Brattendorf Porzellanfabrik (Strecke Eisfeld - Schönbrunn)

  • N'Abend!


    Brattendorf Porzellanfabrik war eine Betriebsstelle an der Strecke Eisfeld Schönbrunn. Sie schloss die westlich des Ortes Brattendorf gelegene Porzellanfabrik an diese meterspurige Schmalspurbahn an. Sie produzierte kein Geschirr oder Kunstgegenstände aus Porzellan, wie man unbedacht annehmen könnte, sondern technische Artikel, vermutlich u.a. für elektrotechnische Anwendungen, wie z.B. Isolatoren. Neben dem Anschluss gab es hier einen Haltepunkt. Die Übersichtskarte der Rbd Erfurt vom August 1967 benennt eine Haltestelle beim Streckenkilometer 8,95 und den Anschluss bei 9,1.

    Abb. 1: Eisfeld - Schönbrunn im Ausschnitt aus der Übersichtskarte der Rbd Erfurt. Im oberen Teil lag nur wenige Kilometer entfernt bereits die Steilstrecke von Schleusingen über den Rennsteig

    Als ich im Herbst vor dreißig Jahren im zweiten Anlauf den oberen Streckenteil von Schönbrunn startend ablief, traf ich bei bei beginnender Dämmerung hier ein. Genau wie die Fabriken im oberen Teil der Strecke hatte man die Prozellanfabrik in jenem Jahr bereits abgerissen gehabt und ich war zu spät. Nur lagen hier noch als Reste riesige Ziegelberge. Diese und auch noch das vorhandene Pförtnerhäuschen blieben unfotografiert. So nahm ich an diesem trüben, regnerischen Tag müde von hier aus den Bus zurück in mein damaliges Quartier nach Schleusingen.

    Bilder von Eisfeld - Schönbrunn sind vergleichsweise selten. Am häufigsten sind Aufnahmen aus Schönbrunn, Biberau und Eisfeld. Sehr viele von ihnen entstanden am 17.2. (Entgleisung der 99 7236 in Biberau) und 27.2.1973 als größere Gruppen von Eisenbahnfreunden gemeinsam von dieser dann am 31.3. nachträglich offiziell stillgelegten Strecke Abschied nahmen. Vereinzelt gibt es dann noch Fotos aus Brünn, Brattendorf und Schwarzbach in Veröffentlichungen. Aber Porzellanfabrik und erst Recht Roter Haag? Fehlanzeige! Selber kenne ich nur fünf Bilder von dort, vier davon als sehr schlechte Fotokopie, wovon zwei nur den abgebauten Zustand zeigen, und das fünfte mit Personenzug an dem Haltepunkt. Jedoch bietet das Thüringer Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation auf seiner Homepage verschiedene historische Luftbilder an, darunter eine ganze Serie hochauflösender aus 1945 anhand derer man die Strecke von Eisfeld kommend bis zur Porzellanfabrik gut verfolgen kann. Direkt vor Roter Haag drehte leider dann das alliierte Aufklärungsflugzeug ab. Mit diesem letzten aus der Serie möchte ich euch auf Erkundung nehmen.

    Abb. 2: Die Porzellanfabrik mit der Schmalspurbahn zwischen Bahnhof Brattendorf und Haltepunkt Roter Ha(a)g im Luftbild 194595_4176 vom 26.04.1945 (c) GDI-Th, Freistaat Thüringen, TLVermGeo, dl-de/by-2-0 auf altem Messtischblatt

    Auf dem genannten Luftbild ist der Streckenverlauf hervorragend zu verfolgen. Zum Teil erkennt man sogar beide Schienen. Dies georeferenziert, mit der Skizze des Gleisplans aus dem Buch von Hans Löhner zu dieser Bahn und den Bildern der Kilometersteine von der Homepage von Klaus Erbeck komme ich dann zu jenem Ergebnis.

    Abb. 3: Streckenverlauf im Bereich der Porzellanfabrik im Luftbild vom 26.4.1945

    Übertragen in die heutige Zeit stellt es sich dann folgendermaßen dar:

    Abb. 4: Streckenverlauf im Bereich der ehemaligen Porzellanfabrik in digitalen Orthophotos vom 24.3.2022 (c) GDI-Th, Freistaat Thüringen, TLVermGeo, dl-de/by-2-0

    In den folgenden Beiträgen gehe ich dann etwas detaillierte auf die Gleise und etwas den dortigen Betrieb ein. Fortsetzung folgt ... .

