Modernisierung der Woltersdorfer Straßenbahn

  • Moinsen,


    ich glaube wir sollten ein neues Thema aufmachen - vielleicht " Moderner schmalspuriger ÖPNV " und ich appeliere an alle persönliche Beleidigungen zu unterlassen und sachlich zu bleiben - wir haben ja Anstand. Würde dafür die Verantwortung übernehmen!

    Der Oschatzer Saarsachse

    IV K - Fan

  • naja, ich kann mich kritisch zu gewissen Neuerungen äußern auch ohne von "denen da in der EU"und "Schreibtischtätern" zu sprechen.

    ob es damals bei der Umstellung auf die Gothaer Wagen in Woltersdorf auch zu derartigen Unmutsbezeugungen kam?

  • Hallo zusammen,


    zuallererst: Ja, ich bin ein sehr großer Freund klassischer Straßenbahnwagen und freue mich jedes Mal, wenn ich in Woltersdorf mit einem Gothawagen fahren kann.


    Aber dennoch möchte ich hier doch klar unterscheiden zwischen meiner Freude als gelegentlicher Mitfahrer und den Bedürfnissen der täglichen Nutzer, und letztere überwiegen aus meiner Sicht ganz klar. Im Gegensatz zur Kirnitzschtalbahn ist die Woltersdorfer Straßenbahn eben keine Ausflugs-, Touristen- oder gar Nostalgiebahn, sondern dient ganz überwiegend dem Berufs- und Schülerverkehr. Und selbst die Mehrzahl der Ausflügler an Wochenenden findet zwar sicherlich das Fahrterlebnis der Zweiachser ganz urig, nutzt aber die Bahn nicht eben deswegen, sondern „nimmt das eher zufällig mit“ und würde zum Erreichen des Ziels gewiss ein modernes Fahrzeug genauso nutzen. Der Grund, warum hier noch Gothawagen fahren, ist auch nicht deren nostalgische Anmutung als Alleinstellungsmerkmal, sondern eher die Problematik, für einen solchen Kleinstbetrieb mit den nur begrenzt verfügbaren Mitteln und unter den besonderen infrastrukturellen Randbedingungen irgendwie Lösungen für einen Weiterbetrieb zu finden.


    Der Erhalt der drei Berliner Umlandbahnen stand in den letzten 30 Jahren seit der Wende mehr als einmal in Frage. Und eine ganz zentrale Rolle spielt dabei neben der Erneuerung der Infrastruktur ein zukunftsfähiger Fahrzeugpark. Wie andere hier schon schrieben, kann man selbst solche soliden Fahrzeuge wie die Gothawagen nicht ewig mit vertretbarem Aufwand im täglichen, stark beanspruchenden Linienverkehr am Laufen halten. Und selbst wenn ein Einbau von Hubliften möglich sein sollte (technisch nicht ausgeschlossen, zulassungsseitig sehr unwahrscheinlich) - wie soll das denn mit den dafür erforderlichen mehrminütigen Haltestellenaufenthalten funktionieren, ohne den Taktfahrplan auf der eingleisigen Strecke komplett durcheinander zu bringen?


    Wenn also aktuell die politischen und wirtschaftlichen Randbedingungen eine Neufahrzeugbeschaffung tatsächlich realisierbar erscheinen lassen, dann ist es nicht weniger als eine konsequente und richtige Entscheidung der Verantwortlichen, diese Gelegenheit im Sinne des langfristigen Erhalts des Betriebes auch zu nutzen. Die gummibereifte Alternative stand schon mehr als einmal im Raum - und die bisher fehlende Barrierefreiheit der Straßenbahn und die zunehmende Verbreitung batterieelektrischer Antriebe bei Bussen könnten den Befürwortern einer Umstellung neuen Auftrieb geben. Dann wären klassische Zweiachser dort nicht einmal mehr als Traditionswagen erlebbar.


    Wer für die hier handelnden Personen die Worte Schreibtischtäter und Kadavergehorsam verwendet, tut diesen Leuten jedenfalls großes Unrecht, denn es handelt sich im Gegenteil um Personen, die mit großem Engagement und Herzblut unter schwierigen Bedingungen versuchen, den Betrieb dieser besonderen Bahnen (nicht nur in Woltersdorf) zu erhalten und zukunftsfähig zu machen. Das erfordert viel Kraft, Geschick und Kreativität und ist alles andere als ein Traumjob. Und wer den Verantwortlichen mangelndes Traditionsbewusstsein unterstellen möchte, sollte sich vielleicht mal die Anzahl der (betriebsfähigen!) Traditionswagen in Woltersdorf anschauen und diese in Relation zu anderen, deutlich größeren Betrieben setzen.


    Im Übrigen bin ich mir gar nicht sicher, ob die jetzt ausgeschriebenen maximal vier Neufahrzeuge tatsächlich das vollständige Aus für die aktuell sieben (!) Gothawagen in Woltersdorf bedeuten. Bei einem werktäglichen Bedarf von drei Umläufen ergäbe das eine sehr dünne Reserve. Spätestens wenn ein Fahrzeug in HU wäre, würde man ohne Reserve fahren. Es sähe den Verantwortlichen nicht ähnlich, so knapp zu planen. (In Schöneiche hat man das jedenfalls nicht gemacht.)


