[PL] Auf Meterspur durch Elbląg / Elbing

  • Hallo zusammen,

    im August 2015 verbrachten meine Frau und ich unseren Sommerurlaub in der polnischen Stadt Elbląg. Durch Plakate an den Haltestellen erfuhr ich von täglichen kostenlosen Sonderfahrten mit einem historischen Wagen anläßlich des 120jährigen Jubiläums der Straßenbahn. Neben einigen Dias dieser Sonderfahrten entstanden auch ein paar Aufnahmen vom Regelbetrieb. Mitgefahren sind wir natürlich auch.

    Auf Meterspur durch Elbląg

    Zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte. Im November 1895 fuhr in der damals deutschen Stadt Elbing die erste Straßenbahn. Damit ist sie nach Breslau / Wrocław die zweitälteste Straßenbahn auf heutigem polnischen Staatsgebiet. Am Ende des 2. Weltkriegs erlitt die Stadt schwerste Zerstörungen. Die nun polnische Stadt Elbląg reparierte die ebenfalls schwer beschädigten Anlagen der Straßenbahn, ab 1946 konnte der Betrieb abschnittsweise wieder aufgenommen werden. Die komplett zerstörte Altstadt wurde erst nach der politischen Wende in den 1990er und 2000er Jahren historisierend wiederaufgebaut. In den 1970er Jahren entging die Straßenbahn Elbląg nur knapp der Stillegung, denn per Dekret der polnischen Regierung sollten alle Meterspursysteme stillgelegt werden. Eine schwierige Zeit erlebte die Bahn dann nochmals nach der politischen Wende in den 90er Jahren, als der Individualverkehr erheblich zunahm und es zu einem Rückgang der Fahrgastzahlen kam. Zum Glück entschied man, in die Modernisierung von Gleisanlagen und Neuanschaffung von Fahrzeugen zu investieren.

    Heute fahren auf einer Streckenlänge von knapp 17 km an Arbeitstagen 5 Linien, an Wochenenden verkehren 4 Linien. Einen Netzplan findet ihr hier: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/comm…apa_03_2008.png


    Wir beginnen ganz im Nordosten von Elbląg an unserem Urlaubshotel "Młyn", was auf deutsch Mühle heißt.


    Ganz in der Nähe befindet sich die Endschleife Marymoncka der Linie 2.


    An der Haltestelle der Endschleife Marymoncka steht der historische Triebwagen 012 abfahrbereit nach Saperów. Die Wagen vom Typ 5N wurden in den Jahren 1957 - 1962 von Konstal im oberschlesischen Chorzów gebaut.


    Zunächst geht es durch ausgedehnte Plattenbaugebiete und entlang von Gartenkolonien.


    Bereits im Stadtgebiet passiert der Triebwagen 012 das Hauptpostamt am Plac Słowiański und biegt in die Neustadt (Nowe Miasto) ab. Links geht es in die erst vor wenigen Jahren historisierend wiederaufgebaute Altstadt.


    Ein kurzer Blick in die Altstadt. Diese wurde am Ende des 2. Weltkrieges fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Das Trümmerfeld blieb auch während der sozialistischen Zeit als Volksrepublik Polen nahezu ungetastet. Erst nach der politischen Wende wurde die Altstadt teilweise historisierend wiederaufgebaut. Selbst bei unserem Besuch 2015 waren die Arbeiten noch nicht vollständig abgeschlossen. In diesem Sinne: NIE WIEDER KRIEG!


    Zurück zur Bimmel. An fast gleicher Stelle fährt hier Wagen 052 als Linie 4. Die Wagen vom Typ 805Na wurden im Zeitraum 1979 bis 1992 von Konstal in Chorzów gebaut. Mittlerweile sind sie aus dem Betrieb ausgeschieden (bzw. stehen in Reserve) und wurden durch moderne Fahrzeuge ersetzt.


    Aus der Gegenrichtung sieht das ganze dann so aus. Am rechten Bildrand die Hauptbummelstraße "1. Maja" durch die Neustadt, heute heißt sowas wohl Shoppingmeile.


    Aus dieser kommt gerade Wagen 052 und fährt als Linie 4 ins Neubaugebiet ganz im Norden der Stadt.


    Die Straße "1. Maja" bietet einige nette Motive. Im Bild das damals modernste Fahrzeug der Straßenbahn Elbląg. Der Wagen 403 entstammt dem Typ 121N und wurde 2007 von Pesa gebaut.


    An gleicher Stelle der Wagen 046 vom Typ Konstal 805N.


