Die Industriebahn Roeder

  • Hallo Freunde der besonderen Bahnen,

    bereits in den vergangenen Jahren stellte ich einige interessante Industrie- und Werkbahnen bzw. deren Überreste in Berlin und Umland vor, z.B. die Bullenbahn in Oberschöneweide, die Krankenhausbahnen in Biesdorf und Buch oder die Werkbahn einer Muinitionsfabrik in Spandau. Diese Reihe möchte ich nun in loser Folge fortsetzen. In diesem Beitrag geht es um die Geschichte einer Bahn, die als Anschlußbahn des Rittergutes Lichtenberg begann und zu einer der größten Industrieanschlußbahnen Berlins wurde.

    Die Industriebahn Roeder

    Zunächst wie immer etwas Geschichte. Wem das zu viel Text ist, im Anschluß gibts noch eine Zeittafel.

    Bereits 1856 hatte Albert Roeder vom Magistrat der Stadt Berlin das Rittergut Lichtenberg gekauft. Er und sein Sohn Leo Roeder, der ab 1892 Gemeindevorsteher von Lichtenberg wurde, begannen das Land in Parzellen aufzuteilen und Gewerbetreibenden anzubieten. Jedem dort sich ansiedelnden Industriebetrieb wurde ein Gleisanschluß versprochen. Angeschlossen wurden die Betriebe über die 1890 eröffnete Kohlenbahn vom Bahnhof Lichtenberg zum Kesselhaus der Irrenanstalt Herzberge, dem heutigen Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge.

    In den Jahren ab 1900 entstand daraus die Industriestadt Lichtenberg mit immer neuen Gleisanschlüssen. 1913 wurde der Industrieumschlagbahnhof (IUB) Roeder gebaut, der den Wagenein- und -ausgang bündelte. Der Bahnhof hatte 13 Aufstell- und Richtungsgleise (Nr. 1 - 13) und 2 Ein- und Ausfahrgleise (Nr. 16 un 17). Von diesem zweigten die 4 Gleisgruppen A, B, C und D mit jeweils 1,3 km Länge ab, an denen sich die jeweiligen Fabrikanschlüsse befanden. Der Bahnhof wurde vom mechanischen, ab 1984 elektromechanischen Stellwerk Roe gesteuert. Umgangssprachlich blieb es aber bescheiden bei "Anschluß Roeder" oder einfach nur "Roeder".

    Am 2.11.1975 wurde die Neubaustrecke vom neuen Rangierbahnhof Berlin Nordost (BNO) am Berliner Außenring zum IUB eröffnet. Größtes Bauwerk dieser Strecke ist die Brücke über die Rhinstraße. Die steigungsreiche Strecke vom Bahnhof Lichtenberg wurde dafür am 9.3.1984 stillgelegt, blieb aber als Reserve liegen. Reichlich 8 Jahre lang bestand die Möglichkeit, den Bahnhof Roeder aus zwei Richtungen anzufahren. Während auf der Strecke von Lichtenberg aufgrund der Steigung von 25 Promille (1:40) vorwiegend die Baureihen 52 und V200/120 zum Einsatz kamen, erfolgte die Bedienung von BNO aus mit ein oder zwei Loks der Baureihe 106. Die Bedienung der Gleisgruppen erfolgte mit den Baureihen 101/102 und 106, ein paar wenige Betriebe besaßen auch eigene Werklokomotiven.

    Zum Gedenktag der Sozialisten jeweils Mitte Januar befuhr auch der Regierungszug der DRR das Gleis der Industriebahn Roeder bis zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Er diente Erich Honecker, dem Politbüro der DDR und ihren Ehrengästen bei den jährlichen Feierlichkeiten an der Gedenkstätte der Sozialisten als Aufenthaltsraum. Letzmalig befuhr der Zug am 14. und 15. Januar 1989 das Gleis.

    Nach der Wende ging das Güteraufkommen innerhalb kürzester Zeit drastisch zurück. 1995 wurde der IUB Roeder geschlossen und das Stellwerk abgeschaltet. 1997 soll die letzte Bedienfahrt erfolgt sein. In der ersten Hälfte des Jahres 2010 wurden die Gleise zurückgebaut.

