Fliegende Gleise und ein Haufen Arbeit (HFD Feldbahnmuseum Herrenleite, 2014)

  • Ein freundliches Hallo in die Runde,


    hier gibt es den nächsten reaktivierten Komplex meiner Beiträge aus dem Feldbahnmuseum Herrenleite. Teil 2 und 3 folgen unten als Antworten.

    Im Oktober 2014 durften wir im Feldbahnmuseum Herrenleite ein wenig "an der Zeit drehen" und eine längst untergegangene Arbeitswelt im Film bzw. auf einigen Fotos festhalten.

    Ziel war es, davon einen kurzen Film zu erstellen, der den Museumsbesuchern die Technologie des Feldbahneinsatzes näherbringen soll.


    Es stand die Aufgabe, einen Erdhaufen in der Nähe der Pforte abzubaggern und im "oberen Bruch" zu verkippen. Was ist dafür nötig? Der Titel sagt es schon: Fliegende Gleise und ein Haufen Arbeit! Es handelt sich also genaugenommen um echten Betrieb, auch wenn die Auswahl der Fahrzeuge durchaus nach kosmetischen Gesichtspunkten erfolgte, die Beobachter nicht zufällig anwesend waren und für die Filmdreharbeiten eine Rahmenhandlung erdacht wurde...

    Das Licht war leider nicht fotogerecht - eben echtes Arbeitswetter.


    Aber genug der Vorrede! Am frühen Morgen stehen unsere beiden Streckenloks für diesen Tag vor dem Schuppen: LKM 262053/1959 (links) und LKM 248467/1954 (rechts). Beide Loks des Typs Ns2f kennen sich bestens aus ihrer gemeinsamen Arbeitszeit in der Ziegelei Grumbach und befinden sich im originalen Betriebszustand.



    Die grüne Ns2f ist bereits unterwegs, um den Lorenzug zusammenzurangieren. Wir können derweil die Verladung einer "Staplerlore" von einem Multicar M 22 auf ein Feldbahnfahrwerk (im Vordergrund) beobachten. Es handelt sich sozusagen um eine frühe Form des kombinierten Ladungsverkehrs...



    Das Nachwende-Nummernschild am Multicar deutet auf einen jüngeren Aufnahmezeitpunkt hin. Man hätte zwar mit Hilfe digitaler Chirurgie nachhelfen können --- will ich aber nicht. Es sind komplett dokumentarische Fotos, bei denen keine Bildelemente manipuliert sind!



    Der Lokführer der braunen Ns2f ist gerade dabei, seine Lok für den Einsatz vorzubereiten. Die klassische Technik benötigt gute Schmierung, dann läuft sie zuverlässig quasi ewig.



    In dieser Einstellung ist gut der Aufbau des Außenrahmenfahrwerkes der Ns2f zu erkennen: Der Antrieb erfolgt auf die mittig gelegene Blindwelle. Deren Bewegung wird mithilfe von Kuppelstangen auf die beiden Außenachsen übertragen. Gegengewichte neutralisieren weitgehend die Last der Kuppelstange und sorgen damit für ruhigere Laufeigenschaften.



    Die Einsatzvorbereitung benötigt einige Zeit. Somit ist auch noch ein Foto von der anderen Seite möglich.



    Schließlich ist es soweit: Die Lok kann zum Einsatz ausrücken. Links im Hintergrund ist die verladene Staplerlore zu sehen.



    Da sich der abzubaggernde Erdhaufen etwas abseits im Gelände befindet, muß ein sogenanntes "fliegendes Gleis" errichtet werden. Es handelt sich dabei um kurze Gleisjoche leichter Bauart, die ohne gesonderten Unterbau verlegt werden und damit das Erreichen kurzzeitiger Verladestellen ermöglichen. Diese Technologie war bei Feld- und Waldbahnen einst weit verbreitet.

    Für den Transport der Gleisjoche wird eine geeignete Lore aus dem Fundus geholt. Dabei erweist sich der geländegängige Gabelstapler DFG 1 RS 09 auch zum Umdrehen, Transportieren und Aufgleisen der Lore wieder einmal als perfektes Hilfsmittel. Feldbahnmaterial muß äußerst robust sein!






    Die nächste Aufgabe für den Gabelstapler ist die Verladung der Gleisjoche.



    Bei der Gelegenheit ergibt sich der seltene Blick auf gleich drei Ns2f im echten Betriebszustand. Links steht LKM 248529/1954 (ex. Demitz-Thumitz) abgestellt. Auf dem hinteren Gleis ist mittlerweile die grüne Ns2f mit den leeren Kipploren angekommen.



    Schon wartet die nächste Arbeit auf den Gabelstapler und seinen Fahrer: Für die Auffahrt vom festen auf das fliegende Gleis ist ein Adapterstück nötig, das sogenannte "Schwert". Im Handwagen befinden sich Holzleisten, die als Höhenausgleich zwischen Untergrund und Gleisjochen verwendet werden.



