Feld- und Industriebahn-Archäologie in Berlin - Der Bulle und seine schmalspurigen Anschlußbahnen

  • Hi Toralf, der Blick auf dieses StreetView-Bild kam mir dann doch irgendwie bekannt vor. Das Gebäude links daneben war nach meiner Erinnerung früher mal eine (Berufs-) Schule, in der ich als 15jähriger im Rahmen eines "Lagers für Arbeit und Erholung" eine Woche im Sommer 1986 gewohnt habe, um tagsüber im nahegelegenen VEB Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ Berlin-Oberschöneweide Hochspannungssicherungen und Rasenmäher zu montieren und abends den Plänterwald, das SEZ und anderes zu besuchen. Danke für diese Erinnerung!

    Viele Grüße,
    Eckhard

  • Hallo Jan,


    Deine Frage soll beantwortet werden.

    Ja, der Leipziger Modelleisenbahnverein "Friedrich List" hat auf seiner H0-Anlage "Borsdorf" eben jenen Bahnhof nachgestaltet und dieser besaß ebenfalls eine Deutschlandkurve.

    Ich habe gestern Abend mit einem Mitglied der betreuenden Gruppe telefoniert und dieser sagte mir, dass, da die Gleise elektrisch angeschlossen sind, ein Betrieb prinzipiell möglich wäre. Allerdings wird dies im Ausstellungsbetrieb nicht gezeigt, da die Kurve nur mit 2-achsigen Lokomotiven befahren werden kann und die Kontaktprobleme und die Probleme mit den Kupplungen (Überpufferung) zu groß sind und ein sicherer Betrieb nicht möglich ist.

    Aber rein theoretisch wäre es schon möglich...


    Viele Grüße,

    Thorsten

  • Teil 2: Von der Kreuzung Wilhelminenhofstraße/Edisonstraße bis zum Wilhelminenhafen


    Im Bereich des ehemaligen Transformatorenwerkes TRO (Wilhelminenhofstr. 83-85) gab es im Herbst 2007 noch mehrere Waggon-Drehscheiben und Gleisreste zu sehen, davon stellvertretend je ein Foto:





    Das Gelände des Kabelwerks Oberspree KWO (Wilhelminenhofstr. 76-77) wurde damals noch betrieblich genutzt, so daß ich es nicht erkunden konnte. Ein Schuß durch den Zaun war aber möglich. Das Gleis führte hier direkt an der Spree entlang.



    Das Gelände des Werkes für Fernsehelektronik wurde später von Samsung genutzt, die es dann 2005 vorzogen, die Produktion zu billigeren Arbeitskräften in den Osten zu verlagern und hunderte Beschäftigte auf die Straße zu setzen. :cursing: Und die Berliner Politiker sahen tatenlos zu, obwohl vorher große Summen an Fördergeldern an Samsung ausgezahlt wurden. :cursing:

    Meine Frage nach einer möglichen Besichtigung der Gleisreste wurde unfreundlich abgelehnt, daher muß auch hier ein Schuß durch den Zaun genügen.


    Die Anschlußweiche am Wilheminhafen. Auf dem Turm prangt noch das Logo von Samsung.



    Interessant ist die Gleiskreuzung im Werk.


    Der Wilhelminenhafen war Endpunkt des "Bullen". Im Herbst 2007 lagen die Gleise im Bahnhof noch nahezu vollständig, mittlerweile ist hier aber alles abgerissen.


    Bahnhof Wilhelminenhafen. hinter mir der Hafen, rechts Samsung, vor mir KWO.


    Der letzte Zug erreichte 1995 den Bahnhof Wilheminenhafen.


    Wenigstens ein Foto mit Schmalspurgleis in diesem Beitrag. :zwink: Am Wilhelminenhafen begann auch die 600mm-Werkbahn des Akkumulatorenwerkes BAE und kreuzte die Ostendstraße und die Straßenbahngleise Schöneweide - Köpenick.


    Davon im nächsten Beitrag mehr ...


