Streckenkunde und Schnappschüsse

  • Guten Abend allerseits,


    da derzeit die Sonderfahrten der HSB eingestellt wurden, habe ich mal die Gelegenheiten genutzt, mal nicht nur Wernigerode-Brocken und retour zu fahren, sondern auch mal den Rest des Streckennetzes seit langer Zeit in Ruhe(sozusagen ingoknito) in Augenschein zu nehmen.

    Der Ostteil kommt dran, wenn der (Straßen) Bus nicht mehr im Einsatz ist.

    Für mich trotz 100 km (eine Richtung) gut zu erreichen ist natürlich Nordhausen und dann ebenso natürlich die Züge 8920/8903/8904/8929. Hier genieße ich sozusagen noch einen gewissen Heimbonus, der sich in herausragenden Serviceleistungen zeigt, denen ich dann regelmäßig teilhaftig werde und die ich (zugegeben) auch gern genieße.

    Sei es die teilweise schon oppulent zu nennende Verpflegung bis hin zu den Gesprächen unterwegs im Zug und auf den Unterwegsbahnhöfen, vielen Dank dafür an die Beteiligten, da fühle ich mich wohl!



    Den lockeren Bilderreigen will ich mal mit dem 01.03.2020 beginnen.Hier wird grad der 8920 zum Brocken in Nordhausen Nord bereitgestellt, respektive nach kuppeln und Bremsprobe in die Ausgangsstellung zurück geschoben. Der diensthabende Heizer hat dabei den Zugführer und Bahnsteig fest im Blick, orts-und bahnunkudige Gäste haben oftmals die unangenehme Eigenschaft,

    sich auf grad anfahrende Züge zu stürzen, in der fatalen Annahme, grad dieser Zug könnte der Letze sein! (bin ich froh, das die kombinierte Überholug/Kreuzung in Schierke bergwärts nicht mehr stattfindet, auch da gab es oft genug Grund zu Schnappatmungsanfällen beim Personal). Aber hier läuft alles ganz easy ab, die Vierergruppe scheint sich aus zukennen, alles wird gut!



    Nach den üblichen Formalitäten geht es pünktlich auf die Reise, allerdings wurde bei dieser Fahrt noch bei Bedarf an jeder Milchkanne und Wunsch (pardon Haltepunkt) gehalten, was der Lok, dem Fahrpersonal inclusive Zugführer und der Pünktlichkeit nicht grad dienlich war, kaum den Zug auf Touren gebracht, musste der Meister am Haltepunkt Hesseröder Straße (Beispiel) festmachen und vorher raten, wo und in welchem Wagen der auszusteigende Fahrgast den Zug verlassen möchte und das bei 7 KB4 + KD4, nun ja, da wollte ich auf dem Führerstand nicht unbedingt im Wege stehen.

    Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, die jeweiligen Anfahrten unter zunehmenden Zeitdruck optisch wie akustisch.....!!

    Auf diesem Bild passieren wir grad schon oder noch mit Schwung die letzten 100 m vor dem Haltepunkt Schurzfell etwa im km 3,5. Die Stelle links mit ihren Trinkwasserbrunnen heißt "Weidenschacht" und war einmal in längst vergangenen Zeiten die Kiesgrube der NWE (Nordhausen Wernigeroder Eisenbahn), die direkt vor dem Bahnübergang (BÜ) Schurzfell eine Weiche mit Anschlussgleis betrieb. Links kann man einen Hang grad so erkennen, das ist der sogenannte Zuckerweg, auf dem bis zum 30.04.1933 die alte Streckenführung von der Hesseröder Straße (etwa km 1,6) bis zum BÜ Schurzfell führte. Aber die Geschichte ist eine andere Geschichte, die dem wissenden Fahrgast bei der entspannten Fahrt so beiläufig einfällt....,



    Hier,am Haltepunkt Ilfelder Straße, sieht man, was ich meinte. Zum Glück wissend, das weiter hinten im Zug einiges an Akrobatik nötig wäre, um aus dem Zug auf den Boden zu gelangen, ist diese Fahrgästin (Pardon, das wollte ich nicht) dieser weibliche Fahrgast oder kurz diese Sachswerferin genannt, ordnunggemäß unter Ausnutzung ihrer Ortskenntnisse im 2.Wagen zugestiegen und kommt nun in den Vorzug eines ordentlichen Abgangs aus dem Zug und ich zu einem Bild des Harzrandes bei Ilfeld ohne Ruckeln. Prima,alles richtig gemacht!

    Ist man ortskundig, so erkennt man etwa über der mittleren der 5 Tannen das eingeschnittene Beretal, das wir etwa 10 Minutne später befahren werden.

