Die sächsische I ME im Modell

  • Hallo,

    in diesem Beitrag möchte ich über die Entwicklung eines Modells berichtet - mit Erfolgen und Rückschlägen. Vielleicht nimmt es dem Einen oder Anderen die Angst vor dem Selbstbau oder ihr könnt euch für eure Projekte etwas abschauen. Wenn ihr Verbesserungsvorschläge habt, freue ich mich über Rückmeldungen!

    Eigentlich wollte ich den Winter mit der Nachbildung weiterer Fahrzeuge der Mansfelder Bergwerksbahn und den ersten Wagen der RhB verbringen aber dann kam es anders: Die Bitte eines Familienmitglieds nach der Nachbildung einer ganz besonderen Lok im Maßstab 1:87 konnte ich nicht ausschlagen: Die Sächsische I ME. Von dieser Bauart wurden nur zwei Stück gefertigt und leider in den 1960er Jahren verschrottet, so dass ich für die Rekonstruktion nur auf historische Bilder, Maßangaben und einer Maßskizze aus dem Buch Die Klingenthaler Schmalspurbahn und die Geschichte des Normalspurbahnhofs Klingenthal von Rainer Heinrich zurückgreifen konnte. Aber immerhin! Ich hatte schon denkbar schlechtere Grundlagen für eine Nachbildung im Modell...

    Die ursprüngliche Idee das Modell auch mit einem Motor zu versehen verwarf ich, da dies eine relativ komplexe Getriebekonstruktion nach sich gezogen hätte. Zudem fehlt mir die Erfahrung im Entwerfen von neuen Antrieben - ich sammle gerade beim Umbau von einigen älteren Modellen Erkenntnisse auf dem Gebiet. Vielleicht greife ich das Thema in ein paar Jahren nochmal auf, doch nun konzentriere ich mich auf ein rollfähiges Modell für die Spurweite H0e. Korrekt wäre H0m aber der Empfänger des Modells fährt auf H0e.

    Das erste Hindernis sind die Räder: Speichenradsätze mit einem Durchmesser von 11,5 mm und für die Spurweite H0e gibt es nicht (oder ich habe sie nicht gefunden). Also suchte ich im normalspurigen Zubehör und fand: Piko 56054. Etwas zu dick aber nach einigen Runden auf der Drehbank sehr ansehnlich.

    Die Bauteile entstehen wie alle meine Modelle auf der CNC-Fräse aus Polystyrol. Mir liegt das Material äußerst gut, da es sich hervorragend mit Hand und mit maschineller Unterstützung bearbeiten lässt. Einzig das Gewicht kann bei einigen Modellen problematisch werden aber das kann man mit etwas Blei sehr gut kompensieren.

    Nach der obligatorischen Bildersichtung entsteht eine Zeichnung am PC. Hier werden die Einzelteile auch virtuell zusammengesetzt, um zu prüfen ob alles passt. So z.B. die Drehgestellblenden in Verbindung mit den Rädern und der Drehzapfenaufnahme:

    Das Modell wird eine Dreipunktlagerung erhalten. Wie ich das umsetzten werde kann man an der fertigen Drehgestellen erkennen: Jeweils in der Mitte ist eine Scheibe mit einem Loch für den Drehzapfen. Beim hinteren Drehgestell kann man zwei kleine Zapfen in Höhe der Drehgestellblenden erkennen:

    Die Grundplatte des Lokkastens wird die gleiche Konstruktion erhalten. Damit ist das hinter Drehgestell in Querrichtung zum Gleis nicht kippbar, das vordere hat jedoch ein Bewegungsspiel von 2 mm in jede Richtung. Die ersten Rolltests verliefen ausgezeichnet.

    Die Drehgestellblenden sind jeweils aus einem Stück gefräst, so dass die Federpakete und Nieten nicht nachträglich angebracht werden müssen. Das spart viel Arbeit geht aber auf Kosten der Fräsdauer. Die I ME erhielt aufgrund des Betriebs im Straßenverkehr umlaufende Blenden an den Drehgestellen. Am Modell kann man die Halter dafür schon erkennen.

