Lok 5 der Dampfstraßenbahn Eltville Schlangenbad (oder doch die Rur?)

  • Hallöli,

    zusammen mit einem gleichgesinnten Kollegen hatten wir die spinnerte Idee die Dampfstraßenbahn Eltville Schlangenbad im LGB Maßstab zu bauen. Wir besitzen beide zufällig das Büchlein von Lothar Riedel: Die schmalspurige Dampfstraßenbahn Eltville-Schlangenbad. Eigenverlag Riedel, Mülheim (Ruhr) 2002.

    Weitere Infos siehe auch hier:

    Kleinbahn Eltville–Schlangenbad – Wikipedia und Die Dampf-Straßenbahn von Eltville nach Schlangenbad

    Leider sind in dem Buch nur wenige halbwegs verwertbare Aufnahmen und nur sehr vereinfachte Zeichnungen enthalten. Über Kontakte konnten wir aber zumindest noch Kopien der Werkszeichnung von Lok 5 der Nachbauserie von 1899 bekommen.

    Diese Bahn lag in unserer Gegend, in der es früher relativ viele Dampfstraßenbahnen gab, von denen leider so gar nichts erhalten geblieben ist. Die meisten allerdings auf Normalspur - so wie die Frankfurter Waldbahn oder die Hanauer Kleinbahn. Der Gedanke war: es wäre doch schön, wenigstens einem dieser Bähnchen mal ein kleines Denkmal zu setzen - und sei es auch nur im Modell. Und der Fahrzeugpark der 1000 mm spurigen Dampftram im Rheingau war dankenswerterweise sehr überschaubar: 5 Kastenloks, 9 4-Achsige Herbrand-Personenwagen, 3 davon haloboffene Sommerwagen, Geschlossene und offene 4-achsige Güterwagen sowie 2 sehr kleine kurze Stückgutwagen, die als Gepäckwagen mitliefen, ein Postabteil war in einige der geschlossenen Reisezugwagen eingebaut (in die BCi).

    Ich kümmere mich also zuerst mal um die Lok 5 - mein Kollege nimmt sich der Personenwagen an - es soll so gut wie alles im 3d Druck entstehen - auf AnyCubic PLA Druckern.

    Die Idee war eine eher einfache Umsetzung - d.h. es sollte das LGB-B Fahrwerk verwendet werden, was auch die Stainz besitzt. Hier ist der Radstand ca. 5 mm zu groß und der Raddurchmesser ca. 1,5 mm zu groß - aber was soll's - bei einer Dampfstraßenbahnlok sieht man sowieso nicht sehr viel vom Antrieb.

    Zuerst mal drauf los konstruiert:

    In gewohnter Manier mit den Originalzeichnungen.

    Bald zeigte sich eine frappierende Ähnlichkeit mit einer anderen - viel bekannteren Henschel Tram Lokomotive:



    Die kürzlich aufgearbeitete Rur und die zahlreichen Bilder haben es ermöglicht die fehlenden Details zu rekonstruieren - wie Rauchkammertür, Sandkästen, Dom, Regler, Sicherheitsventile und der große Hebel für die Steuerung. Auf den verwaschenen Originalbildern sieht man Hinweise, dass diese Teile bei der 5 auch vorhanden waren und wahrscheinlich gleich oder zumindest sehr ähnlich ausgesehen haben. Auch die Zeichnung liefert natürlich Hinweise.

    Anders als auf der Zeichnung, hatten die Loks laut Fotos auch hintere Sandkästen - wie die Rur - und ein vorderer Sandkasten über der Rauchkammertür findet sich auch.

    Dann war da noch eine Merkwürdigkeit: Die Rur hat eine Links-Steuerung - d.h. der Lokführer steht in Fahrtrichtung auf der linken Seite des Kessels. Laut der Originalbilder war das auf den Eltviller Loks genauso. Die Zeichnungen sagen jedoch das Gegenteil: hier sind Regler und Steuerung rechts eingezeichnet. Da Bilder ja nicht lügen können - habe ich es so wie bei der Rur umgesetzt.

    Trotz vieler Ähnlichkeiten gibt es auch ein paar Unterschiede: die Rur hat einen 200 mm kleinerer Radstand, dafür aber größere Raddurchmesser. Die Form der "Schürzen" ist etwas anders, und es gibt unter der Tür noch mal eine umlaufende Leiste während die Eltviller Loks bis unten glatte Seitenwände hatten.

    Wie die Rur besaßen auch diese Loks anfangs Dachkondensatoren, die aber anscheinend recht bald wieder entfernt wurden, so dass ich mich entschlossen habe, diese nicht nachzubauen (wäre auch recht kompliziert geworden). Evtl. wurden die 4 + 5 als Nachbauserie 1899 auch gleich ohne geliefert - auf den Zeichnungen sind sie jedenfalls gar nicht drauf!