    Volker

  • Hallo Volker,

    von Brattendorf hier ein Bild vom 26. August 1967:

    Bild 1: P 3756 Schönbrunn-Eisfeld

    Brattendorf Porzellanfabrik zeigen die folgenden zwei Bilder:

    Bild 2: P 3756, ebenfalls am 26. August 1967

    Bild 3: P 3757, letzter Personenzug Eisfeld-Schönbrunn am 23. September 1967

    Grüße

    Manfred

  • Hallo Manfred,

    herzlichen Dank für das Einstellen der Bilder von deinem Vater aus Brattendorf und insbesondere von der Porzellanfabrik! Genau jenes Bild vom Sonnabend, den 26. August 1967 war mir auch bekannt:

    Bild 2: P 3756, ebenfalls am 26. August 1967

    Es zeigt die 237 vermutlich an einer H-Tafel stehend am dortigen Haltepunkt. Der Zug mit einer Länge von grob 13+2*15+11 = 54 Meter (Neubaulok, zwei umgespurte sächsischen Einheitswagen plus Packwagen) passt knapp an den Bahnsteig, der hinter der Werkseinfahrt liegt (Andreaskreuz). Direkt vor der Lok - und schon nicht mehr profilfrei - liegt die Anschlussweiche und gleich dahinter bereits eine erste Ladestelle. Das sichtbare Anschlussgleis folgt dann der ganzen sichtbaren Gebäudefront und hat noch ein kürzeres Nebengleis. Im Luftbild von 1945 stellt es sich meiner Ansicht nach so dar:

    Abb. 5: vergrößerte Darstellung der Gleisanlagen der Porzellanfabrik im Luftbild von 1945

    Wie man im Luftbild erkennt, folgten Anschlussweiche und Haltepunkt gleich der Kreuzung mit der Reichsstraße 4 (spätere F4, dann B4 und heutige L3004). Den Bahnsteig, wie ich ihn anhand des Luftbildes zuordnen würde und rot hervorgehoben habe, ist länger als auf dem Bild von Günter Meyer. Mit so eingezeichnet ca. 68 Metern wäre dann Platz für eine Einheitslok mit vier Wagen (12+4*12 = 60 Meter). Nach Bildern aus den Dreißigern waren aber auch längere Züge unterwegs. Ich kann mir vorstellen, dass ein auf der Werkseinfahrt zum Ein- oder Ausstieg stehender Zug den Menschen keine Ärgernis gewesen wäre.

    Während das Streckengleis zumeist sehr gut erkennbar ist, erschweren dies im Werk die Schatten insbesondere von Gebäuden aber auch anderen Bauten. Das lange von der Strecke abzweigende Gleis habe ich dennoch ganz beruhigt so weit durchgehend eingezeichnet, weil ich weiß, dass dessen Nutzlänge 150 Meter betrug. Nachgemessen passt es so ganz gut bis zur ungefähren Profilfreiheit an der Abzweigweiche. Auf diesem bzw. auf der von diesem Gleis abzweigenden Weiche stehen zwei Güterwagen, wovon der eine zumindest wie ein offener aussieht. Die Längen ihrer Aufbauten habe ich mit ungefähr 10,6 und 10,2 Meter ermittelt.

    Aber ab diesem Punkt wird es schwierig, da fast alles nur noch im Schatten liegt. Auf dem Abstellgleis könnte man einen kurzen offenen Güterwagen z.B. für Kohlen erkennen. Die Aufbautenlänge beträgt dann ca. 6,2 m. Insgesamt habe ich aber Stunden damit verbracht diese Gleise so zu erraten, bis ich wirklich zufrieden, aber immer noch nicht sicher war. Für die es selbst einmal versuchen wollen, habe ich im ersten Teil den Link zum originalen Luftbild angefügt und werde die entsprechenden gedrehten Ausschnitte unten nochmal anhängen. Georeferenzierte Bilder verlieren in der Regel an Feinauflösung. Verbesserungsvorschläge sind gerne gesehen!

    Abb. 6: Der Gleisplan der Porzellanfabrik übertragen auf die heutige Situation

    Die obige Abbildung zeigt die ehemaligen Gleisverläufe in einem aktuellem digtalen Orthophoto von 2022. Wer sich dies mal vom Boden aus ansehen will und nicht dort vorbeikommt, dem empfehle ich das Bild von Martin Wollmann auf seiner Homepage www.stillgelegt.de.

    Wenden wir uns nun der Haltestelle im km 8,95 zu. Hier sind alle Gleise problemlos im Luftbild von 1945 zu erkennen. Dank der wie bereits oben erwähnt bei Klaus Erbecks Sammlung abgebildeten, gepflegten Kilometersteine bei 8,1 und 8,2 am Brattendorfer Bahnhof, die man in in heutigen Luftbildern erkennen kann, lässt sich sogar die Kilometrierung gut rekonstruieren. 8,95 liegt doch so ganz passabel in der Mitte des Haltepunkts, wie es sich gehört.