    Und schlussendlich: Als zum Ende der 1970er-Jahre die Gothawagen in Woltersdorf vorherige Zweiachsergenerationen ablösten, bedauerten dies zweifelsohne auch viele Straßenbahnfreunde, denn die Gothawagen waren damals in der DDR noch omnipräsent und im Gegensatz zu den von ihnen abgelösten Wagen eben nichts Besonderes, sondern austauschbar. Trotzdem war das auch damals ein wichtiger Schritt für den Erhalt der Bahn, ohne den es sie heute nicht mehr gäbe. Heute wecken diese Wagen selbst nostalgische Gefühle, ebenso wie damals die von ihnen ersetzten Vorkriegswagen und KSW. Wie sich die Zeiten ändern…


    Viele Grüße

    Stefan

    Die „dienstälteren“ Forumsnutzer erinnern sich möglicherweise noch dunkel an mich, seit einigen Jahren vor allem stummer Leser hier... ;)

    Einmal editiert, zuletzt von ex-Dresdner () aus folgendem Grund: Fehlendes a spendiert

  • N'abend,


    mal ne blöde Frage - lohnen sich Neubaufahrzeuge überhaupt? Ich glaube mal kaum, dass man wieder 2-Achser bekommen wird.


    Aber gibt es überhaupt einen Bedarf für größere Fahrzeuge? Die paar Mal, die ich da mitgefahren bin, war der Triebwagen gut besetzt - aber es hatte eben jeder einen Sitzplatz.... mehr Fahrgäste waren es dann doch nicht. Würde Bedarf für mehr bestehen, würden ja auch Beiwagen eingesetzt werden - werden sie aber derzeit nicht.

    Das auf der Relation ÖPNV benötigt wird, keine Frage.... aber ich sehe hier eher die Gefahr der Gummikonkurrenz.


    Gruß Tilo

  • Guten Abend zusamen,


    was in meinen Augen immer wieder übersehen wird (wie mometan auch in einem anderen Thread), ist die Tatsache, dass im ÖPNV nicht die Regeln der Marktwirtschaft gelten. Die Nachfrage bestimmt nicht das Angebot, sondern umgekehrt: stimmt das Angebot, steigt auch die Nachfrage. Ohne jetzt irgendein Detail dieser Straßenbahn zu kennen: es wird sich langfristig sicher lohnen, wenn der Takt und der Komfort stimmen. Dann macht Bahnfahren auch Sinn.


    Viele Grüße,

    Lenni


  • Geht mal gar nicht als Umbauvorschlag, der Einstieg dauert netto mehr als 45 sec.

    Da legen wir mal lieber Summen in x.xxx.xxx. Euro-Beträgen für eine Neuausschreibung an

    bei vergleichsweise sehr geringen Fahrgastzahlen.


    Das fördert vor allem die Ressourcen und den Klimaschutz, wenn altes funktionierendes Metall weggeworfen und

    durch neue (Kunststoff-)Fahrzeuge ersetzt wird.


    (Achtung, Ironie.)

    Beste Schmalspurgrüße aus dem Spreewald

    Christoph

  • gibt es denn überhaupt Zahlen, um wie viele mobilitätseingeschränkte Personen da täglich zu befördern sind?

    Ich würde da eher ein Kleintransporter in Form eines Rufbuses einsetzen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern,

    wie das in meiner Kindheit war ( also vor 30 o. 40 Jahren ). Rollstuhlfahrer konnten nicht mit Bus u. Straßenbahn fahren.

    Gehbehinderten hat man in die Straßenbahn herein geholfen, sofern sie alleine nicht in der Lage waren.

    Müttern mit Kinderwagen hatten auch immer Unterstützung. Irgendwie funktionierte das alles ohne Barrierefreiheit.


    Nachdenkliche Grüße Jan

  • Hallo


    Müssen es denn laut Ausschreibung Neufahrzeuge sein ? Zur Zeit läuft ja bei einigen Betrieben der Wechsel im Fahrzeugpark und da fallen genug Exemplare im Niederflurbereich ab. Man muss Arbeit investieren und findet gewiss das , was gesucht wird . Auch bei Erhöhung des Fahrgastaufkommens würden die neuen Gebrauchtwagen Reserven haben und im Verkehr mitschwimmen. Man muss nur wollen und das auch gegen möglichen politischen Widerstandes.


    Glück auf

    Armin Ahlsdorf

  • Guten Abend,


    mal abgesehen davon, dass es sich hier um einen Reko Wagen handelt, wird generell die Ersatzteilfrage immer brennender. Auch Woltersdorf hat einen Beitrag dazu geleistet, dass in Liberec der T2D fahren kann und mann braucht dort noch mehr an Ersatzteilen. Es ist aber kaum noch etwas aufzutreiben.

    Wie manch Vorredner schon schrieb, wird jede Generation irgendwann mal abgelöst und ich sehe hier auch in erster Linie den generellen Erhalt dieser Bahn. Dann mögen die Gothaer eben als Historische Wagen fahren aber für einen zeitgemäßen ÖPNV ist es eben unerlässlich den Wagenpark zu erneuern. Und mal ganz ehrlich, privat einen Oldtimer zu fahren mag ja ganz spannend sein, aber täglich..? Als ich 1979 als Fahrzeugschlosser angefangen habe, waren für mich natürlich die KT4D das Nonplusultra. Aber auch sie sind größtenteils verschwunden und manch Betrieb leistet sich nicht mal einen als Museumswagen und auch damit müssen wir leben. Es ist natürlich auch eine Frage der Perspektive. Lassen wir also die Kirche im Dorf und sind froh, wenn der Betrieb dadurch erhalten bleibt.


    Grüße, Mike.