    Aktuell bin ich an der Konstruktion des Rahmens, in den das LGB B-Fahrwerk eingepasst wird.

    Was mir noch Kopfzerbrechen bereitet ist die Anordnung Form der Wasserkästen und des Kohlenkastens. Vielleicht besuche ich mal die Rur und vielleicht darf ich das dann mal nachmessen - denn hier habe ich bisher noch gar keine auswertbaren Bilder oder Zeichnungen.


    Ich bin auch am Überlegen ob es eventuell noch eine H0e / H0m Version geben wird: Das neue Universal-Fahrwerk von Tramfabriek würde sich dafür hervorragend eignen!


    Viele Grüße, Matthias

  • Moin Matthias,

    ein nettes Modell baut Ihr da, ich bin gespannt ...

    Bei der Interpretation von Werkszeichnungen muss man vorsichtig sein - bei der uns vorliegenden Genehmigungszeichnungen der Dürener Loks (hier gibt es die: https://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Rheinland%2FBR_0092%2F%7E009%2F00928%2Fmets.xml und https://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Rheinland%2FBR_0092%2F%7E009%2F00929%2Fmets.xml) ist in der Stirnansicht 2 x die linke Lokseite dargestellt, und zwar rechts der senkrechten Mittellinie von vorne und links davon von hinten. Dadurch erscheint es so, als seien Regler und Steuerung auf der rechten Lokseite, tatsächlich sind sie aber links angeordnet.

    Wenn Du für weitere Details Deines Modells die RUR als Referenz heranziehen möchtest, bitte ich zu bedenken, dass wir mangels vorhandener Quellen bei manchem, was wir neu angefertigt haben, hinsichtlich der Gestaltung nur Mutmaßungen anstellen konnten. Die Schürzenklappen beispielsweise waren geringfügig anders als jetzt ausgeführt, ebenso die Anordnung des Luftsaugers. Da kamen die entsprechenden Infos leider erst, als die Lok schon fast fertig war.

    beste Grüße

    Thomas

  • Moin Thomas,

    Vielen Dank für die Links und Deine Hinweise!!! Die Zeichnungen sind klasse - viel bessere Qualität als die mir zur Verfügung stehenden der Nr. 5. Das wird mir weiterhelfen.

    Ich bin da auch bei vielen Details sehr auf Mutmaßungen angewiesen - und anders als bei der Rekonstruktion einer echten Lok lässt man bei einem Modell ja auch viele Details weg oder vereinfacht sie. Falls ich dann Teile der Rur als Referenz verwende, die auch nur auf Mutmaßungen basieren ist es zumindest nicht falscher als eigene Mutmaßungen anzustellen.
    Es soll auch kein Fine-Scale "Hochpräzissionsmodell" werden - wenn ich so in etwa den LGB Standard erreiche, dann genügt mir das. Ich werde ja auch kein Innentriebwerk darstellen können mit einem normalen LGB Antriebsblock. Bei den Grund-Abmessungen versuche ich mich (im Gegensatz zu vielen LGB Modellen) aber möglichst maßstabsgetreu in 1:22,5 an den Bauplan zu halten.

    Es ist immer gut, wenn man noch ein paar Fotos hat neben dem Bauplan. Ich wäre sonst nie darauf gekommen, dass die Lok links gesteuert war. Dass es wohl nur eine Dampfzuleitung auf der Heizerseite gegeben hat ist aus dem Plan schwierig herauszulesen gewesen und auch hier haben mir die Bauberichte der Rur geholfen - wenn ich auch dort nur sehr wenige Hinweise auf den genauen Verlauf gesehen habe. Ich muss noch mal genauer schauen - aber auf den Aufnahmen ohne den Kasten ist die Leitung leider nie wirklich drauf, der Kessel meist noch recht "nackt".


    Nachtrag nach erstem Studium der Zeichnungen:

    Es gibt ein 2-Wege Ventil in der Dampfzuleitung mit einer Leitung in die Rauchkammer hinein. War diese dafür gedacht um Zug zu erzeugen für die Feuerung, wenn die Dampfmaschine steht?

    Und: Witzig! Genau wie bei der Nr 5 ist bei der Rur auf der Zeichnung auch der hintere Sandkasten auf dem Stehkessel nicht mit drauf, obwohl man ihn auf Fotos deutlich erkennt.


    Viele Grüße, Matthias

    3 Mal editiert, zuletzt von MatthiasL (20. November 2025 um 10:49)

  • Moin Matthias,

    Das Ventil, welches Du meinst, sitzt auf der Lokführerseite in der Abdampfleitung. Damit läßt sich der Abdampf wahlweise ins Blasrohr oder in den Kondensator leiten. Das haben wir neu angefertigt, nachdem wir das an der OEG 102 noch vorhandene Ventil zerlegen und vermessen durften. Da kann ich Dir gerne eine Zeichnung zu raussuchen - dauert aber ein wenig.