    Alt und neu im Kontrast: Der historische Wagen 012, gefolgt von einem DUEWAG-Wagen aus Augsburg, der 2012 von Modertrans modernisiert wurde.


    Am östlichen Stadtrand liegt die Endschleife Saperów.


    Auch diese liegt eher in moderner Bebauung, wie so oft am Rande von größeren Städten.


    Mit einem Zusammentreffen von modernstem und ältesten Fahrzeug verabschieden wir uns vom Triebwagen 012 und der Straßenbahn Elbląg.

    Viele Grüße
    Toralf

  • Hallo Thoralf,

    vielen Dank für deinen schönen Bildbericht von der Straßenbahn in Elbląg.

    Das weckt bei mir Erinnerungen an zumindest den letzten Urlaub in Ermland-Masuren 2018. Diese Stadt ist auf jeden Fall eine Reise wert, so auch die ehemaligen Schichau-Werke. Ob Wochenmarkt im Freigelände oder Shopping in den ehemaligen Werkshallen - ein Erlebnis. Die wieder erneuerte Altstadt ist wirklich sehenswert- besonders wenn man dort nach der Ankunft mit dem Schiff vom Oberlandkanal seinen Besuch startet!

    Grüße in den Frühling.

    Lutz Friedrich

    Kreisbahndirecteur


    PKML - Mitglied Nr. 47

    Schmalspur im Nordwesten Brandenburgs: POLLO - Brandenburgs einzigartige Schmalspurbahn,

    2026 - Frühjahrs-Schmalspurdampf von Himmelfahrt - Pfingsten - http://www.pollo.de/

    Meine Vereine:

    http://www.pollo.de - Spendenaufruf für vereinseigene Dampflok 99 4644 bitte beachten!

    http://www.arge-s.de/

  • Stoker Das ist sehr schade. Ich hoffe, daß er bald wieder fährt. Warum steht der Wagen in der Altstadt und nicht im Depot geschützt?

    Kreisbahndirecteur Elbląg ist tatsächlich ein sehr lohnendes Ziel. Nicht nur die Stadt selbst hat einiges zu bieten. Elbląg liegt auch sehr zentral zu den touristischen Highlights der Region. Ich erlaube mir mal einen kleinen Reiseführer anzuhängen, auch wenn er nur bedingt mit Bahnen zu tun hat.

    Viele Ziele sind auch völlig unkompliziert mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, diese fahren meist in dichten Abständen. Nur für den Besuch der Torfbahnen Budwity, Rucianka und Józefowo braucht man ein Auto, daher konnten wir dort leider nicht hinfahren.


    Blick vom Hafen auf die wiederauferstandene Altstadt von Elbląg mit der Kathedrale St. Nikolai, die man übrigens besteigen kann.


    Von oben sieht das ganze so aus, vorn die Altstadt. Etwa in Bildmitte ist das Hauptpostamt zu sehen, rechts davon der Plac Słowiański, wo ich die oben gezeigten Straßenbahnaufnahmen gemacht habe.


    In Elbląg beginnt der Oberländische Kanal (oder auch Oberlandkanal), KreisbahndirecteurLutz erwähnte es ja schon. Dieses technische Wunderwerk mit seinen 5 Rollbergen würde ich in einen meiner nächsten Beiträge vorstellen, wenn Interesse besteht.


    Weniger technisch und etwa 30 km nordöstlich gelegen befindet sich Frombork (Frauenburg). Hier lebte und wirkte der bekannte Astronom Nikolaus Kopernikus. Sehenswert sind der Frauenburger Dom und die Domburg. Die Busse dorthin fahren etwa stündlich.


    Etwa 30 km südwestlich von Elbląg und sehr gut mit dem Zug zu erreichen, liegt Malbork mit seiner berühmten Marienburg, der weltgrößten Ordensburg aus Backstein und UNESCO-Weltkulturerbe.


    Nicht ganz so bedeutend, aber für uns Schmalspurbahnfreunde interessant, ist das 750mm-Netz im Weichselwerder. Mit dem Linienbus sind es 40 km bis an die Ostseeküste. MBxd2-212 steht hier am östlichsten Ende des Netzes in Sztutowo. Über den Ausflug zu dieser Bahn hatte ich schon mal einen Beitrag verfasst, der aber nicht mehr sichtbar ist ... gibts dann also auch demnächst.


