Rückblick auf zwei Jahrzehnte: Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn im Wandel

  • Hallo zusammen,


    heute wage ich hier wieder einmal den Blick über den BO-Strab-Tellerrand - aber immerhin, die Spurweite passt, und gebimmelt wird hier auch öfter mal. ;)


    Die Überlandstraßenbahn zwischen Berlin-Friedrichshagen, Schöneiche und Rüdersdorf, einzige Meterspurbahn im Großraum Berlin, feierte am vergangenen Sonnabend, dem 28. August, ihr 111-jähriges Bestehen. Einige Bilder von den aus diesem Anlass angebotenen Sonderfahrten zeige ich vielleicht später mal. Einstweilen soll mir das Jubiläum als Anlass dienen, um hier in loser Folge einige fotografische Schlaglichter auf die abwechslungsreiche Streckenführung dieser besonderen Bahn und auf ihren vielfältigen Wagenpark seit der Jahrtausendwende zu werfen. Mit einer behutsamen, aber konsequenten Modernisierung wurde dieser Kleinstbetrieb durch umsichtige Entscheider und engagierte Mitarbeiter fit für die Zukunft gemacht, bewahrte sich aber dennoch auch sein liebenswertes Dorfstraßenbahnflair.


    Beginnen möchte ich jedoch mit einem etwas weiter zurückliegenden Kapitel der Unternehmensgeschichte, das durchaus als legendär gelten darf: In den 1960er-Jahren konstruierte und baute die kleine Werkstatt in Schöneiche eigene Fahrzeuge. In der DDR war es zu jener Zeit für einen solchen Kleinbetrieb kaum möglich, an Neufahrzeuge zu gelangen - und zudem baute die DDR-Industrie auch überwiegend Zweiachser. Großraumwagen aus Gotha und später aus tschechoslowakischer Produktion gab es zunächst nur für Großstädte. In Schöneiche war man aber bestrebt, den jahrzehntelang von den Überland-Vierachsern der Vorkriegszeit gewohnten Komfort zu erhalten. So entstanden zwischen 1962 und 1974 fünf Trieb- und drei Beiwagen mit Neubauwagenkästen unter Verwendung von aus dem Raw Schöneweide zugelieferten Plattformen und den Drehgestellen der Vierachser aus den 1910er- und 1920er-Jahren. Auch die Drehgestelle wurden später teils gegen Ersatzneubauten getauscht. Leider zeigte sich in den 1980er-Jahren, dass der aus der SU gelieferte Stahl nicht die allererste Wahl gewesen war, so dass Rahmenschäden zur sukzessiven Abstellung der Wagen bis 1991 führten, und am Ende doch noch Reko- und Gotha-Zweiacher nach Schöneiche kamen. Der Triebwagen 73 aus dem Jahr 1966 blieb als (seit 1996 wieder betriebsfähig restaurierter) Traditionswagen erhalten und hält die Erinnerung an diese unglaubliche Leistung der kleinen Werkstatt wach. Am 9. Juni 2012 passiert er auf der Dorfstraße in Schöneiche eine der Einfahrweichen zum Betriebshof.



    Den Betrieb im ersten Nachwendejahrzehnt prägten acht zwischen 1992 und 1994 aus Cottbus übernommene Tatrawagen des Typs KT4D. Drei von Ihnen wurden in den Jahren 1995/96 modernisiert, zwei davon anno 2003/04 im Rahmen einer HU nochmals ertüchtigt und mit RBL-Komponenten ausgerüstet. Sie blieben bis 2011/12 im Betriebsbestand und sind heute noch abgestellt vorhanden. Auf der Kalkgrabenbrücke in Rüdersdorf passiert der Wagen 21 am 15. August 2010 die letzten Gitterfahrleitungsmasten der Strecke, während die Vegetation vom Turm der Rüdersdorfer Kalksteinkirche überragt wird.



    Als einiziger der unmodernisierten KT4D hatte Triebwagen 24 die RBL-Komponenten wie die modernisierten Wagen 21 und 22 erhalten und blieb bis 2008 im Einsatz, während die übrigen unmodernisierten Wagen zwischen 2000 und 2003 ausschieden. Auf der Schöneicher Straße in Schöneiche, wo am 6. September 2004 dieses Bild entstand, bot die Ortsdurchfahrt im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende noch das Flair einer klassischen Überlandbahn. Heute rollt die Straßenbahn hier auf besonderem Bahnkörper auf der anderen Straßenseite - gewiss für Fotografen schade, aber mit Blick auf die Mentalität heutiger Autofahrer eine wichtige Investition in die Sicherheit und Störungsfreiheit des Betriebes - und damit in seine Zukunftsfähigkeit.