    Diese wunderbar gepflegten Schmuckstücke gehören drei netten Besuchern des Feldbahnmuseums. Sie brauchten nicht lange überredet zu werden, mit ihren Mopeds als Statisten aufzutreten. Herzlichen Dank nochmals an dieser Stelle!



    Die hiesige Kantine hat einen guten Ruf, weshalb auch Werktätige des Nachbarbetriebes in ihrer Pause das Angebot nutzen. Man kennt sich und so ergibt sich eine willkommenen Gelegenheit zu einem kleinen Plausch.



    Das Essen ist gefasst, es geht wieder zurück in den Nachbarbetrieb. Währenddessen werden hier bereits die ersten Gleisjoche verlegt.



    Nach so viel Vorbereitungsarbeit sollten wir jetzt auch erst einmal die Kantine aufsuchen und eine kleine Pause einlegen.

    Heutzutage wird zum Umsetzen eines Erdhaufens einfach ein Radlader verwendet (falls vorhanden). Als für den innerbetrieblichen Transport noch Feldbahnen genutzt wurden, war dafür eine Menge körperlicher Arbeit und Zeit erforderlich. Die Anstrengungen dabei werden wir in der Fortsetzung dieses Beitrages noch beobachten können.

    Teil 2 wird sich mit dem Aufbau des fliegenden Gleises und der Beladung beschäftigen. Teil 3 zeigt dann die Streckenfahrten sowie die Arbeiten an und auf der Kippe.


    Bis gleich und viele Grüße, Jörg

  • Hallo und willkommen zum 2. Teil!


    Nach unserer kleinen Stärkung in der Kantine werden die Gleisjoche ausgelegt.



    Wie schwer die Arbeit mit den Gleisjochen "leichter Bauart" ist, lässt sich in dieser Einstellung erahnen...



    So ein fliegendes Gleis hat seine Vorteile. Bereits lose verlascht, lässt sich dessen Lage mit Muskelkraft den örtlichen Erfordernissen anpassen. Es erinnert mich irgendwie an meine frühen Modellbahnaktivitäten, wenn mal wieder ein gebogenes Gleisstück fehlte...



    Nun werden die Maulschlüssel geschwungen und die Schienenlaschen richtig befestigt.




    Das erste Fahrzeug auf dem neuerrichteten Gleisstück ist die Transportlore. Es ist gleichzeitig ein erster Test für die Güte der Gleislage. Man beachte das Größenverhältnis zum Normalspurgleis im Vordergrund! Deutlich sind auch die untergelegten Holzleisten zu sehen.



    "Koommmeenn!" Die ersten leeren Kipploren werden zur Beladung geschoben.



    Die Ns2f darf allerdings nicht auf das leichte fliegende Gleis. So wird für den Rest des Weges wieder Muskelkraft benötigt.



    Auch an der Abkippstelle ist auf ähnliche Weise ein fliegendes Gleis errichtet worden. Für die hier anfallenden Verschubarbeiten ist ein leichtes "Cabrio" vorgesehen. Es handelt sich um eine MD 1 des Herstellers Orenstein & Koppel (7224/1937, ex. Ziegelei Helmsdorf).



    Ist die Lok in ihrem originalen Betriebszustand nicht ein wahres Prachtstück? Genau so sieht (sah) echte Feldbahn aus!

    An der Auffahrt auf das fliegende Gleis wird noch gebastelt.



    Auch die Gleislage auf der Kippe bedarf noch einiger Korrekturen. Für die Stabilisierung liegen ja genügend Ziegelsteine herum... Einfachste Technologie + robuste Technik = Feldbahn!



    Der zufriedene Gesichtsausdruck bestätigt den Erfolg der Probefahrt.



    Wir wenden uns wieder dem unteren Betriebsareal zu. Hier passiert der Bagger der Bauart T 174-2 die normalspurige N2 (LKM 48804/1951). Die N2 ist technisch eng mit der Ns2 verwandt. Gebaut wurden nur 15 Stück. Die 30 PS Leistung waren wohl doch etwas wenig für die Normalspur.




    Für den T 174-2 gibt es jetzt ordentlich Arbeit. Befüllt werden Wagengruppen von jeweils vier bis fünf Kipploren.




    Da die Beladung eine langwierige Tätigkeit ist, können wir uns wieder eine Pause gönnen. Im dritten und zugleich letzten Teil erfahren wir, wie es mit den befüllten Loren weitergeht.


    Bis gleich!


    Viele Grüße, Jörg

  • Hallo und willkommen zum 3. Teil!


    Nachdem die Lorengruppe befüllt wurde, zieht die braune Ns2f die Wagen mithilfe eines Stahlseiles vom fliegenden Gleis. Die grüne Ns2f ist derweil mit einem entleerten Zug zurückgekommen und wird gleich die befüllte Lorengarnitur übernehmen. Die braune Ns2f ist für den Rest des Tages zum Rangieren an der Beladung eingeteilt.



