Hallo,
Anfang 2024 legt aus Nordamerika kommend ein Containerschiff mit eisenbahnhistorisch wertvoller Fracht in einem deutschen Hafen an. In einem der Container verbirgt sich die wohl kleinste jemals für eine kommerzielle Eisenbahn gebaute Dampflok weltweit. Außerdem handelt es sich mit dem Baujahr 1896 um eine der ältesten original erhaltenen deutschen Lokomotiven und die einzige erhaltene Lok ihrer 5 PS Bauart überhaupt.
Gebaut hat den 600mm königsblauen zweiachsigen und nur 1,7 t leichten Winzling mit dem Maßen eines Kleinwagens die ehemalige Lokfabrik Jung in Jungenthal bei Kirchen an der Sieg unter der Werknummer 255 für einen Unternehmer namens Fernando de Teresa, der zwischen 1896 und dem Ausbruch der Revolution 1910 in Mexiko Stadt einen Vergnügungspark betrieb und die Besucher mit seiner vermutlich auch von Krupp aus dem Werk Magdeburg gelieferten und gebauten 600mm schmalspurigen Feldeisenbahn „Ferrocarril de Tacubaya“ mit 1,6 KM Länge in und durch den Park transportierte. Die Lok hat nur 5 PS (zum Vergleich: die größten in Deutschland genutzten Dampfloks hatten rund 3000 PS und ca. 140 t Gewicht) und zog 3-4 zierliche Wagen, bevor die US Lokfabrik Baldwin unter der Werknummer 15241 schon 1897 eine größere 2B Schlepptender-Dampflok namens „Susana“ als Ersatz an den Park lieferte. Mit der Revolution wurden die Fahrzeuge der Bahn in alle Winde zerstreut und hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass sie in Mexiko noch vorhanden seien. Nach rund 20-jährigen Nachforschungen konnte das Frankfurter Feldbahnmuseum e.V. mit der Hilfe eines mexikanischen Freundes im Frühjahr 2023 die kleine Jung als „Dekobjekt“ im Vorzimmer des Chefs einer kleinen Maschinenfabrik nahe des internationale Flughafens vom Mexiko Stadt ausfindig machen,
wo sie seit ihrem Fund bei einem Autohändler in den 1940ern seit ca. 1955 in unverändert vollständigem und absolut originalem Zustand faktisch weiterhin funktionsfähig aufgestellt war – also eine Art „Scheunenfund“. Der bereits ältere Eigentümer verkaufte sie an das Frankfurter Feldbahnmuseum e.V., das die Lok wieder in Betrieb nehmen will. Sie wird wahrscheinlich im Rahmen des Betriebstages am 14.01.24 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Wer die Bahn googelt, findet auch Betriebsbilder der Loks aus ca. 1900.
Jung baute wie die meisten deutschen Lokhersteller seine Vorratsloks mit einer Leistung von mindestens 10 PS. Nur 11 Exemplare der Loks der noch kleineren Leistungsklassen 5, 6 und 8 PS entstanden dort (Bohrung der Zylinder der 8 PS Lok 11,0 und 9,0 cm bei 6 PS und 8,5 cm bei 5 PS).
Gruß Rüdiger
Ein Junge kehrt heim!
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Moin,
niedlich die Kleine! Aber nur für Einmannbedienung ausgelegt wie mir scheint. Mit zwei Mann Besatzung kippt die doch hinten über?

Gruß
Carsten
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Eckhard
8. Dezember 2023 um 13:21 Hat das Thema aus dem Forum Bildberichte & Dokumentationen nach Deutschland verschoben. -
Sensationell 🤩
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Was es nicht alles gibt. Dann wünsche ich den Main-Frankfurtern ganz viel Erfolg bei der (Re)Aktivierung des Lökchen.
Viele Grüße
Toralf
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Hallo Rüdiger,
danke für die tolle Info.
Allerdings finde ich es schade, dass die Lok wieder betriebsfähig gemacht werden soll.
Wenn sie wirklich so original erhalten ist, gehört die unter Denkmalschutz und nur museal aufgearbeitet.
Eine betriebsfähige Aufarbeitung würde unwiderbringliche Originalsubstanz zerstören.
Viele Grüße
Jens
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Guten Abend,
das ist eine fabelhafte Geschichte. Was für eine schöne Lokomotive. Ich wünsche euch viel Erfolg bei der betriebsbereiten Aufarbeitung und mächtig viel Spaß an der schnuckeligen Lok. 20 Jahre, manchmal darf man eben den Glauben an eine Sache nicht verlieren.