    Die Seiten des Lokkastens haben viele Nieten:

    Man könnte meinen, dass dieses Seitenteil fertig ist und verbaut werden kann, doch leider vergaß ich die hervorstehenden Fensterrahmen... Aber sehen wir es positiv und betrachten es als Cliffhanger für den nächsten Beitrag ;)

    Freundliche Grüße

    Robert

  • Hallo Robert,

    große Klasse!!!

    Die Strecke wäre sozusagen meine "Haus-Schmalspurbahn" gewesen,

    wenn sie nicht so zeitig eingestellt worden wäre.

    Bin mal gespannt, was Du so zauberst...

    In welcher Epoche wird denn das Modell angesiedelt sein?

    Mir ist sowas auch schon im Kopf herumgegeistert...

    Ich hätte versucht, das Fahrwerk einer vierachsigen TT-Diesellok, wenigstens in Teilen zu verwenden. Es ginge bestimmt auch eine N-Maschine wegen der niedrigeren Bauhöhe. Da die Radsätze ja meist Innenlager haben, sollte ein Tausch auf längere Achsen möglich sein.

    Nur mal so als Gedanke.

    VG

    Norman

    gesendet von meinem robotron KC 87

  • Hallo Robert,

    das ist ja ein feines Modell wenn es fertig ist. Fräst du um die Nieten- und Schraubenköpfe herum, weil die erhaben sind? Berichte mal über die Baufortschritte. Da hätte ich schon Interesse in 1m für meine Güterstraßenbahn.

    Es grüßt Peter Megges

    (IG Spur1-Mitteldeutschland in 06618 Naumburg/Saale)

    Vereinsanlage auf ca. 700qm mit meterspuriger Straßenbahn/Güterstraßenbahn

    Nächste öffentliche Ausstellung mit der Modellwelt Naumburg/Saale am 28.März ab 10 Uhr geöffnet!

    Treffpunkt Eisenbahn, Basteln an der Anlage, Zuschauen und Mitmachen! März bis Oktober in der Regel jeden Freitag 10-16Uhr. Bitte um vorherige Kontaktaufnahme! Eintritt 5€

  • Hallo zusammen,

    dass dieses Projekt auf so viel Resonanz stößt, hätte ich nicht gedacht. Dann macht's umso mehr Spaß :)


    In welcher Epoche wird denn das Modell angesiedelt sein?

    Mir ist sowas auch schon im Kopf herumgegeistert...

    Ich hätte versucht, das Fahrwerk einer vierachsigen TT-Diesellok, wenigstens in Teilen zu verwenden. Es ginge bestimmt auch eine N-Maschine wegen der niedrigeren Bauhöhe.

    Die Lok wird für Epoche drei beschriftet und lackiert.

    Ich hatte am Anfang verschiedene H0e- und H0m-Loks geprüft aber leider passten die Motorkonstruktionen nicht ohne Abstriche am Gesamtbild zu machen. Andere Spurweiten kamen mir leider gar nicht in den Sinn... Im Nachhinein blöd von mir...

    Fräst du um die Nieten- und Schraubenköpfe herum, weil die erhaben sind?

    Ja, genau. Diese Idee hatte ich schon länger im Kopf aber konnte es bisher bei keinem Projekt umsetzen. Das ist auf jeden Fall angenehmer als 3D-Nieten per Nassschiebefolie aufzubringen geht aber auf Kosten der Fräsdauer...

    Ich hatte per PN und Mail einige Anfragen zu Punkten, die ich hier auch nochmal zeigen möchte. Im Detail die beiden Drehgestelle und die Unterseite der Grundplatte:

    Auf dem Bild kann man das Prinzip der Dreipunktlagerung sehr gut erkennen.