    Etwa 76 Jahre zurück wird es wohl hier nicht so freundlich zugegangen sein, befand sich genau links vom Zug die Ladestelle Probst, an der von Mitte 1944 bis Mai 1945 hunderte Häftlinge des KZ-Aussenlagers Harzungen zu ihren "Arbeitsplätzen an der 5 km entfernten Westseite des Mühlberges bei Woffleben (dort Himmelsberg gehießen) getrieben wurden bei unmenschlichen Bedingungen. Auch das gehört nun mal zur Geschichte der Harzquerbahn.




    Vermutlich gab es diesemTag besonders viel zu erzählen/zu schauen, denn soviele Bilder entstanden dabei garnicht, aber die Kreuzung in Eisfelder Talmühle mit einem Triebwagenersatzzug habe ich noch mitbekommen.



    Am 08.10. 2021, nunmehr im wohlverdienten Ruhestand, war ich wieder mit von der Party und konnte hier in Nordhausen Nord das "Ausfahrt frei" zeigende Signal für den damaligen 8920 ablichten.



    Zur Laubfärbung der Kastanien am Goehteweg in Krimderode wird auch der Triebwagen zum Fotomotiv (nicht böse gemeint!) .



    Ein kurzer Blcik nach der Abfahrt in Krimderode nach links zeigt den Konstein (Ort der Gedenkstätte DORA/Mittelwerk mit interessanten Museum und Stollenführung) , davor die Siedlung Obersalza und davon links zwischen der Ortschaft und dem Damm die zugewachsene Regelspurstrecke Nordhausen-Northeim, die hier auf etwa 6 km schnurgerade bis Bahnhof Niedersachswerfen verläuft.

    Der bewachsene Damm links gehört zu den etwas unbekannteren Hinterlassenschaften der ehemaligen Raketenproduktionsstätte Mittelwerk, hier war eine Südzufahrt im Bau, die einmal in den Lagerbahnhof DORA/Mittelwerk münden sollte inclusive direkter Einfahrten in die Stollen A und B und andererseits die Verbindung zur Reichsbahnstrecke Richtung Nordhausen über den 1944 teilweise in Betrieb gegangenen Vorbahnhof Salza Nord und einem 3.Gleis zwischen ihm und Bahnhof Niedersachswerfen ermöglichen sollte.

    In Betrieb ging nur der Güterbahnhof, ansonsten wurden die laufenden Arbeiten Ende April 1945 abgebrochen, aber auch das wäre eine andere Geschichte... .



    In Niedersachswerfen Ost kann man bei der Ausfahrt Richtung Harz noch links den abknickenden Entwässerungsgraben erkennen, der auf Grund es Baues der Anschlussbahn nach Harzungen links vom Gleiskörper angelegt wurde. Zwischen ihm und dem Gleis 2 zweigten die Gleise 5 und 6 ab, um im Bogen nach links zum etwa 3 km entfernten Lagerbahnhof Harzungen zu führen.

    Vor etlichen Jahren wurde das Gelände aufgeschüttet, um einen Lärmwall für die kleine im Bogen liegende Neubausiedlung zu schaffen.



    In Eisfelder Talmühle duckt sich der SEV für den Vormittagsanschluss nach Quedlinburg und wartet auf nicht kommende Fahrgäste.



    In Drei Annen Hohne wird vom 8920 auf den 8903 gewechselt, das heißt, das Zugpersonal packt seine Plünnen zusammen und postiert sie auf dem Bahnsteig, was aus der Nähe fast wie ein "Schaufelumzug" aussieht und ich heute die Bewachung des Haufens übernehme und unsere Lok sucht eilig den Wasserkran in Gleis 1 auf, um den Vorrat zu ergänzen, Zeit für Lagerpflege usw. inclusive.

    Wenn alles gepasst hat, ist man startklar, wenn der Zug aus Wernigerode ankommt und das tägliche Lokballett in mehreren Aufzügen kann beginnen. Ich lasse einige Akte aus, hier rollt die Lok des 8903 (wernigerode-Drei Annen) an den 8920, unsere Maschine übernimmt gleich den Train bis Talmühle und als 8904 wieder zurück nach Drei Annen Hohne.

    Da ist ein wenigen Minueten einiges los und verlangt von allen Beteiligten Aufmerksamkeit, die "Zaungäste" freuen sich über die Motive und alle sind soweit zufrieden. An beiden Zügen erfolgt nun die Kuppelei, ein paar Worte werden gewechselt, Bremsproben und ab geht die Post für 8920 zum Brocken und wir wieder "unten lang" nach Talmühle.



