Blauenthaler Erinnerungen im Advent

  • Glück Auf,

    Die Adventszeit ist eine Zeit der edlen Düfte. Doch wer jetzt meint, es wird damit eisenbahntechnisch der Bogen nach Crottendorf geschlagen, der irrt. Denn es gibt noch eine weitere Fabrikationsstätte für das Lebenselixir der erzgebirgischen Raachermanneln, nämlich das kleine Örtchen Bockau. Auch das hat bekanntlich eine interessante Eisenbahngeschichte aufzuweisen, die wahlweise am 22. September 1995 oder im Jahre 2008 endete. Bockau, oder auch "de Bucke" oder "Wurzelbucke", war Zwischenstation bei Kilometer 58,901 an der Linie Chemnitz - Adorf, genauer zwischen Aue und Blauenthal bzw. Wolfsgrün. Wenn der Duft der Bockauer Räucherkerzchen aufsteigt, erinnert mich das an meine leider zu späten Besuche der Strecke Aue - Blauenthal ab dem Jahre 2000. Und immer wieder denke ich "da wolltest du auch mal was dazu schreiben". Nun ist es also soweit:-)

    Ich meine auf das allgemeine Schicksal der Strecke nicht weiter eingehen zu müssen. Der 12,2 Kilometer lange Streckenabschnitt Aue - Blauenthal war bekanntlich noch bis 22. September 1995 im Personenverkehr in Betrieb, der zuletzt noch bescheidenere Güterverkehr endete 1996. Wolfsgrün als eigentlicher Endpunkt der Strecke vor der Talsperre Eibenstock wird meist außer Acht gelassen, da der Abschnitt Blauenthal - Wolfsgrün betrieblich als Streckenrangiergleis zum Bahnhof Blauenthal gehörte. Jeder der die CA-Linie kennt, weiß wie landschaftlich wunderschön die Strecke ab Aue dem Lauf der Zwickauer Mulde folgt. Das tief eingeschnittene Tal wirkt fast menschenleer, nur Wald, Felsen und Wasser. Und der Schienenstrang. "Dekorativ" ergänzt durch einen Tunnel, zahlreiche Brücken über die Mulde, Anschlußbahnen und mehreren Bahnwärterhäuschen. All das kann man heute per Fahrrad erleben, was sehr zu empfehlen ist. Doch nun zum Eisenbahnbetrieb. In den letzten Betriebsjahren zwischen 1992 und 1995 besteht das Betriebsprogramm der ab Aue seit 1990 im Vereinfachten Nebenbahndienst (VND) betriebenen Strecke aus anfangs noch fünf Zugpaaren, wobei ein Zug davon am frühen Morgen als Leerzug nach Blauenthal verkehrte. Der letzte im Kursbuch zu findende Fahrplan ab 28. Mai 1995 wies nur noch ganze zwei (!) Zugpaare aus, davon wiederum eine Leistung als Leerzug. Für den Güterverkehr genügte vormittags eine Übergabe von Aue zum Anschluß Chemnitzer Brennstoffhandel an der ehemaligen Blockstelle Aue Süd.

    Der Fahrplan 1992/93 beinhaltet auch noch zwei Zugpaare die werktags, also von Montag bis Samstag verkehren. Ansonsten kann man nur montags bis freitags nach Blauenthal reisen, sonntags ruht der Personenverkehr. Das Zugpaar N 8820/8829 trug auf dem Zuglaufschild den Namen "Forellen-Expreß" und bestand zwischen Sommer 1991 und dem 24. Dezember 1992 in der Regel nur aus der Lok und einem LOWA-Wagen (-> gleichzeitig das letzte Einsatzgebiet dieser Wagenbauart). Die Herkunft des poetischen Namens "Forellen-Expreß" kann man zweierlei deuten: Zum Einen mit der fischreichen Zwickauer Mulde in Verbindung mit der reizvollen Streckenführung und zum Anderen mit der in Blauenthal vorhandenen traditionsreichen Gaststätte "Forelle". Was es rechts unten mit dem Hinweis "Fahrrad am Bahnhof" auf sich hat, verrät uns die Erläuterung aus dem Kursbuch: Der letzte Satz hat in Anbetracht der heutigen Situation zwischen Aue und Blauenthal ein besonderes "Gschmäckle"... Außerdem ist die außerordentliche Reinheit der deutschen Sprache zu beachten (vgl. Loriot's "Literaturkritik").

    Im Fahrplan 1994/95 gibt es nun auch samstags keinen Verkehr mehr und "Fahrrad am Bahnhof" ist zumindest in Blauenthal Geschichte. Dafür weist die RB 8800 den interessanten Zuglauf Zwönitz - Blauenthal auf.