Viele Grüße
Alexander
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Wenn sie wirklich so original erhalten ist, gehört die unter Denkmalschutz und nur museal aufgearbeitet.
Eine betriebsfähige Aufarbeitung würde unwiderbringliche Originalsubstanz zerstören.
Museumsstücke sind meiner Meinung nach tote Objekte. Deshalb kann ich mit "normalen" Museen auch nichts anfangen. Ich möchte so alte Technik nicht stumm betrachten, sondern möchte sie auch hören und riechen. Deshalb sind mir Museumsbahnen tausendmal lieber als Museen. Oldtimerveranstaltungen lieber als Autoausstellungen. Und statt mir mittelalterliche Dinge in Vitrinen anzuschauen, besuche ich lieber solche Einrichtungen wie das LWL-Museum in Hagen oder das Freilichtmuseum in Münster, wo diese Zeit quasi erlebt werden kann.
Die Lok wurde zum Fahren gebaut, deshalb finde ich es toll, dass sie das wohl in Zukunft wieder darf.

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Hallo Leut's,
es gibt schon gut gemachte Museen- aber es stimmt schon, meist ist es fast ausschließlich die Bewahrung der Asche. In seltenen Fällen wird eine Flamme entzündet.
Bei diesem kleinen Lokomotivchen (trinkt die eigentlich noch Milch? Und- darf sie schon rauchen?)
In diesem Fall gehe ich mit Jens konform- beziehungsweise noch einen Schritt weiter. Schon bei der musealen Aufarbeitung geht wertvolle Substanz- und sei es der fast hundertjährige Schmutz- verloren. Hier wäre eine geschützte Unterstellung und Konservierung MEINE präferierte Vorgehensweise zum Erhalt dieser einzigartigen Lokomotive.
Für die betriebsfähige Aufarbeitung muß die Lok komplett (ähnlich wie die HILAX) zerlegt werden. Damit wird sie eigentlich zerstört. Mit ihrer Aufarbeitung wird sie zum toten, wenn auch betriebsfähigen Objekt.
Natürlich ist es dem Eigentümer überlassen, was und wie er mit dieser Lokomotive umgeht. Ich möchte aber zu bedenken geben, daß es sich hier um die einzige (bekannte) erhaltene Lok handelt. Meiner Meinung nach, dürfte es auch keinerlei Unterlagen darüber geben.
Viele Grüße Christian
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Letztendlich ist das ein Thema, über das sich schon seit Ewigkeiten die Enthusiasten streiten. Da wird man auch niemals auf einen gemeinsamen Nenner kommen.
Ich habe das schon so oft in der Oldtimerei bei Autos erlebt. Ich selber habe durchaus schon improvisiert, weil Teile schlichtweg nicht mehr verfügbar waren. Im nicht sichtbaren Bereich ist das für mich völlig ok. Die Alternative wäre gewesen, das Auto nicht mehr zu fahren. Deshalb für mich ganz klar das kleinste Übel, insbesondere, wenn ich die lächelnden Gesichter von Passanten sehe. Genauso sehe ich es auch mit dieser Lok. Im Museum wäre sie für mich langweilig. Und Nachwuchs beim Interesse für unser Hobby wird auf die Art auch nicht unbedingt gefördert.
Aber wie gesagt, das ist nur meine Meinung, jeder vertritt da seine eigene Ansicht, und keine davon ist falsch. Nur leider schließen sie sich gegenseitig aus, weshalb der Besitzer da eine Entscheidung treffen muss.
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Den einen geht es darum, das Leben von damals nachzuspielen und somit Altes erfühlbar zu machen, den anderen geht es darum, Altes in dem Zustand zu bewahren, in dem es tatsächlich war. Beides ist gerechtfertigt aber nur begrenzt vereinbar.
Ich bin immer sehr froh, wenn etwas in einem Zustand konserviert wird, den es sonst heute nicht mehr gäbe. Insbesondere, wenn dieser Betriebsspuren enthält oder technisch/handwerkliche Lösungen, die heute nicht mehr oder nur sehr aufwändig möglich wären. Bei besonders wertvollen Stücken sollte man auf eine Funktionsfähigkeit verzichten.
Ich finde auch den Ansatz eher fragwürdig, Museumsfahrzeuge in einen optisch perfekten Zustand zu versetzen, den es im Betrieb selten gab. Das lässt einen zwar die Technik erleben, ist aber eine Verschleierung der Vergangenheit. Sicher ein schönes Erlebnis, aber mit vermidnerten Bildungscharakter, was ja das Ziel von Museen ist. -