Berlin: Abschied von der Linie 21

  • Hallo Straßenbahnfreunde,

    daß im Jahre 2025 wieder Bahnstrecken abbestellt und / oder stillgelegt werden, ist schon mehr als bemerkens- und bedauernswert. Daß aber in der Bundeshauptstadt eine Straßenbahnstrecke aus Geldmangel dauerhaft stillgelegt wird, ist fast unglaublich.

    Abschied von der Linie 21

    Am gestrigen Samstag, 15. November 2025 verabschiedete der Denkmalpflegeverein Nahverkehr Berlin e.V. mit mehreren Sonderfahrten die Linie 21 durch die Marktstraße in Rummelsburg und die Boxhagener Straße in Friedrichshain. Für die insgesamt 8 Abschiedsfahrten kam der Tatra-Zug mit Triebwagen T6A2mod und Beiwagen B6A2mod zum Einsatz. Es ist aktuell der einzige einsatzfähige Zug des Vereins nach Erhöhung der Fahrspannung auf 750 Volt.

    Aber wie kam es dazu? Die Gleise in der Marktstraße und in der Boxhagener Straße sind bis zu 40 Jahre alt und restlos verschlissen. Eigentlich sollte dieser Abschnitt längst durch eine Neubaustrecke über das Ostkreuz (unten) ersetzt werden. Mittlerweile befindet man sich in der 4. Auslegung des Planfeststellungsverfahrens aufgrund immer neuer Eingaben und Beschwerden. Aktuell wird eine 5. Auslegung geprüft, sogar der Abbruch des ganzen Verfahrens droht. Aktuell ist daher nicht absehbar, wann der Bau der Neubaustrecke beginnen kann und wann sie eröffnet wird. 2028? 2030? 2035? Nie? Keiner weiß es.

    Um die Altstrecke durch die Marktstraße und Boxhagener Straße noch einige Jahre weiternutzen zu können, müßten dort die Schienen getauscht werden. Die Kosten von 3,5 Millionen Euro möchte sich der Berliner Senat aber sparen. Nur zum Vergleich ohne jegliche politische Wertung: Die Flüchtlingskosten Berlins belaufen sich aktuell auf etwa 200 Millionen Euro MONATLICH. Im Jahr 2024 waren es insgesamt 2,24 Milliarden Euro. Ich weiß, daß man das nicht gegeneinander aufrechnen kann und darf, trotzdem stimmt doch was nicht in unserem Land. Bitte laßt diesen Vergleich unkommentiert, egal welcher politischen Richtung ihr nahe steht. Denkt euch einfach nur euren Teil. Ich möchte nicht, daß Eckhard diesen Beitrag schließen muß.

    Wie geht es nun weiter: In der Nacht vom 21. zum 22. November kurz nach Mitternacht wird der letzte Zug auf der Linie 21 fahren, danach wird das Gleis in der Marktstraße und der Boxhagener Straße aus technischen Gründen gesperrt. Die ganze Linie fährt im Schienenersatzverkehr. Ab Dezember bzw. Januar werden dann die Abschnitte Schöneweide - Rummelsburg und Lichtenberg - Holteistraße wieder befahren. Dazu gibt es in den kommenden Wochen Anpassungsmaßnahmen (Einbau von Weichenverbindungen) an den zukünftigen Endstellen Marktstraße und Holteistraße. Diese Bauleistungen kosten etwa 1,5 Millionen Euro, womit sich die eingesparte Summe auf nur noch 2 Millionen reduziert.

    Soweit zu den Fakten, nun zu den Bildern der Abschiedssonderfahrten, die leider bei absolutem Sauwetter stattfanden.


    Alle 4 Sonderfahrten begannen und endeten an der Haltestelle Landsberger Allee / Petersburger Straße. Links das Sport- und Erholungszentrum SEZ, das 2002 endgültig geschlossen wurde. Der Berliner Senat möchte das auch gerne abreißen, da es wie der Palast der Republik ebenfalls ein DDR Prestigeobjekt war.


    Eine Runde bin ich mitgefahren, hier die Durchfahrt durch das beeindruckende Kraftwerk Klingenberg. Insgesamt ist bzw. war die "21" wohl die architektonisch interessanteste Straßenbahnlinie Berlins. Die Motive mit den Kraftwerksanlagen, herrlichen Werkssiedlungen, altem Gaswerk, usw. werden aber auch zukünftig möglich sein.


    Endstation der Sonderfahrten war die Haltestelle Blockdammweg.


    Anschließend ging es rückwärts durch die Wendeschleife Blockdammweg. Früher war die Schleife aus beiden Richtungen befahrbar. Im Hintergrund die Gebäude gehören zum alten Gaswerk.


    Vorbeifahrt am alten Gaswerk.


    Dieses Motiv in Rummelsburg wird allerdings ab nächster Woche nicht mehr möglich sein.


    Regelzug begegnet Sonderfahrt. Der Tatra-Zug wartet die Freigabe des eingleisigen Abschnitts ab.


    Auch dieses Motiv (und viele weitere) liegt im stillzulegenden Abschnitt.

    Nun noch 3 Aufnahmen vom Regelbetrieb im bald historischen Abschnitt. Wer die Regelzüge dort noch fotografieren möchte, hat noch bis kommenden Freitag Zeit. In der Nacht vom 21. zum 22. November kurz nach Mitternacht wird der letzte Zug diese Strecke mit Schrittgeschwindigkeit befahren. Danach wird das Gleis umgehend gesperrt.