    Eine Draufsicht eines Drehgestells mit alle Bauteilen. Da ich kein CAD-Programm nutze, sondern CorelDraw, zeichne ich die Bauteile nur von einer Seite. Also muss ich immer prüfen, ob auch alles zusammen passt. Dies sieht beim Drehgestell dann so aus:


    Ich hatte auch einige Anfragen zu Auftragsarbeiten erhalten. Da ich das in meiner Freizeit leider nicht realisieren kann aber den Selbstbau unterstützen möchte, werde ich zum Abschluss des Projektes eine bemaßte Zeichnung, die Frästeile als Zeichnung und die Anschriften als PDF zur Verfügung stellen. Vielleicht findet jemand eine clevere Lösung für ein Antriebskonzept.

    Freundliche Grüße

    Robert

  • Hallo,

    für die Drehgestelle sind inzwischen die Ausgleichsgewichte und der erste Entwurf der Kuppelstangen entstanden. Letztere ist jedoch im Bereich der Kurbelzapfen etwas groß geraten, so dass hier die Fräse noch mal ran darf. Die noch nicht entgrateten Bauteile lose zusammengesteckt:

    Das Lokgehäuse ist etwas aufwendiger als die Drehgestelle konstruiert: Damit Stirnwände, Vorbauten und Grundplatte passgenau montiert werden können, werden die Seitenwände erneut, jedoch ohne Nieten gezeichnet und gefräst. Sie sind um die jeweilige Materialstärke der Vorbauten verkürzt, damit eine Nut entsteht. Diese Seitenwände werden dann von innen an die Außenwände geklebt. In diesen Innenwänden sind zudem Nuten für die Stirnwände eingefräst, sodass diese nun von oben eingeschoben werden können. Klingt komplizierter als es ist und sieht so aus:


    Da die Vorbauten an den Stirnenden stark abgerundet sind, müssen die Polystyrolteile etwas vorbehandelt werden. Wenn man die Bauteile einfach umbiegt, würde die entstandene Rundung nicht gleichmäßig sein oder schlimmstenfalls brechen. Um das zu verhindern rolle ich die Bauteile an den jeweiligen Stellen solange über einen 5 mm-Rundstab aus Holz, bis sie an diesen Stellen etwas weicher werden. Dann klebe ich den nicht abgerundeten Teil der Bauteile von innen an die Seitenwände und warte bis der Klebstoff trocken ist. Erst dann biege ich die Bauteile nach unten, trage Klebstoff von innen an die Seitenwände und die Vorbauten und fixiere alles in eine Spannzwinge:

    Das bleibt dann so über Nacht liegen. Am folgenden Tag haben alle Bauteile die erzwungene Änderung akzeptiert und verharren in ihrer neuen Form.

    Um Drehgestelle mit einem Lok- oder Wagenboden zu verbinden gibt es verschiedene Möglichkeiten: Einen Rundstab, der als Zapfen durch die Drehgestelle in ein Loch im Boden des Fahrzeugs eingepresst wird, eine Schraube, die durch die Drehgestelle in ein kleineres Loch in den Boden des Fahrzeuges gedreht wird und sich dort selbst das Gewinde schneidet, Schrauben die im Fahrzeugboden versenkt sind, so dass die Drehgestelle über die Gewinde fixiert und mit einer Mutter gesichert sind. Bisher habe ich immer die zuletzt genannte Variante für die Verbindung von Drehgestell und Fahrzeug verwendet, doch diesmal probiere ich es anders herum: Die Muttern sind mit Zweikomponenten-Klebstoff von innen auf den Wagenboden geklebt und die Schrauben werden in die Drehgestelle geklebt. Somit können die Drehgestelle samt Schrauben in den Fahrzeugboden geschraubt werden:

    Auf dem Bild erkennt man auch die zweite Bodenplatte mit den Aussparungen für die Muttern.

    Der gesamte Lokkasten besteht somit aus diesen drei Grundbauteilen:

    Das mittlere Bauteil mit den größeren Löchern ist etwas größer als das Lokgehäuse, da auch beim Vorbild der Rahmen übersteht. Ich vermute, dass hatte konstruktive Gründe.

    Im nächsten Beitrag geht es dann an die Details, das Dach und vielleicht hat dann der Paketbote den Pantografen gebracht.

