Bergung eines unbekannten Schmalspurgüterwagens in Schwarzheide

  • Mahlzeit!

    Heute berichte ich über eine Fahrzeugbergung der besonderen Art. Vor einiger Zeit wurde über Kleinanzeigen ein schmalspuriger Wagenkasten in einem Gartengrundstück in Schwarzheide angeboten. Im Auftrag meiner tschechischen Freunde in Zamberk habe ich mir umgehend vor Ort ein Bild gemacht:

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    Angeboten wurde der Wagen als "wahrscheinlich um 1930-1940", tatsächlich dürfte er jedoch um einiges älter sein. Der Wagenkasten ist 2,00 m breit, 2,20 m hoch und 4,10 lang. Daran angesetzt sind beidseitig offene Bühnen mit 1400 mm Breite und 600 mm Länge. Die schmalen Schiebetüren an den Stirnseiten und die zweiteiligen Schiebetüren an den Längsseiten passen nicht zu den bekannten Konstruktionen, wie man sie von den sächsischen Schmalspurbahnen oder auch den Meterspurbahnen in Brandenburg kannte. Der Wagen soll Mitte der 1980er Jahren an seinen heutigen Standort gebracht worden sein, woher ist nicht überliefert.

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    Der Innenraum zeigt keine Einbauten oder andere Hinweise auf die Herkunft. Neben den gespiegelt angeordneten Schiebetüren befindet sich jeweils ein kleines fast quadratisches Fenster. Der Rahmen war zu diesem Zeitpunkt nicht voll zugänglich, so das weder Hinweise auf die Fahrgestellbauart noch auf den Hersteller erkennbar waren.

    Nachdem der Entschluss zum Erwerb gefallen war und die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden konnten, wurde der Transport organisiert.

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    Heute morgen traf sich das Bergungsteam vor Ort bei bestem Wetter. Der Verkäufer hatte schon alles freigeschnitten und den Innenraum ausgeräumt. Neben der Tür sind Laternenhalter und Sicherungsketten für das Bühnengeländer vorhanden.

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    Zunächst wurde die vordere Bühne seitlich ausgegraben, dabei kamen die Trittbretthalter samt Holzresten zum Vorschein.

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    Mit Zahnstangenwinden wurde der Wagen im Anschluss angehoben und unterbaut.

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    Rechts des massiven Mittelpuffers kam der dreieckige Umlenkhebel der Handbremse zum Vorschein. Da beim Transport hinderlich war, wurde er vorsichtig mitsamt seinem Halter abgetrennt. Der schwere nach oben offene Mittelpuffer scheint zum Kuppel mit kurzer Öse oder Kuppelstange gebaut worden sein, die Sperrklinke auf der linken Seite verhindert das selbsttätige Entkuppeln.

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    Die nun freigelegten Längsträger des Rahmen waren jetzt besser einsehbar. Hier lassen sich die Befestigungspunkte der ehemals angenieteten oder angeschraubten Achshalter erkennen. Die rechts oben im Bild vorhandenen Bremsgehängeträger lassen nun einen Rückschluss auf die Fahrwerkskonstruktion zu. Es dürfte sich um innenliegende Achslager gehandelt haben, wie es bei schweren zweiachsigen Kippwagen der Braunkohlebahnen der Fall war. Da die Längsträger 760 mm Außenmaß haben dürfte die Spurweite um 800-900 mm gelegen haben.
    Der Achsstand betrug ca. 2550 mm.

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    Zum Zwecke der Ladungssicherung wurde das Dach auf lose Teile untersucht.

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    Im Ergebnis wurde die komplette Teerpappe entfernt. Das Dach war auf der linken Bildhälfte noch weitgehend original, erkennbar an den sauber verarbeiteten Nut- und Federbrettern, die mit Schlitzschrauben befestigt sind. Auf der rechten Seite wurde es großflächig erneuert mit einfachen angenagelten Brettern . Der runde Ausschnitt für ein Ofenrohr ist eine spätere Ergänzung.

