbeitet, wusste bis vor kurzem nicht, dass der revolutionäre Ursprung der Firma bei Druckluftbremsen für Eisenbahnen lag. So lang ist es her ... .

    Hallo Zusammen,


    meines Wissens nach ist die Diesellok Siemens ER20 (alias 2016/253/223...) mit WABCO-Bremsausrüstung ausgestattet.

    Aber das ist jetzt nur ein schneller Einwurf.


    So ganz verschwunden ist Hanomag übrigens nicht...


    Hanomag Lohnhärterei


    Mein Arbeitgeber läßt hier Verzahnungsteile für Walzwerks- und Konvertergetriebe wärmebehandeln.


    Man betreibt sogar einen Standort in einer uns allen wohlbekannten Stadt am Harz.


    Liebe Grüße,

    Peter

  • Nein, in Hilchenbach, bei der Firma SMS, oder 'der Siemag'.


    hier


    Übrigens haben "wir" auch das Walzwerk Ilsenburg gebaut, in Ermangelung eines geeigneten Kranes in der DDR wurde erst das Grobblechwalzgerüst aufgebaut und dann die Halle drunherum gebaut...


    Liebe Grüße, Peter

  • Guten Abend,


    da sind ja doch noch einige Zusatzinformationen zusammen gekommen. Ich danke sehr!


    Die Hanomag Lohnhärterei ist mir bekannt. Diese hat ihren (Haupt-)sitz am nördlichen Ufer des Mittellandkanals direkt gegenüber von Johnson Controls, ehemals Varta und damit auch in der Nachbarschaft von dem Continental Werk Stöcken sowie VW Nutzfahrzeuge. Da komme ich hin und wieder auch mit dem Fahrrad vorbei.


    Viele Grüße von


    Volker, der einen walzenförmigen Schlüsselanhänger einer kleineren Firma aus dem Siegerland hat :)