    Allerdings war das wohl auch nicht grad einer meiner besten Tage, da hätte man doch,verdammt nochmal, mit dem Lokführer des 20..., naja, dann eben nicht, ein schöner Rücken kann auch entzücken.



    Dafür entschädigt der Blick links voraus bei der Einfahrt ins Wormketal etwas.

    Borki sei Dank wurde hier mal gezeigt, wie gegliedert der Harz doch eigentlich ist und was man bei dem vorherigen dichten Baumbestand alles nicht gesehen hat. Hier geht es recht stark fallend hinunter zur unteren Wormkebrücke (die obere befindet sich bergwärts auf der Brockenstrecke direkt hinter dem ehemaligen Anschluss Knaupsholz, beide Brücken liegen nur etwa 800 m "übereinander" im Tal, aber der Höhenunterschied!) und auf der anderen Hangseite recht steil bergauf bis zum Brechpunkt am Bahnhübergang etwa 1 km vor Elend mitten im Wald (heute nicht mehr).

    Und bevor jetzt über Borki gemeckert wird, wir waren es letzlich, die dem armen Käfer den vollen Fressnapf serviert haben! Also, das Beste draus machen, bevor in etlichen Jahren alles wieder anfängt, zu zuwachsen.



    Früher im dichten Wald, heute von der Sonne beschienen, die Fahrt abwärts im Tal der jungen Rappbode zum Teilungsdamm im km etwa 26,5 und Carlshausturm im Hintergrund...



    ...und der Rückblick von gleicher Stelle Rappbode aufwärts mit den letzten Häusern von Benneckenstein ganz hinten, schöner geht's fast nicht, man muss es nur sehen (wollen).



    Angekommen in Eisfelder Talmühle und bevor der 8903 zum 8904 wird, kommt 8914 aus Nordhausen angerollt und setzt nach kurzem Halt seine Fahrt gen Hasselfelde fort.



    So, bevor nun die Meldung vom Programm kommt,"Schluss mit Bilder einstellen", stelle ich den letzten Knipser des Tages ein, unsere Lok rollt nun dem wohlverdienten Feierabend entgegen, natürlich mit ihrem Personal und wir erledigen die letzten Handgrffe am Zug und rollen ebenfalls mit Sack und Pack in Richtung Umkleide bzw. Pkw, s'ist Feierabend, den Beteiligten ein Danke, es war ein schöner Tag!

    So, nun bin ich fertig mit nerven, wer das liest, hat durchgehalten,Danke und einen schönen Abend

    Winfried


    PS:


    Nun will ich das "durch gerutschte Bild" auch noch mit anhängen, am 08.10.21 rollt der 8929 vom Brocken kommend in Drei Annen Hohne ein, in Gleis 1 wartet die Nordhäuser Lok ab, bis sie in Gleis 2 an den Zug fahren kann, um ihn dann an den Endbahnhof des 8929 zu befördern.

    Die Fahrgäste auf Bahnsteig 2 beobachten doch etwas beeindruckt die Rangierspiele .

    Viele sind als "normale" Fahrgäste dankbar, wenn sie kurz erläutert bekommen, was sie da eigentlich grad sehen und wozu, denn so von außen erschliest sich das Geschehen dann doch nicht unbedingt.

    Winfried

  • Hallo Winfried,


    Vielen Dank und Kompliment für diesen Qualitätsbeitrag!! :klatsch:


    Ach jooo, nun hat also auch der Abstieg von Benne ins Rappbodetal eine neue Optik. Wird noch nicht die letzte diesbezügliche Stelle sein... Mal sehen, wie das noch rund um Talmühle wird.


    Liebe Grüße,

    Peter

  • Hallo Winfried,


    vielen Dank für deinen Blick auf die "Größte unter den Kleinen". Ich möchte eigentlich sofort losfahren und eine Fahrkarte kaufen...


    Gruß Lutz

  • Guten Tag,

    ja, und Danke für Eure Kommentare Peter und Lutz!

    Peter, die Harvester und vorallem die Holztransporter sind schwer am Arbeiten, da wird noch etliches frei geschnitten werden müssen.

    Lutz, da sollte ich vielleicht überlegen, nebenberuflich Werbung für die Bahn zu machen, wenn ich Dich schon, nun ja, zur spontanen Mitfahrt inspirieren konnte! ;) Zeit wäre ja meinerseits vorhanden...

    Grüße Winfried

  • Moin..

    Winfried, ein sehr schöner Beitrag.

    Prima, das Du den Mitlesern die neuen Ansichten und Aussichten in solch einer Form präsentiert!