    Abb. 7: Haltestelle Brattendorf Porzellanfabrik im Luftbild von 1945 ...

    Abb. 8: ... und im heutigen Zustand

    Hat eigentlich jemand ein Bild von der 37 zur Hand, wie sie in den letzten Jahren mal die B4 kreuzte?

    Viele Grüße

    Volker

    Abb. 9+10 Ausschnitte nicht georeferenziert.

  • Hallo Volker,


    Brattendorf erhielt von den Kemmlitzer Kaolinwerken die Sorten Wolfka (technische Keramik-Grundstoff) und Eka (Elektro-Kaolin) als Sackwaren. Die genauen Produktionsorte in Kemmlitz bekomme ich bestimmt noch raus. Es ist also anzunehmen, dass die Kaoline also auf 750mm ihren Weg begannen, über 1435mm dann auf 1000mm gingen.

    Aus den Kaolinsorten kann man ein wenig die Produktgruppen ableiten:

    Wolfka, nicht hochweiß = Laborkeramik, Dauerkaffeefilter, Küchenartikel, Kannen, etc.

    Eka, bräunlich, grünlich = Grundmaße für Isolatoren und Schalterinnereien


    Viele Grüße

    André

  • Hallo Daniel,

    den Link gab es von mir etwas versteckt hier:

    Abb. 2: Die Porzellanfabrik mit der Schmalspurbahn zwischen Bahnhof Brattendorf und Haltepunkt Roter Ha(a)g im Luftbild 194595_4176 vom 26.04.1945 (c) GDI-Th, Freistaat Thüringen, TLVermGeo, dl-de/by-2-0 auf altem Messtischblatt

    Du kannst aber dir das oder andere Luftbilder aus Thüringen selber auf jener Seite heraussuchen und runterladen: Download Luftbilder und Orthophotos | Startseite Geoportal Th (thueringen.de) Viel Spaß damit!

    Dann war mein letzter Satz im vorherigen Beitrag sicherlich für einige verwirrend

    Hat eigentlich jemand ein Bild von der 37 zur Hand, wie sie in den letzten Jahren mal die B4 kreuzte?

    Von Schönbrunn kommend traf die Schmalspurbahn bei der Porzellanfabrik auf die damalige F4, kreuzte diese sogleich, lief dann parallel bis sie in den Ort abbog. Südlich von Brattendorf traf die Bahn wieder auf die F4, kreuzte diese und verlief bis Ortseingang Brünn in deren Seitenlage. Anschließend liefen die beiden Verkehrswege noch bis nach Eisfeld mehr oder minder nebeneinander. Und nun der Zusammenhang:

    Von Braunlage kommend erreicht die B4 das Beretal bei Netzkater, von wo aus sie zusammen mit der B81 weiterführt. Kurz darauf quert sie die Harzquerbahn beim Ilfelder Viadukt und gleich danach erneut hinter der Papierfabrik am Ortseingang von Ilfeld. Die Streckenführung ist südlich immer mehr oder minder parallel zur Harzquerbahn und besonders eng in Niedersachswerfen bis sie dann "am Zoll" erneut die Bahn kreuzt und diese dann verlässt.

    Hier auf die Schnelle zwei bei Flickr gefundene Links:

    53528946655_50fdb61fd9_q.jpg     51742170930_ce723c8517_q.jpg

  • Guten Morgen!

    Am Tag bevor ich in jenem Herbst 1994 in den Thüringer Wald fuhr besuchte ich das Archiv der Rbd Erfurt. Im Vorfeld hatte ich mit der sehr freundlichen und hilfsbereiten Mitarbeiterin, deren Namen ich leider vergessen habe, geklärt, dass ich wenn möglich Unterlagen zur Stilllegung der Bahn einsehen wollen würde. Dazu gab es einige im Archiv.

    Die Reichsbahn hatte schon Anfang der sechziger Jahre Anlauf genommen sich von der Strecke zu verabschieden. Ein erster sechsseitiger, handschriftlicher Entwurf sah die Einstellung des Güterverkehrs zum bereits zum 1.1.1963 und die Gesamtstilllegung zum Sommerfahrplan 1963 vor. Da war die Strecke gerade 15 Jahre vollständig wiederaufgebaut. Zu diesem Zweck hatte man für den Empfang von Wagen den Zeitraum zwischen Donnerstag, den 7. Juli und Sonnabend, den 16. Juli 1962 sowie für den Versand den Monat Juli ausgewertet. Demnach wurden tagesdurchschnittlich für die gesamte Strecke 36,8 Wagen mit netto 539,4 t empfangen, wobei alleine 17,0 Wagen auf Biberau und 14,7 Wagen auf Schönbrunn entfielen. Zum Versand kamen dagegen nur 14,2 Wagen (166 t netto), wovon wiederum der Hauptanteil mit 6,7 Wagen auf Biberau und 6,6 auf Schönbrunn entfielen.