    Freundliche Grüße

    Robert

  • Hallo zusammen,

    nachdem ich die Kuppelstangen überarbeitet habe, stand die Montage aller Bauteile an. Dabei werden die Kurbelzapfen ohne Einsatz von Klebstoff durch die Kuppelstangen geschoben und dann in die Ausgleichsgewichte geklebt. Aufgrund der Größe der Bauteile und der Bedingung, dass alles beweglich sein muss, ist hier größte Vorsicht beim Einsatz von Kleber angesagt. Und was soll ich sagen: Natürlich war das erste Exemplar für die Tonne ;)

    Die noch nicht verklebten Bauteile:


    Weiter geht es mit dem Gehäuse: Nachdem die Bodenplatten mit dem Lokkasten verklebt wurden, widme ich mich den Details. Auf den Vorbauten und an den Seiten sind beim Vorbild Griffstangen angebracht, die mittels Ösen am Fahrzeug befestigt sind. Die Bohrungen dafür hatte ich schon bei der Herstellung der jeweiligen Bauteile vorgesehen, so dass ich sie nur noch einstecken musste, was dann in einer Fummelei endete:

    Im vorherigen Beitrag hatte ich das Prinzip des Umbiegens von geraden Bauteilen erläutert. Das gleiche Prinzip habe ich auch beim Dach angewandt. Da es später nur von Oben eingesteckt werden soll, musste es etwas aufwendiger konstruiert werden:

    Das Dach selbst ist auf dem Foto bereits gebogen. Ganz wichtig: Damit sich später nichts verzieht, muss das Dach spannungsfrei verklebt werden! Die Rundung des Dachs muss also vor dem Verkleben der Spanten exakt passen, da sie nur der Stabilität dienen, denn diese Baugruppe wird nicht mit dem Gehäuse verklebt. Fertig montiert sieht das so aus:


    Der Pantograph sitzt und auf einem kleinen Hilfsrahmen. Für die Montage dieser Bauteile habe ich mir mit einem Messschieber an allen vier Seiten Markierungen auf dem Dach ganz dünn eingeritzt und anhand derer die Bauteile montiert:


    Und dann war es soweit! Das erste Mal alle Bauteile zusammengesetzt

    Es gibt noch viele Details die nach Umsetzung rufen aber das Gesamtbild stimmt bis hierhin, würde ich sagen. :)

    Freundliche Grüße

    Robert

  • Hallo Robert,

    weiterhin ganz großes Kino, was Du hier zauberst!!!

    Was mir noch aufgefallen ist, es würden ja die Laternen bei Epoche III am Rahmen angesetzt werden.

    Nach meiner Kenntnis haben beide Maschine ja früher die Lampen am Lokkasten gehabt.

    Die "Schuten" /Schutzbleche über den Laternen, resp. deren Reste waren bis zuletzt an den Lokkästen

    beider??? Maschinen vorhanden. Bei der 01 bin ich nicht sicher, aber die 02 hatte das bis zuletzt.

    Aber das wirst Du bestimmt noch umsetzen?

    Die beiden Wartungsklappen an der Längsseite scheinen beim Original ein "Mü" tiefer, direkt

    über der Nietreihe angesetzt zu sein.

    Bitte mißverstehe das nicht als Korinthenkackerei, ich bin begeistert was Du hier fabriziert hast!

    Aber mich haben diese Lokomotiven schon immer fasziniert, daher gucke ich genauer hin :D

    VG

    Norman

    gesendet von meinem robotron KC 87

  • Hallo Norman,

    vielen Dank für dein Lob!

    Die Schutzbleche über den Lampen wurden bei der 01 entfernt. Im Klingenthaler Buch gibt es eine handvoll Fotos, auf denen man das erkennen kann. Wie das bei der 02 war, kann ich auch nicht zweifelsfrei klären. Ich habe mich noch nicht final entschieden welche Lampenversion ich darstelle.

    Die Wartungsklappen (ich vermute für die Sandbehälter) waren tatsächlich beim Original tiefer angeordnet. Da jedoch zwischen der Nietenreihe und den Wartungsklappen der Fräser passen musste, sind sie "herstellungsbedingt" etwas höher gerutscht.

    Freundliche Grüße

    Robert