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    Das Dach wurde zum Zwecke des konstruktiven Holzschutzes an den Längsseiten um ca. 160 mm pro Seite nachträglich verbreitert. Diese Verbreiterung haben wir noch vor dem Verladen abgetrennt.

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    Die halbseitige Erneuerung kann man auch an den hölzernen Dachspriegeln erkennen: links wurde ein gebogener Spriegel verwendet, die rechte Hälfte ist eine spätere Reparatur mit ziemlich hemdsärmlicher Ausführung durch Einsägen des Spriegels. Das geprägte Blechschild dürfte aus den 1920er Jahren stammen.

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    Nach dem Eintreffen des LKW mit Ladearm wurde der Wagenkasten auf den untergebauten Hölzern um einige Meter nach vorn und vom Zaun weg gezogen.

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    Nun konnten Hebesbänder unter dem Rahmen hindurch gezogen werden.

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    An der hinteren Pufferbohle sind auch noch die für die Kohlebahnen üblichen schweren Haken für Notketten und die Bohrungen für die Befestigung der Bühnengeländer vorhanden.

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    Auch hier sind noch die Trittbretthalter vorhanden.

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    Rechts neben der Schiebetür ist ein Laternenhalter angeschraubt. Interessant ist die Ausführung der Konsolen, die die Seitenwände tragen. Gemäß des Momentenverlaufs würden sie sich üblicherweise vom Rahmenträger weg in der Höhe verringern, bei diesem Wagen vergrößert sich die Höhe.

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    Vorsichtig schwebt der Wagenkasten in Richtung Ladefläche.

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    Insgesamt macht der Wagenkasten mitsamt dem Rahmen einen überaus schweren und fabrikmäßigen Eindruck. Das Fenster in der Schiebetür wurde nachträglich eingebaut. Leider konnte nirgends ein Fabrikschild oder auch nur der Abdruck eines solchen gefunden werden. Sollte der Wagen vielleicht in einer der Hauptwerkstätten einer Kohlebahn gebaut worden sein?

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    Der Wagenkasten ist verladen, der Transport ist startklar.

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    Hier nochmal ein Blick auf die vordere Bühne. Die Pufferbohle ist durch die Abgetrennten Schrauben des Bühnengeländers etwas lose. Die Trittbretthalter besaßen vermutlich noch die Trittbretter bei der Ankunft im Garten vor 40 Jahren.

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    Die schweren geschmiedeten Puffer mit Kupplungsdorn und angenieteter Pufferplatte sind schon bemerkenswert.

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    Auf dem Heimweg hab ich den Transport nochmal auf der A17 bei Prohlis erwischt.

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    Der Wagen wird im Museum Zamberk/CZ aufgearbeitet und vrsl. auf 760 mm umgebaut werden.

    Leider hat sich die Hoffnung auf Hinweise zur Geschichte des Wagens durch das Freilegen des Rahmen bei der Bergung nicht erfüllt. Möglicherweise handelt es sich um einen Eigenbau einer der vielenen Kohlebahnen in der Niederlausitz um die Jahrhundertwende, möglicherweise ein Beutefahrzeug, das man für die Kohlebahn umgebaut hat. Eine heiße Spur gibt es bislang auch bei den Fachleuten der IG Wagen nicht.
    Für sachdienliche Hinweise zur Identität des Fahrzeugs bin ich dankbar.

    Beste Grüße

    Sven

  • Hallo Sven.

    Danke für deinen Bericht. Ich freue mich sehr, dass der Hinweis an Christian für das Verkaufsangebot dazu geführt hat, dem Wagen ein neues Leben zu schenken. Er ist quasi von Senftenberg in der Niederlausitz nach Senftenberg in Böhmen umgezogen. ;) Bleibt nur zu hoffen, dass die Identität aufgeklärt werden kann.