    Zeittafel

    1890 Eröffnung der Kohlebahn zum Kesselhaus Herzberge
    1900 Eröffnung der ersten Fabrikanschlüsse
    1913 Eröffnung Industrieumschlagbahnhof Roeder und des Stellwerks Roe
    1975 Eröffnung der Neubaustrecke Berlin Nordost (BNO) - Industrieumschlagbahnhof (IUB) Roeder
    1984 Stillegung der Strecke Berlin-Lichtenberg - IUB Roeder
    1995 Stillegung des IUB und des Stellwerks Roe
    1997 letzte Anschlußbedienung
    2010 Gleisrückbau

    Gleisplan


    Der Gleisplan stammt aus dem Lageplanbuch der Rbd Berlin von 1982. Zu dieser Zeit bestanden die beiden Strecken vom IUB nach Lichtenberg (unten rechts) und Berlin Nordost (oben rechts).

    Da ich erst 2001 nach Berlin gezogen bin (und 2014 wieder weg), habe ich keine Betriebsaufnahmen. Auch im Netz ist nicht ein einziges Bild zu finden. Auf einem Youtube-Video ist allerdings gleich am Anfang eine 106 mit Rangierabteilung bei der Kreuzung der Siegfriedstraße zu sehen, während die Straßenbahn warten muß.

    Sollte jemand von euch Aufnahmen aus der Betriebszeit der Bahn haben, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr diese hier zeigen könntet. Bitte aber nicht mit der Industriebahn Friedrichsfelde - Tegel verwechseln.

    Was ist geblieben?

    In den folgenden Beiträgen stelle ich euch die heute noch sichtbaren Reste der Industriebahn vor. Nicht nur das Schild der bahneigenen Kleingartenanlage erinnert an diese interessante Bahn.

    Viele Grüße
    Toralf

    2 Mal editiert, zuletzt von Toralf750 (20. März 2026 um 16:30) aus folgendem Grund: Änderung Text zum Regierungszug

  • Hallo Toralf,

    Einzig bekannter Reisezug auf der Strecke war am 14.1.1989 der Regierungszug der DDR, als Erich Honecker und das Politbüro der DDR zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde anreisten.

    Das Datum 14.01.1989 kann nicht stimmen. Denn 14.01. war ein Samstag. Der Gedenktag der Sozialisten war immer am zweiten Wochenende Sonntags im Januar. Das wäre dann der 15.01. gewesen. Des weiteren ist mir die einmalige Anreise per Regierungszug neu. Gibt es dazu eine Quelle? Allgemein ergibt es für mich auch keinen Sinn.

    Allgemein ist Roeder sicherlich ein interessantes Thema. Gerne mehr dazu. Ich selbst war dort nie gewesen.

    Gruß, Thomas

  • Hallo Thomas Rose,

    erstmal schön zu sehen, daß jemand meine Beiträge tatsächlich liest. :zwink:

    Vor etwa 20 Jahren war Roeder mal Thema im Forum geschichtspuren.de, wo auch ein paar "Dabeigewesene" berichten. Hier der direkte Link zu dem Beitrag mit dem Regierungszug:

    Industriebahn Lichtenberg - Seite 10 - geschichtsspuren.de - Forum

    Beim erneuten lesen habe ich aber gemerkt, daß ich das anfangs offensichtlich doch falsch verstanden und wiedergegeben habe, denn der Regierungszug fuhr wohl alljährlich oder zumindest mehrfach zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Allerdings nicht zur An- und Abreise der Genossen, sondern als deren Aufenthaltsraum. Ich werde das oben noch korrigieren. Aber zumindest das Datum 14.1.1989 als Fahrtag stimmt.

    Viele Grüße
    Toralf

    Einmal editiert, zuletzt von Toralf750 (17. März 2026 um 12:42)

  • Hallo,

    ich lade euch nun ein, mit mir auf Spurensuche bei der Industriebahn Röder zu gehen. Zur besseren Zuordnung habe ich auch wieder eine Karte gezeichnet und die Fotopositionen mit Nummern eingetragen.

    Die Fotos dazu entstanden bei Wanderungen am 25. Februar, 13. März und 17. März 2026.


    Von Lichtenberg zum Kesselhaus Herzberge

    Die 1890 eröffnete Anschlußbahn zum Kesselhaus der Irrenanstalt Herzberge begann am östlichen Ende des Bahnhofs Lichtenberg. Damals befand sich der Bahnhof östlich der heutigen Lichtenberger Brücke, Reste des einstigen Bahnhofsgebäudes stehen heute noch an der Gudrunstraße.


    1 - Gleich an der Ausfahrt Lichtenberg wurde die Gudrunstraße mit einem technisch gesicherten Bahnübergang gekreuzt. Blick aus dem Zug auf das Überwachungssignal, das Gleis verlief zwischen dem Betonplattenstapel und der Baumreihe dahinter.