    Ab dem 28. Mai 1995 taucht im Fahrplan zum ersten Mal die Wortschöpfung "Zwönitztalbahn" auf, die für den Abschnitt Aue - Blauenthal jedoch nicht zutreffend ist und ihn auch nicht mehr retten kann. Nur noch einmal am Tag kann man von Aue nach Blauenthal reisen, am frühen Abend. In der Gegenrichtung besteht noch zweimal die Möglichkeit.

    Das Buchfahrplanheft 1288 des Geschäftsbereiches Netz, Regionalbereich Dresden der Deutschen Bahn AG enthält auch den frühmorgendlichen Leerzug Lr 33805, der im letzten Betriebsjahr um 4.15 Uhr in Aue startete. Wie wildromantisch muß diese Leistung aus Sicht des Eisenbahnfreundes gewesen sein - ob an einem erwachenden Sommermorgen oder einer frostigen und tief verschneiten Winternacht...

    Leider war es mir nicht mehr vergönnt, den Zugverkehr zwischen Aue und Blauenthal selbst zu dokumentieren. Ich bin daher den Kollegen Peter König, Thomas Rödel und Kay Baldauf sehr dankbar, einige ihrer sehr stimmungsvollen Bilder in diesem Beitrag zeigen zu dürfen:

    Im Winter 1994/95 befindet sich 202 786-0 hinter dem Postenhaus 58 CA, als Lokführer und Bildautor Peter König nach hinten zum Bockauer Tunnel in Richtung Aue blickt. Die RegionalBahn besteht aus zwei Schnellzugwagen und einer weiteren Maschine, da in Blauenthal wegen verschneiter Weichen kein Umfahren möglich ist.

    Angekommen im Endbahnhof Blauenthal, wird nach Abgabe der Zuglaufmeldung an den Zugleiter in Aue sogleich für die Rückfahrt gerüstet. Immerhin sind der Hausbahnsteig und sein Zugang geräumt. Aufnahme: Peter König

    Anderntags ist 202 880-1 nach Blauenthal im Einsatz und es schneit. Der Zug ist etwas "fotogener" an der Haltetafel zum Stehen gekommen - nämlich so, daß auch der Schriftzug BLAUENTHAL. am Empfangsgebäude mit ins Bild kommt. Aufnahme: Peter König

    Ein paar Jahre früher, im Herbst 1992, war Thomas Rödel an der Strecke unterwegs. Hier blickt er aus dem Südportal des Bockauer Tunnels am km 56,5 CA in Richtung Blauenthal. Links der Posten 58 CA, in dessen Umfeld interessante Wagenkästen stehen.

    Nach Überquerung der Suche eines guten Fotopunktes rumpelt der Nahverkehrszug aus Aue aus dem Tunnel und überquert die Mulde. 202 611-8 dürfte sich mit nur einem Personenwagen nicht allzusehr überfordert fühlen. Aufnahme: Thomas Rödel

    Vom Wegübergang mit der Staatsstraße nach Sosa blicken wir in den beschaulichen Bahnhof, der im Herbst 1992 noch ganz das Flair der ausgehenden Reichsbahnzeit versprüht. Der örtliche Kohlehandel empfängt auch Güterwagen. Apropos Kohle: Zu Beginn der Grillsaison wurden die Dienste nach Blauenthal oftmals zur Versorgung mit Holzkohle aus Sosa verbunden. Dazu wurde eine "Sammelbestellung" aufgegeben, die Holzkohlesäcke durch einen Eisenbahner zum Bahnhof gebracht und dort dann nochmal an die Lokführer verkauft. Auf so mancher Lok war jede freie Ecke mit Säcken vollgestellt... Hinter uns führt das Gleis noch weiter bis zur Ladestelle Wolfsgrün, kurz vor der Sperrmauer der Talsperre Eibenstock. Aufnahme: Thomas Rödel

    Begeben wir uns auf die Rückfahrt nach Aue. Aus dem Nordportal des Bockauer Tunnels rollt 202 611-8 talwärts. Aufnahme: Thomas Rödel

    Den verbliebenen Güterverkehr hat Kay Baldauf dokumentiert. Hier macht sich 202 451-1 mit der Übergabe 69843 am 10. Februar 1995 gegen 10 Uhr als Sperrfahrt vom Anschluß Brennstoffhandel nach Aue fertig.