    Die vielen neuen Perspektiven, die sich bieten sind auf jeden Fall bestimmt Anreiz für den einen oder anderen mal wieder mit zu fahren.

    Die fantstische Streckenführung lässt sich nun zum Großteil noch viel besser nachvollziehen.

    Am letzten Montag wäre ich gern ein Stück mit Dir gefahren aber leider ist nicht immer die Zeit dafür.

    Aber Dein Beitrag ist ja Entschädigung...

    Viele Grüße, Thomas

  • Guten Tag Thomas,

    kein Problem, vielleicht sollten wir so eine Tour zum Schauen und Quatschen mal ins Auge fassen, das wäre sicher nicht schlecht!

    Und Danke für Deine Beurteilung.

    Grüße Winfried

  • Moin Winfried,

    auch ich sage mal Danke für dein Beitrag. Und ich genieße jeden Ausblick durch den fehlenden Wald der mir an vielen Stellen auch als Vielfahrer nicht gegönnt wurde. Schon in wenigen Jahren wird wieder alles mit schnellwachsenden Zeckengewächsen zugebuscht sein und solche Ausblicke verhindern.

    Mir war allerdings auch der Nadelwald ans Herz gewachsen von den wir uns wohl bis in Höhen unter 700 Meter dauerhaft verabschieden müssen. Und am Brocken haben die meisten Laubbäume sowieso keine Chance. Die Krüppelfichten dort oben haben ja ein beachtliches Alter. Da bin ich mal gespannt ob die den Borkenkäfer wiederstehen können. Zum Betriebsgeschehen brauche ich mich ja nicht zu äußern, das mir bestens vertraut ist. Wobei ich als ehemaliger Wernigeröder Lokführer immer die andere Variante der Lokstellung favorisiert habe, in der ich ettliche Vorteile für mich sah. Aber das ist jeden seine Sache wie rum er fährt. Hauptsache nicht verkehrt herum wie viele es bezeichnen, denn dann wären die Räder oben und der Schornstein rattert durch den Schotter.

    Beste Grüße Reiner

  • Guten Tag Reiner,

    vielen Dank auch Dir für Deinen Kommentar. Das ist ja der Umstand, den ich auch versuche, unseren Gästen nahe zu bringen, alles jammern über den bösen Käfer nutzt nichts, er nutzt nur seine Chance, die wir ihm bieten.

    Daher das Beste draus machen. Ich bin gewiß auch nicht wenig in den vielen Jahren im Harz unterwegs gewesen, aber so wie derzeit, kannte ich es auch nicht und bin echt begeistert, wie schön es doch aussieht mal ohne dichte Bäume. Aber auch das ist nur ein sich langsam ändernder Zustand, an der Brockenstrecke kann man das schon erkennen, dort wächst es langsam wieder heran, aber eben langsam.

    Zum Betriebsgeschen, Hauptsache, es fährt noch etwas, Tender voran oder umgekehrt, im Notfall mit Begründung auch ein Kamel oder Tw, egal, Hauptsache es fährt. Gut, "verkehrt herum" ist echt ein wenig blöd, das muss nicht! ;)

    Grüße Winfried

  • Hallo Winfried,


    ein Besuch im Harz ist schon lange auf meiner Wunschliste. Ebenso eine Fahrt von NDH bis DAH. Den Thüringer Teil des Netzes habe ich bisher vernachlässigt. Mein letzter Besuch ist schon wieder ein paar Jahre her. Da bin ich die große Runde von Gernrode bis Eisfelder Talmühle und zurück mit der 6001 mitgefahren. Leider kommen immer irgendwelche Hindernisse dazwischen. Ich wohne leider etwas weit weg. Für einen Tagestrip lohnt es sich nicht wirklich. Dafür kann ich fast alle sächsischen Schmalspurbahnen in 1 bis 1,5 Stunden erreichen. Man kann nicht alles haben...


    Gruß Lutz

  • Guten Abend Winfried,


    auch von mir ein ganz großes Dankeschön, für diesen tollen Bericht.

    Er besticht vor allem dadurch, das hier einmal nichts negatives berichtet wird.

    Sondern die positiven Seiten des Harzes und seiner Bahn hervorgehoben wurden.

    Sollte ich wieder einmal die Zeit finden, mit der HSB mitzufahren, würde ich Dich vorher anschreiben. Da ich dabei sicherlich sehr viel erfahren könnte, was man heute alles nicht mehr sehen kann, bzw. wo man bisher, aus Unwissenheit, achtlos vorbei gefahren ist.

    Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, die Bilder sich anzusehen und den entsprechenden Text dazu zu lesen.


    Schönen Abend und Gruß

    Norbert