    Was den hinteren Sandkasten angeht: Da hatten wir Glück, der war noch vorhanden. Sonst hätten wir da auch bei der 102 maßnehmen müssen.

    beste Grüße

    Thomas

  • OK - das hab ich falsch interpretiert - aber man sieht ja auch auf der Zeichnung dass es zum Kondensator rauf führt! Das würde in meinem Fall wegfallen, da ich ja die Lok ohne Kondensator bauen wollte, da sie lt. Werkszeichnung auch keinen hatte (im Gegensatz zur Erstausstattung, den Loks 1 - 3 - die hatten jeweils noch einen).

    So eine gewundene Rohrleitung ist mit einem CAD Programm schon eine ziemliche Herausforderung - aber ich krieg das schon hin, es ist nicht meine erste.

  • Hallo Matthias,

    in dem mir vorliegenden Buch von K. Eckert "Klein- und Nebenbahnen im Taunus " steht ein Hinweis über eine Besonderheit. Neben dem Kessel soll es "einige Sitzbänke" gegeben haben, so dass man auf der Lok mitfahren konnte.

    Die 3 Bilder geben jedoch nichts erhellendes her.

    Gruß hinnerk

  • Das ist witzig! Hab ich jetzt in meinem Büchlein nicht gefunden - ich muss es noch mal lesen. Das Buch von Eckert kenne ich leider nicht. Viel Platz ist in der Lok allerdings nicht! Es geht sehr beengt zu. Also "einige Sitzbänke" kann ich mir kaum vorstellen. Vllt ein Brett längs zur Wand? Aber da wäre man entweder Lokführer oder Heizer doch im Weg gewesen

  • Hallo zusammen!

    So - nun von der Theorie mal ein wenig zur Praxis - sonst wird es auch zu langweilig.

    Ich fange quasi von innen nach außen an - zuerst mal muss das Antriebskonzept funktionieren. Es soll alles schön mit den LGB Bauteilen zusammenpassen.

    Daher wird der Fahrwerksrahmen zuerst gedruckt:

    Hier liegend auf der Oberseite - so wie er auch gedruckt wurde. Oben, oval eingekreist ist ein kleiner Bereich, den ich von Hand nachträglich weggeschliffen habe. Beim Fahrwerk der Stainz schaute auf der Treibachse der Zapfen zu weit heraus (ich konnte mich nicht dazu entschließen ihn abzusägen, da ich das Fahrwerk später wieder bei meiner Stainz einbauen möchte und ich aktuell noch kein Zweitfahrwerk besitze für die neue Lok).

    Hier noch die beiden - ich nenne sie mal "Motorblock Adapter" - sie sind bei der LGB Stainz in anderer Form auch vorhanden und sehr wichtig: Über diese Bauteile wird sowohl die Höhe des Rahmens über SOK als auch die Kupplungshöhe möglichst exakt festgelegt. Wenn irgendwas an diesen Werten korrigiert werden müsste, dann muss man nur diese Teile anpassen und nicht den kompletten Rahmen. Bei der Kastenlok sind beide gleich, weil der Antrieb genau mittig sitzt, bei der Stainz sind sie völlig unterschiedlich geformt.

    Die etwas "raue" Unterseite zeigt noch die Ansätze der Supports - aber diese Seite sieht man ja nicht. Die Kupplung passt exakt in den Adapter und die LGB Plastik Selbstschneideschrauben funktionieren auch mit dem härteren PLA Kunststoff.


    Montiert werden die Adapter durch lösen der oberen Motorabdeckung. Wenn man exakt gemessen und konstruiert hat, lasse sich die Teile mit nur wenig Nacharbeit einklipsen.

    Hier rechts die beiden "Rastnasen" auf die es ankommt. Abstand und Form müssen genau passen.

    Hier passte alles!

    Dann noch der Rahmen drauf. Er muss obenrum noch etwas entgratet werden. Auf der Seite, wo das Bauteil beim Druck liegt entsteht immer ein leichter unregelmäsiger Grat den man abfeilt oder mit dem Cutter abschneidet oder abschabt. Man sieht hier schon - noch vor Montage der Triebwerksverkleidung - dass man von der Kuppelstange später nicht sehr viel sehen wird.


    So sieht es dann von unten aus

    Kupplungshöhe ist exakt 22,5 mm - LGB "Sollmaß" (beim Wagen hängt sie eher etwas zu niedrig wg. der wackligen Einachs-Drehgestelle)

    Bereit für eine erste kleine Probefahrt.


    Gruß, Matthias