    Viele Grüße
    Toralf

  • Danke für diesen tollen Bericht. Rummelsburg war meine zweite Heimat, der Ort meiner Grosseltern.

    In Cottbus gibt es einen ähnlichen, aktuellen ÖPNV-Skandal: Die Strassenbahn-Linie 1 wird seit 2021 im Schienenersatzverkehr betrieben. Der Unterschied zu Deinem Artikel: Die Gleise und jegliche andere Infrastrukur der Strecke vom Bonnaskenplatz zur Endhaltestelle Schmellwitz, Am Anger sind vollkommen in Ordnung und befahrbar.

    Die Ausreden des Unternehmens Cottbusverkehr sind an Kreativität nicht mehr zu überbieten: Mal ist es der Personalmangel. Dann fehlende Fahrzeuge. Gerne auch immer mal wieder eine Grossbaustelle auf einer anderen Linie, deren Fertigstellung dann gaaaaaanz bestimmt wieder alles zur alten Ordnung des Betriebes auf dem Gesamtnetz zurückkehren lässt.

    Bald sind es 5 Jahre, auf denen nun Busse auf der Linie 1 fahren. Langsam fehlen einem hierfür die Worte.

    Beste Schmalspurgrüße

    merane

  • Hallo,

    prinzipiell bin ich gegen Stilllegungen, definitiv! Aber in diesem speziellen Fall ist nicht die Stilllegung das eigentlich Tragische, sondern die seit Jahren verzögerte Planung des Neubauabschnittes! Hier spielt sich NIMBY (not in my backyard - nicht in meiner Nachbarschaft) vom aller schlimmsten ab. Die Argumente, die hier vorgebracht werden, zum Beispiel, dass die Oberleitungen die Feuerwehr behindert, würden, wenn man sie auf andere Strecken in der Stadt überträgt, zur sofortigen Stilllegung aller innenstädtischer Straßenbahnlinien in Berlin führen. Spannend ist, dass in der Gegend insbesondere die Bevölkerungsgruppen leben, die sich sonst sehr für Verkehrswende und Co stark machen, nur halt nicht wenn es durch "ihre" Straße führt.
    Die aktuelle Linienführung durch die Marktstraße und Boxhagener Straße führt leider halbwegs weiträumig an den örtlichen Verkehrsströmen, insbesondere dem Bahnhof Ostkreuz, vorbei!

    Viele Grüße vom Pollo und aus Berlin!

    -ALEX-

  • Ich bin am Samstag mit dem Regelzug noch mal die gesamte Strecke von Lichtenberg bis Schöneweide gefahren. Der Zug war auf der gesamten Strecke sehr gut besetzt, auch auf dem stillzulegenden Abschnitt. Das waren keine Fans, sondern normale Fahrgäste. Gegen 11:00 kamen mir an der Marktstraße die Tatras entgegen; gerammelt voll!
    Gruß
    Henner

  • Die aktuelle Linienführung durch die Marktstraße und Boxhagener Straße führt leider halbwegs weiträumig an den örtlichen Verkehrsströmen, insbesondere dem Bahnhof Ostkreuz, vorbei!

    Wobei ich bis heute nicht so richtig verstanden habe, warum die alte Linienführung zum Ostkreuz nach der Wende komplett aufgegeben und abgerissen wurde. Die Endhaltestelle mit der Wendeschleife waren zwar sicher nicht optimal - aber es war halt eine Anbindung ans Ostkreuz. Aber hey, das Ostkreuz scheint für Bus und Straßenbahn eh' nicht so wichtig zu sein - M43, 347 und 194 verkehren da ja auch nur je nach Verkehrslage über's Ostkreuz...

    Gruß Jens

  • Aber in diesem speziellen Fall ist nicht die Stilllegung das eigentlich Tragische, sondern die seit Jahren verzögerte Planung des Neubauabschnittes!

    Prinzipiell richtig. Nur wenn man merkt, daß man Jahre in Verzug ist bzw. noch nicht mal einen realistischen Eröffnungstermin benennen kann, muß man eben mal 3,5 Millionen (rein netto nur 2 Millionen) investieren, damit die durchaus wichtige Alt-Linie noch bis zur Eröffnung der Neubaustrecke am Sankt-Nimmerleins-Tag durchhält. Im Vergleich zu anderen Ausgaben Berlins (nicht nur mein böser Vergleich) ist das ein Betrag aus der Portokasse. Aufgrund der gleichen Taktik ruht ja schon seit Jahren der Verkehr nach Johannisthal Haeckelstraße. Auch dort wird es die Neubaustrecke nach Rudow nie geben. Der neue Berliner Senat hat das Projekt bereits abgewickelt.

    Spannend ist, dass in der Gegend insbesondere die Bevölkerungsgruppen leben, die sich sonst sehr für Verkehrswende und Co stark machen, nur halt nicht wenn es durch "ihre" Straße führt.

    Vorreiter der Verhinderer (oder heißt es Bedenkenträger) ist übrigens ein sehr bekannter Grüner Bundestagsabgeordneter und Rechtsanwalt der dort wohnt.

    Ich bin am Samstag mit dem Regelzug noch mal die gesamte Strecke von Lichtenberg bis Schöneweide gefahren. Der Zug war auf der gesamten Strecke sehr gut besetzt, auch auf dem stillzulegenden Abschnitt.

    Auch bei meinen Mitfahrten in den letzten 2 Jahren hatte ich eher selten einen Sitzplatz. Die Bahnen sind teils proppenvoll.

    Viele Grüße
    Toralf