    Auf der "Abschußliste" stand der Abschnitt Aue - Blauenthal 1995 schon lange, obwohl seitens des Auftraggebers für den Eisenbahnverkehr, dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit (SMWA), zumindest bis Ende 1997 keine Strecken abbestellt werden sollten. Das folgende Dokument belegt dies Eindrucksvoll (und mit einer gewissen Brisanz, was andere Strecken im Erzgebirge betrifft, die VOR Ende 1997 abbestellt bzw. gesperrt wurden):

    Eine abgängige und durch ein Unwetter im Sommer 1995 weiter geschädigte Stützmauer wurde nun zum Anlaß genommen, den Personenverkehr nach Blauenthal endgültig einzustellen. Die Anweisung aus Dresden kam am 18. September 1995 aus dem Nadeldrucker:

    Der Weiterbetrieb der Strecke hätte zwischen 1996 und dem Jahr 2000 folgende Instandhaltungskosten verursacht:

    Wie dem auch sei, der letzte Personenzug, die mit 202 167-3 bespannte RegionalBahn 8827 (Blauenthal ab 17.57 Uhr), verkehrte am Freitag, dem 22. September 1995. Unmittelbar danach wurde in Aue Süd vor dem einst beschrankten Wegübergang am Postenhaus ein Schwellenkreuz mit Sh 2-Scheibe errichtet. Nie wieder hat in der Folgezeit ein Zug den Bahnhof Blauenthal erreicht. Die formale Stillegung erfolgte erst zum 31. Dezember 1997. Seitdem eroberte die Natur den sich selbst überlassenen Streckenabschnitt zurück.

    Obwohl Blauenthal nicht sehr weit von Kirchberg entfernt ist, bin ich erst am 27. Februar 2000 zum ersten mal wirklich dort gewesen – fünf Jahre zu spät...

    Um zu den einleitenden Worten des Beitrages zurückzukommen: Bahnhof Bockau am 7. Februar 2008.

    Eine besinnliche Adventszeit wünscht

    Mike

    Eisenbahntechnische Schauanlage Neudorf

  • Da kann ich ja glatt noch ein paar Bilder vom ersten Versuch der Einstellung des Personenverkehrs 1990 dranhängen.

    Am Abend des 7. Dezember 1990 hatte 112 368 den letzten Personenzug von Aue nach Blauenthal gebracht. Die Reichsbahn wollte die kurze Stichstrecke kurz nach der Wiedervereinigung schnell loswerden.

    Ganz ohne Abschiedsfahrt ging es dann doch nicht. Der Verein Sächsischer Eisenbahnfreunde bestellte für den 8. Dezember 1990 eine Sonderfahrt auf der Strecke, wenn auch ohne Schmuck.

    Bei herrlichem Winterwetter dampfe 86 1001 mit 5 Bghw durch das Tal der Zwickauer Mulde. Im Sommer 1991 mußte die Reichsbahn wegen Formfehlern den Betrieb allerdings wieder aufnehmen.

    Viele Grüße

    Falk Thomas

  • Hallo,

    ein wunderschöner Beitrag einer sehr schönen Strecke!

    Ich habe noch nie Bilder von der Auer Seite des Bahnhofs Blauenthal gesehen. Hat da jemand auch Bilder?

    VG. Robert

  • Hallo Mike!

    Die Bucker Wahrichkarzl sind die besten am Markt erhältlichen Räucherkerzen und seit Jahrzehnten unser Favorit. Wir lassen sie sogar bewusst noch zwei Jahre liegen, bevor sie gezündet werden, weshalb immer das Jahr des Kaufes darauf vermerkt wird. Unsere Kinder verwenden inzwischen auch nur noch diese Karzl.

    VG Thomas

  • Ich habe noch nie Bilder von der Auer Seite des Bahnhofs Blauenthal gesehen. Hat da jemand auch Bilder?

    VG. RoRobert

    Hallo Robert,

    Ich selbst hab leider keine passenden Bilder. Ich gehe aber davon aus, daß zum Beispiel Günter Meyer dort aktiv war und welche gemacht hat? Vielleicht schaut ja Manfred mal nach. Was suchst du denn konkret? Mit Lageplänen könnte ich dienen.

    Übrigens: Wer Streckenkenntnis Aue - Blauenthal 1995 fahren möchte, der wird auf YouTube fündig:

    Die Fahrt besteht aus mehreren Teilen, bitte dann entsprechend weitersuchen😉 Einzelne kurze Abschnitte fehlen aber, zum Beispiel Aue Süd.

    Grüße Mike

  • Hallo in die Runde,

    das Bild vom Bahnhof Bockau kommt mir Bekannt vor. Im Februar 2024 habe ich den Bahnhof von Aue aus erreicht. Ein weiterer Grund war Schindlers Blaufarbenwerk, das eine sehr lange Historie der Herstellung Blauer Farbstoffe und Materialien hat. Leider genau so wie der Bahnhof fast verfallen. Allerdings scheint dort ein Verein aktiv zum Erhalt dieser Fabrik.

    Was ist aus dieser Ankündigung geworden?

    taubenheim