    Der Anteil des Wagenaufkommens der Porzellanfabrik Brattendorf geht aus der als Anlage beigelegten Empfang- und Versandermittlung hervor des besagten Entwurfs hervor: Im Tagesdurchschnitt erhielt diese 0,4 Wagen Kohle (7,9 t) und ebenso 0,4 Wagen Kaolin (7,0 t) sowie 0,1 Wagen sonstiges (0,7 t). Dies waren nur 3 % des gesamten Wageneingangs der Strecke. Der Wagenausgang war dementsprechend auch wenig. So wurden im Schnitt nur 0,3 Wagen Porzellan (4,3 t) zum Versand gebracht und mehr nicht.

    Der Rat des Bezirks Suhl hielt bereits am 11.10.1962 die Stilllegung der Bahn für indiskutabel. Offensichtlich erneuerte die Bezirksleitung (Aussprache vom 9.6.1964) ihre Einstellung in dieser Angelegenheit und forderte stattdessen vielmehr den Umbau auf Normalspur (Hr. Hempfling, fernmündlich am 12.8.1964). Es scheint, dass man vor Ort die Umspurung der Feldabahn nicht vergessen hatte, wozu es auch hier in den Dreißigern Bestrebungen gab.

    Die Reichsbahn blieb bei ihrer Meinung die Strecke auch umgehend problemlos stilllegen zu können, war aber politisch nicht in der Lage dies zu tun und musste einen anderen, unabhängigen Weg finden. Dies führte zu dem "Gutachten über die Arbeitsteilung zwischen Eisenbahn und Kraftverkehr im Einzugsbereich der Schmalspurbahn Eisfeld - Schönbrunn", als Teilergebnis zum Forschungsthema "Arbeitsteilung im Einzugsbereich der Schmalspurbahnen" - Plan-Nr. 5/5246 des Instituts für Verkehrsforschung Berlin vom Februar 1965. Mit dieser Art Gutachten wurden dann ja wohl noch alle Schmalspurbahnen der Reichsbahn bewertet, was bis auf Oschatz - Mügeln - Kemmlitz (es grüßt das Kaolin) nur die im Personenverkehr und insbesondere dem touristisch starken überleben ließ. Diesem und der entsprechenden Anweisungen des Verkehrsministers konnten sich im Sommer 1966 dann weder die betroffenen Gemeinden, der Kreis Hildburghausen noch der Bezirk Suhl widersetzen.

    Kommen wir zur Porzellanfabrik zurück: In dem Gutachten wurde dann erneut der Güterverkehr ausgewertet. Vermutlich auf das Jahr 1964 bezogen wurden auf die gesamte Strecke 7.994 Wagen im Empfang (113.339 t) und 5.528 im Versand (67.732 t) registriert. Pro Tag wären dies 21,8 Wagen mit 309,7 t Ladung im Empfang bzw. 15,1 Wagen / 185,1 t Ladung im Versand gewesen. Das weicht schon von denen im Juli 1962 erhoben Daten ab. Der Anteil der Porzellanfabrik wurde folgendermaßen im Empfang erfasst: 134 Wagen lose Kohle (1.920 t), Schüttgüter Sand etc. (Kaolin) 120 Wagen (1.810 t), verpackte Güter 10 Wagen (150 t), Packmittel / Leergut 10 Wagen (40 t). Dies sind insgesamt 274 Wagen mit 3.920 t Ladung im Empfang. Für den Versand waren dies Glaswaren, Isolierstoffe (Porzellan!) 92 Wagen (1.192 t) und übrige lose Güter 12 Wagen (144 t), insgesamt 104 Wagen mit 1.196 t.

    Also grob ein Wagen entweder im Empfang oder Ausgang pro Tag. Für die Größe des Anschlusses und der Porzellanfabrik erscheint mir das nicht viel und für die Bedeutung der Schmalspurbahn tendenziell auch gering. Zumindest in jenem Zeitraum. Aber bei der Gesamtleistung auf der Strecke im Güterverkehr frage ich mich, wie Oschatz - Kemmlitz es geschafft hat zu überleben und ob die Harzquer- und Brockenbahn zu Zeiten der Reichsbahn jemals vergleichbar viel Güterverkehr hatte.

    Viele Grüße

    Volker