    Über Gdańsk (Danzig) brauche ich wohl keine Worte zu verlieren. Gdańsk liegt etwa 50 km westlich von Elbląg. Zwischen beiden Städten bestehen etwa 100 tägliche Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

    Viele Grüße
    Toralf

    Einmal editiert, zuletzt von Toralf750 (18. März 2025 um 23:34)

  • Stoker Das ist sehr schade. Ich hoffe, daß er bald wieder fährt. Warum steht der Wagen in der Altstadt und nicht im Depot geschützt?

    Dieses Foto stammt von vor ein paar Jahren. Eine Sommersaison lang stand der Wagen als Touristenattraktion an dieser Straße. Damals war er noch in Betrieb. Die Panne ereignete sich 2023. Gestern fragte ich einen Freund aus Elbląg - dieses Jahr ist das 130-jährige Jubiläum der Straßenbahn - es wird eine Art Feier im Oktober oder November geben und der Wagen soll bis dahin wieder in Betrieb sein.

  • Die Gegend ist unheimlich schön.

    Als ich dort war, war der Oberländische Kanal gesperrt, er wurde saniert.

    Und Danzig ist eine tolle Stadt mit hanseatischem Flair. Die Polen haben diesen Charme bewahrt oder besser wieder aufgebaut.

    Und für Marienburg braucht es mehr als einen Tag, der Rundgang dauert schon lang und dann war man noch nicht in der Bernsteinausstellung. Ich muss da mal wieder hin.

  • Hallo zusammen, vor zwei Jahren war ich das erste Mal am Frischen Haff. Ich war tief beeindruckt von der Schönheit der Natur und der Geschichte dieser Region. Es gibt so unendlich viel zu entdecken, deshalb geht es in diesem Jahr wieder in die Region. 2023 habe ich einen kurzen Beitrag über die Schmalspurbahn gemacht, der hier in #79 zu finden ist:

    https://bimmelbahn-forum.de/forum/index.php?thread/21553-pl-schmalspurbahnen-in-polen-sammelordner/&postID=200899#post200899'][PL] Schmalspurbahnen in Polen (Sammelordner)

    Die Vorfreude auf eine Fahrt auf der Strecke von Stegna nach Nowy Dwór Gdański über die inzwischen sanierte Drehbrücke bei Rybina ist jedenfalls groß.

    Viele Grüße

    Torsten

  • Eines der interessantesten technischen Werke, die Toralf hier gezeigt hat, ist wahrscheinlich der Ostróda-Elbląg-Kanal. Die berühmten „Schiffe auf Gras“, ein System von Slipanlagen, auf denen Schiffe und Boote auf speziellen Wagen entlang einer Bahnstrecke transportiert werden. Und das Interessante ist, dass all diese Geräte keinen Strom benötigen! Der Antrieb erfolgt durch entsprechend aufgestautes Wasser, das, wenn ein bestimmtes Ventil geöffnet wird, eine Turbine in Bewegung setzt, die die Wagen mit den Schiffen antreibt. Ich empfehle jedem, diesen Ort zu besuchen !!!

    Paweł

  • Hallo Paweł,

    vielen Dank für deine Erläuterungen.

    Wenn ich mich recht erinnere, werden die Turbinen mithilfe eines riesigen Wasserrades angetrieben. Damit werden dann die Stahlseile bewegt, die je immer einen Transportwagen auf- und abwärts rollen lassen - egal ab beladen oder leer. diese Rampen heißen dort wohl "Geneigte Ebenen". Es sind 5 an der Zahl und die überwinden insg. einen Höhenunterschied von 100 m von Ostróda bis zum Drewenzsee südlich von Elbląg! Entworfen und geplant wurde dieser Kanal um 1888 vom deutschen Ing. Jakob Steenke. Meine letzte Reise dort hin liegt nun auch schon wieder fast 7 Jahre zurück. Unser privates Charter-Schiff, die "Cyranka" hatte einen Schraubenschaden, so dass wir dann mit 4 Mann gemeinsam mit dem Schiffspersonal bis zur nächsten Ebene das Schiff von Hand mit mehreren Seilen getreidelt haben. Das werde ich immer in Erinnerung behalten, weil so einmalig!

    Grüße zum (Rest-) Wochenende!

    Lutz Friedrich

    Kreisbahndirecteur


    PKML - Mitglied Nr. 47

    Schmalspur im Nordwesten Brandenburgs: POLLO - Brandenburgs einzigartige Schmalspurbahn,

    2026 - Frühjahrs-Schmalspurdampf von Himmelfahrt - Pfingsten - http://www.pollo.de/

    Meine Vereine:

    http://www.pollo.de - Spendenaufruf für vereinseigene Dampflok 99 4644 bitte beachten!

    http://www.arge-s.de/