    1 - Blick vom Bahnübergang Gudrunstraße in Richtung Lichtenberg, im Hintergrund ist wieder das Überwachungssignal zu erkennen.


    2 - Die Reste des Bü-Überwachungssignal für Fahrten Richtung Lichtenberg. Auf einigen hundert Metern wird die ehemalige Bahntrasse nun als Rad- und Fußweg genutzt.

    Kurz danach verzweigten sich die Strecken in Richtung Kesselhaus und IUB Roeder. Beide Trassen sind heute nicht mehr erkennbar und im Landschaftspark Herzberge aufgegangen.


    3 - Erst am Kesselhaus des Krankenhauses Herzberge sind wieder Relikte der Anschlußbahn zu finden. Hier die Reste einer Weiche im Pflaster der Zufahrtstraße zum Kesselhaus. Das Kesselhaus selbst ist heute technisches Museum und kann besichtigt werden.


    3 - Zwischen den Bäumen findet man noch mehrere Reste der Spillanlage zum Verschieben der Wagen.


    3 - Eines der vielen Prachtbauten des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge.

    Der Industrieumschlagbahnhof Roeder


    4 - Blick in Richtung Norden und die Ausfahrt zu den Gleisgruppen B und C sowie ab 1975 zum Bahnhof Berlin Nordost (BNO). In Bildmitte das Stellwerk Roe, Ansicht von der Gleisseite.


    4 - Blick von der gleichen Stelle Richtung Süden. Hier lagen bis 2010 die 13 Aufstell- und Richtungsgleise. Heute gehört die Fläche zum Landschaftspark Herzberge. Wo früher Züge rangierten, grasen heute im Sommer Schafe.


    4 - Das mechanische Stellwerk Roe von Siemens & Halske wurde 1913 errichtet. Am 9.3.1984 erfolgte der Umbau von mechanisch auf elektromechanisch. Im Jahre 1995 hatte es ausgediehnt. Heute steht es verlassen mitten in den Weideflächen des Landschaftsparks Herzberge.


    4 - Noch eine weitere Ansicht. Ich stehe auf der Ausfahrt der Gleisgruppe D, die als einzige den Bahnhof südwärts verließ. Während sich der eigentliche Bahnhof rechts vom Stellwerk befand, kreuzten sich links, als hinter dem Stellwerk die Gleisgruppen D und A.

    Im nächsten Teil setze ich dann meine Wanderung auf der Gleisgruppe D fort.

    Viele Grüße
    Toralf

  • Hi Toralf,

    diese Industriebahnen sind ein Interessantes Thema.

    Ich persönlich interessiere mich besonders für die "Ottensenser Industriebahn".

    Schmalspur Rollbockbetrieb mit einem LKW statt einer Lok !!!


    Solche Themen nehme ich immer wieder gerne mit !!

    Danke


    Grainger

    Nepomuk002.jpg

    Wer schon nicht überzeugen kann, soll wenigstens für Verwirrung sorgen !!

  • Danke! Schöner Bericht. Da kommen Kindheitserinnerungen hoch.

    Im Hubertusbad am Bahnhof Lichtenberg habe ich Schwimmen gelernt. Als im Zuge der Umgestaltung des Bhf. Lichtenberg die Wendeschleife für die Straßenbahn gebaut wurde haben wir beim Schienenschweißen zugesehen. Im Wohnungsbaukombinat (neben dem Friedhof der Sozialisten) hatte ich PA und ESP. Unsere Patenbrigade kam aus dem Wälzlagerwerk in der Josef-Orlopp-Straße und, wie im verlinkten Film, haben wir öfters in der Straßenbahn warten müssen wenn ein Güterzug die Siegfriedstraße gekreuzt hat.

    Von den großen Abstellgruppen und der Industriebahn habe ich aber nicht viel mitbekommen. Als Kind hatte ich da noch nicht so den Fokus.

    Schade, dass im Link von Beitrag #3 keine Fotos für Besucher zu sehen sind.

  • Kann mich als Kind noch gut an die Kreuzungen in der Siegfried- und Herzbergstraße erinnern.

    Einmal erlebte ich, wie die KT4D in der Herzbergstraße warten mussten und dann eine 106er mit Wagenzug kreuzte.

    In der Landsberger Straße sah ich öfter die V10B, aber eines Tages war alles weg, wie auch bei der Bullenbahn.

    Aber gut als Azubi fuhr ich auch mit der letzten Schicht in den OSG. Alles Geschichte.