    Viele Grüße

    Gunnar

  • Hallo zusammen,

    zumindest die Sicherungshaken an der Pufferbohle deuten auf einen Einsatz in der Kohle hin. Und da gab es ja einiges an Tagebauen um Schwarzheide. Womit wir bei einer Spurweite von 900 mm wären.

    Achsstand laut Sven S. etwa 2,55 m.

    Den Kollegen aus Zamberk Gratulation zur Bergung diese "Exoten"

    Gruß Sven H.

  • Glück Auf!

    Und Glückwunsch zur Bergung. Durch die noch am Rahmen befindlichen Ösen der Hängeeisen der Bremsanlage lässt sich doch die Spurweite ziemlich genau eingrenzen. Ich bin gespannt wie die Kollegen in Zamberk die Umspurung auf 760mm technisch umsetzen. Der Langträger Außenabstand von 760mm ist da ja eher kontraproduktiv...., bei "normalen" Raddurchmesser würde der Wagen da sehr hochbeinig werden.

    Die nach außen höher werdenden Wagenkastenstützen finden sich bei vielen offenen Regelspurgüterwagen der Verbandsbauart (dort Berechtigterweise). Eventuell hat man da ja abgeschaut oder Teile verwendet.

    Kay

  • Hallo zusammen,

    Die nach außen höher werdenden Wagenkastenstützen finden sich bei vielen offenen Regelspurgüterwagen der Verbandsbauart (dort Berechtigterweise). Eventuell hat man da ja abgeschaut oder Teile verwendet.

    Kay

    Dieses Detail ist mir auch gleich aufgefallen. Auch die Eckprofile mit den Knotenblechen sehen mir optisch schon fast in Richtig Regelspur aus. Man sollte mal die Maße dieser Teile abgleichen mit einem Wagen der Verbandsbauart.

    Ungewöhnlich sind auch die geteilten seitlichen Schiebetüren. Für eine Ausführung in einem Stück ist auf Grund der Kürze des Wagens kein Platz. Auch die Schiebetüren stirnseitig finde ich ebenfalls ungewöhnlich.

    Eine Verwendung als normaler Güterwagen scheint mir unwahrscheinlich. Das ergibt auch als möglichen Einsatz in der Kohle für mich keinen Sinn. Vielleicht war es eine Art Gerätewagen oder ähnliches.

    Gruß, Thomas

  • Mahlzeit!

    Der Wagenkasten ist wohlbehalten in Zamberk angekommen. Als erste Maßnahme wird er ein neues Dach bekommen, um den Erhalt der vorhandenen Substanz sicherzustellen.

    Zur Geschichte gibt es leider weiterhin nur Vermutungen, aber nichts Konkretes. Einzige Spur ist bisher das die Niederlausitzer Kohlenwerke auf ihrer 900 mm Werkbahn Wagen mit recht ähnlicher Kupplung einsetzten.

    1922 lieferte die WUMAG Görlitz mit dem Wagen 1 den ersten einer Serie von vierachsigen Selbstentladewagen mit 900 mm Spurweite an die Niederlausitzer Kohlenwerke. Die Kupplung und auch das Kopfstück des Rahmens weisen konstruktive Ähnlichkeiten mit denen des geborgenen Güterwagens auf. Zumindest die geografische Nähe würde ganz gut passen. Vermutlich gab es dort auch zweiachsige 6 m³-Abraumwagen mit Innenrahmen, deren Konstruktion Vorlage für den nun geborgenen Wagen gewesen sein könnte. Foto: WUMAG Werksarchiv/VMD Quelle: https://sachsen.museum-digital.de/object/11831

    Wenn man sich den Rahmenbereich genau anschaut, dann kann man die Anordnung von Achshalter und auch des Radsatzes erahnen.

    Gruß Sven

  • Hallo

    Ich habe mir im letzten Jahr dieses Buch gekauft. Dort sind vereinzelte Bilder von schmalspurigen Güter- und Personenwagen, im Bergbaualtag, enthalten.

    Kann ich hier natürlich, ohne Genehmigung, nicht einbinden.

    Max

    Max G