    Ab 1999 gelangten gebrauchte DÜWAG-GT6 aus Heidelberg nach Schöneiche, die zwar älter als die KT4D sind und auch weniger modern anmuten, jedoch als Zweirichtungswagen mit etwa gleichem Fassungsvermögen wie die Tatras einen großen Vorteil für die Betriebsführung bei Baumaßnahmen boten. Die zuerst übernommenen Wagen der Baujahre 1966/68 wurden später teilweise durch Artgenossen der letzten Serie von 1973 ersetzt - mit Federspeicher anstelle Handbremse und Solenoid etwas moderner und bedienerfreundlicher. Drei "Heidelbeeren" sind heute noch für die Verstärkerfahrten in den Hauptverkehrszeiten und als Reserve im Bestand. Am 6. September 2013 war ihr Einsatz auf der Gesamtstrecke noch alltäglich, als Triebwagen 47 im märkischen Kiefernwald unweit der Haltestelle Berghof-Weiche zwischen Rüdersdorf und Schöneiche unterwegs ist.



    Die Übernahme der GT6 ermöglichte die Abstellung der letzten Zweiachser, die zuvor noch für Baustellen-Pendelverkehre vorgehalten worden waren. Als letzter von ihnen war der Gotha-Tw 78 bis zum 1. Juni 2008 einsatzfähig, aufgenommen einen Tag zuvor in Rüdersdorf an der alten, heute nicht mehr genutzten Wagenhalle gegenüber des Busbahnhofs (heute Marktplatz).



    Die ab dem Jahr 2009 aus Cottbus übernommenen KTNF6 (mit einem Niederflur-Mittelteil erweiterte Tatras) boten ab 2010 erstmals einen niederflurigen Einstieg auf der Dorfstraßenbahn - und zusammen mit den seit den 1990er-Jahren fast überall erneuerten Bahnsteigen eine barrierfreie Beförderung. Der am 7. März 2012 an der Rüdersdorfer Post aufgenommene Wagen 26 ist derzeit nach einer Unfallreparatur in seine alte Heimat Cottbus verliehen, während zwei Artgenossen fast täglich auf der Linie 88 fahren und ein weiterer in der Aufarbeitung ist. Die abgebildete Stelle markiert den Beginn der 1977 entstandenen Neubaustrecke, als Ersatz für den stillgelegten Endabschnitt entlang der Redenstraße, dessen Bebauung dem Kalktagebau zum Opfer fiel.



    Die jüngsten Neuzugänge im Wagenpark sind drei achtachsige Gelenkwagen des Typs Artic vom finnischen Hersteller Transtech, inzwischen zum Skoda-Konzern gehörend. In den Jahren 2018/19 gelang die Übernahme der beiden Prototypen dieser Bauart aus Helsinki, wo man sich von den beiden mit der Serie nicht baugleichen Einzelgängern trennen wollte. Für Schöneiche ein ungeheurer Glücksfall, handelt es sich doch hierbei um erst wenige Jahre junge Wagen in Drehgestellbauweise mit hervorragenden Fahreigenschaften, zugleich aber vollständig niederflurig. Mit der Beschaffung eines gleichartigen Neufahrzeugs, gebaut im Jahr 2020 im Anschluss an die Serie für Helsinki, jedoch technisch den beiden Prototypen angeglichen, verfügt die SRS nun über drei dieser Wagen. Zu einem Großteil durch das Land Brandenburg gefördert, ist der durch die Gemeinden Schöneiche und Rüdersdorf bereitgestellte Eigenanteil der Finanzierung ein klares Bekenntnis zum langfristigen Erhalt der Bahn. Die frühlingshafte Stimmung am 20. April 2019, als der Wagen 52 die Haltestelle Rahnsdorfer Straße in Schöneiche verlässt, ist somit sinnbildhaft für die gesicherte Zukunft, in die diese liebenswerte Dorfstraßenbahn fährt.



    So viel für heute. Fortsetzung könnte folgen ...


    Viele Grüße

    Stefan

    Die „dienstälteren“ Forumsnutzer erinnern sich möglicherweise noch dunkel an mich, seit einigen Jahren vor allem stummer Leser hier... ;)

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