    Die Züge werden auf der Steigungsstrecke zur Kippe geschoben. Das wurde bei den Feldbahnen früher sehr häufig praktiziert und bietet den Vorteil, daß die Lore am talseitigen Zugende von keinem Bremser besetzt werden muß.



    Das Areal des Feldbahnmuseums Herrenleite bietet reichlich Fotomöglichkeiten, die kaum auf das Aufnahmejahr 2014 schließen lassen. Man hat das Gefühl, sich mitten in einem alltäglich funktionierenden (Feldbahn-)Betrieb aus längst vergangener Zeit zu befinden.





    Die Steigung verlangt der kleinen 30-PS-Lok einiges ab, bevor im "Oberen Bruch" der Übergabebahnhof zur Kippe erreicht wird.



    Hier übernimmt die MD 1, deren Motor klassisch mittels Kurbel gestartet wird.



    Weit kommt das "Cabrio" allerdings nicht, bis ein Malheur passiert: Ein Radsatz einer Lore ist entgleist! Entgleisungen waren bei Feldbahnen an der Tagesordnung und dank handlicher und robuster Fahrzeuge kein Problem. Die Brechstange allein reicht allerdings auch nicht aus...



    Das muß sich sogar die Sonne mal ansehen. Neben der Mittagspause war das der einzige Moment mit Fotolicht...



    Die Entgleisung ist ein Fall für den Hilfszug, der eine Winde gebracht hat.



    Nachdem die entgleiste Seite der Kipplore mit der Winde angehoben wurde, kommt die Brechstange zum Einsatz. Die Winde kippt dabei um und die Lore "fällt" sozusagen zurück auf ihr Gleis. Dafür braucht es ein gutes Augenmaß!




    Augenmaß ist auch beim Rangieren am Kippenrand gefragt. Hier sollte man seine Lok wirklich sehr gut beherrschen...



    Nach dem Augenmaß ist nun wieder reichlich Muskelkraft nötig.



    In den Kippmulden verbliebenes Restmaterial wird manuell herausgekratzt.



    So wird ein Zug nach dem anderen abgefertigt. Glücklicherweise blieb es bei einer einzigen Entgleisung, so daß die weiteren Arbeiten ohne Verzögerung stattfinden konnten.



    Die Gleislage muß dem wandernden Kippenrand angepasst werden. Im Großtagebau geschieht dies mittels Gleisrückmaschinen. Bei der Feldbahn muß man wiederum mit einfachsten Hilfsmitteln (zwei Brechstangen) und viel Kraft auskommen.



    Der Feierabend ist mehr als verdient! An einem weiteren Tag müssen noch die fliegenden Gleise rückgebaut werden. Für die Umsetzung eines Erdhaufens ist also wirklich "ein Haufen Arbeit" nötig.



    Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich noch einmal bei allen vor und hinter den Kulissen dieser Zeitreise Beteiligten herzlich zu bedanken. Es war ein wunderbarer Tag!



    An den normalen Öffnungstagen des Museums kann der Feldbahnbetrieb kaum so ausführlich und realistisch vorgeführt werden. Unsere Intention war es daher, die Gelegenheit zum Drehen eines Filmes zu nutzen, der den interessierten Besuchern den Ablauf eines echten Arbeitstages mit der Feldbahn in Kurzform näherbringen kann. Einige Bilder dieser dreiteiligen Serie sind daher auch Ausschnitte aus Videostandbildern.


    Auch so lohnt sich ein Besuch in der Herrenleite während der Sommerfahrtage oder auch zu den regulären Öffnungszeiten in jedem Fall.


    Informationen zum Museum: LINK


    Ich hoffe, der dreiteilige Einblick in die Arbeit mit der Feldbahn hat Euch gefallen und regt den einen oder anderen zu einem Besuch in der Herrenleite an.


    Viele Grüße, Jörg

  • Hallo Jörg,


    Danke für die schönen Bilder!


    Der Multicar hat allerdings ein Vorwende-Kennzeichen. Mit "Y.." begannen die Kennzeichen aus dem Bezirk Dresden. Die Kombination von 3 Buchstaben + 1 Ziffer + 2 Ziffern waren die "neueren" Kennzeichen aus den letzten 10(?) Jahren der DDR.

    freundliche Grüße aus Penig!


    Michael

  • Hallo Michael,

    Der Multicar hat allerdings ein Vorwende-Kennzeichen.

    Prinzipiell ja, eine Nummer nach DDR-Norm, allerdings schon eine Nachwende-Prägung. Sozusagen die Übergangszeit 1990-1993(?), bevor die Kfz-Kennzeichen nach West-Standard im ex. DDR-Gebiet verpflichtend wurden.


    Viele Grüße, Jörg