    Viele Grüße

    Toralf


    P.S.: Ein Hafenkran im Wilhelminenhafen ist bis heute erhalten und wurde zu einem Cafe umgebaut. Einen Besuch kann ich nur empfehlen. Der Kran ist echt beeindruckend, der Kuchen und die Kaffeespezialitäten lecker und man sitzt gemütlich direkt an der Spree.

    http://kranhaus.berlin/

  • Hallo Thorsten,


    danke für die Antwort und Deinen Bemühungen! Habe es heute erst gelesen. Auf solche Details hatte ich bei der Anlage noch

    gar nicht geachtet , werde mir das aber ansehen, sobald die Anlage wieder mal in der Öffentlichkeit zu sehen sein wird.

    Es ist auf alle Fälle mal eine Idee für ein Nachgestaltung auf einem Fabrikmodul . Das ist wieder mal sowas als Winterarbeit

    zum Tüfteln und Probieren was machbar ist.


    Grüße Jan

  • Teil 3: Die Schmalspurbahn des Akkumulatorenwerkes BAE in Oberschöneweide


    Am Endbahnhof der Industriebahn am Wilhelminenhafen begann die 600mm-Bahn des Akkumulatorenwerkes BAE. Die Bahn diente einerseits dem Transport von Teilen aus dem Zweigwerk bei Zehdenick, die per Schiff bis zum Wilhelminenhafen kam. Auch der Transport von Kohle und Bleibarren gehörte zu den Aufgaben der Bahn, die per Lastkahn und Normalspur am Wilhelminenhafen ankamen und dort umgeladen wurden. Zum Einsatz kamen mehrere Akku-Lokomotiven. Um 1960 wurde die Bahn eingestellt und die Transporte auf die Straße verlagert. Als Literaturhinweis möchte ich hier noch die Verkehrsgeschichtlichen Blätter 4+5/2003 und 2/2004 nennen, in denen der "Bulle" ausführlich beschrieben ist und auch Betriebsbilder der BAE-Schmalspurbahn zu sehen sind.


    Im Herbst 2007 ging ich auf den öffentlich zugänglichen Bereichen auf Spurensuche und konnte noch einige Gleisabschnitte entdecken.

    Am Bahnhof Wilhelminenhafen begann auch die BAE Schmalspurbahn und kreuzte dabei an der Ecke Wilheminenhofstraße/Ostendstraße die Straßenbahngleise nach Köpenick. Das linke Regelspurgleis führte einst nach Rummelsburg, das rechte war das normalspurige BAE-Anschlußgleis.


    Die Schmalspurgleise führten früher in alle Winkel des weitläufigen Fabrikgeländes. Nur ein Teil davon wurde von Akku-Loks befahren, einige Gleise wurden nur über Drehscheiben händisch bedient.


    Dieses Gleis kommt vom Fabriktor Wilhelminhofstraße 69 und lag mit wenigen Unterbrechungen durch das ganze Werksgelände bis zur Slabystraße.


    Abzweig zur Wilhelminenhofstraße 66. In der Höhe des Lkw kommt ein weiteres Gleis und kreuzt.


    Hier erkennt man vor dem Lkw das Gleis nochmal. Im Vordergrund ein zweigleisiger Abschnitt. Das Gleis zum Tor wurde möglicherweise über eine Auflegedrehscheibe erreicht.


    Nochmal aus einer anderen Perspektive.


    Der Abzweig zur Wilhelminenhofstraße 66 ...


    ... vor dem Gebäude hinten ist eine weitere Verzweigung ...


    Pausenstuhl für den Lokführer? :zwink:


    Bis den letzten Winkel lagen die Gleise.


    Weiter Richtung Slabystraße ... für jedermann streng für verboten ...


    Immer weiter schlängeln sich die Gleise durchs teilweise schon zugewachsene Gelände. Unterwegs gibt es mehrere Abzweige.


    An der Slabystraße bestand früher wohl ein Lager- und Umschlagplatz, der auch über die Bahn angeschlossen war.


    Meine Fotos zeigen nur einen Teil der 2007 noch existierenden Gleisanlagen dar. Etwa auch nur 1/3 des ehemaligen Werksgeländes war damals "halblegal" besuchbar, möglicherweise lagen oder liegen in den anderen Fabrikteilen weitere Gleisabschnitte.


    Ich hoffe, die "ferro-archäologischen" Beiträge haben euch gefallen.


    Viele Grüße

    Toralf