[PL] Das Pommersche Schmalspurnetz im Frühjahr 2026

  • Hallo zusammen,

    ich war in der ersten Juniwoche mit meiner Frau wieder ein paar Tage in Trzęsacz an der polnischen Ostseeküste zum Ausspannen und hab euch einige interessante Bilder mitgebracht. Neben dem aktuellen Betrieb auf der Küstenschmalspurbahn gibt es ein paar Impressionen abseits des befahrenen Abschnitts und es wird um Brückenkonstruktionen des österreichischen Architekten Franz Visintini gehen. Zudem lade ich euch auf Spurensuche bei zwei kaum bekannten, vor langer Zeit stillgelegten Schmalspurbahnen ein.

    1. Einleitung, Kurzbesuch in Gryfice
    2. Impressionen vom Regelbetrieb zwischen Trzęsacz - Pogorzelica
    3. Kindertag auf der Schmalspurbahn
    4. Auf zugewachsenen Gleisen nach Trzebiatów
    5. Spurensuche bei der Schmalspurbahn Trzebiatów - Mrzezino (Treptow - Deep)
    6. Die Brücken von Visintini
    7. Der ehemalige Endbahnhof Trzygłów (Trieglaff)
    8. Ein Berliner an der Ostsee ... und Schluß


    Endlich wieder Ostsee. 5 schöne Tage liegen vor uns. Auch das Wetter zeigte sich fast durchgehend von seiner schönen Seite. Nur an zwei Tagen zogen mal kurzzeitig dichtere Wolkenfelder durch und am letzten Abend läutete ein heftiges Gewitter den Rausschmiss ein.


    Immer wieder schön, die Fischerboote am Strand von Niechorze (Foto) und Rewal.


    Weniger schön ist die Endzeitstimmung in Gryfice. Auf der Hinfahrt legten wir einen kurzen Stop am Bahnhof ein, um mal über den Zaun des Betriebswerkes zu schauen. Dieser alte SKL scheint auch seine besten Tage hinter sich zu haben. Beim letzten Besuch stand er aber noch nicht dort.


    Blick über den Zaun auf die abgestellten rumänischen Personenwagen, die einst den umfangreichen Bäderverkehr bewältigten. Dahinter steht immer noch Lxd2-474, von der blauen Lackierung ist kaum noch was übrig.


    Kleine Fotospielerei: Trostlos, aber nicht ohne Reiz.


    Auch der Prototyp-Triebwagen MBxd2-301 steht immer noch an seiner Stelle.


    Noch ein schneller Blick über den Zaun des benachbarten Museums: MBxd1-359 sieht immer noch traurig aus.


    Auch MBxd1-358 und 355 werden nicht besser. Zumindest der ebenfalls früher im Museum stehende MBxd1-344 scheint nun eine bessere Zukunft zu bekommen und ging letzte Woche zur Aufarbeitung zur Firma Paul-Resory in Brójce bei Łódź. Mehr weiß ich aber auch noch nicht.


    Der erste Lokschuppen der Schmalspurbahn wurde 2017/18 wieder hergerichtet. Er war ja zum Schluß nur noch eine Ruine mit eingestürztem Dach. Währenddessen ist nun beim zweiten Lokschuppen gegenüber das Dach eingestürzt.


    Nun genug der traurigen Bilder. Natürlich entstanden auch wieder ein paar schöne Schmalspurbahnaufnahmen, wie hier bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Rewal.


    Trotz immer weiter zunehmender Bebauung an der Küstenstrecke lassen sich auch noch ein paar ländliche Motive einfangen. Mehr davon dann im nächsten Teil mit ganz viel Sonne.

    Viele Grüße
    Toralf

    Einmal editiert, zuletzt von Toralf750 (11. Juni 2026 um 18:22)

  • 2. Impressionen vom Regelbetrieb zwischen Trzęsacz - Pogorzelica

    Auch dieses Jahr verkehren wieder täglich 5 Zugpaare zwischen Trzęsacz und Pogorzelica. Der erste Zug kommt wie immer von Gryfice und der letzte fährt dorthin zurück. Da ab 1. Juni Hauptsaison an der Ostsee ist, kommt auch nur die Lxd2 mit dem Touristenzug zum Einsatz. Der im Frühjahr und Herbst gelegentlich eingesetzte Triebwagen MBxd2-310 bleibt im Schuppen. Insgesamt habe ich es dieses Jahr aber eher gemütlich und entspannt angehen lassen und hab nur wenige Züge fotografiert.


    Lxd2-473 mit dem morgendlichen Zug von Gryfice - Pogorzelica bei Trzęsacz. Gleich nach dem Frühstück habe ich ihn vor unserem Hotel geknipst.. (2.6.2026)


    Am Bahnübergang mit der Straße Rewal - Karnice in Śliwin fotografierte ich dann die erste Rückfahrt nach Trzęsacz. (2.6.2026)


    Der Abendzug von Pogorzelica nach Gryfice zwischen Rewal und Trzęsacz. (2.6.2026)


    Am nächsten Morgen schob sich genau mit dem Zug eine Mini-Fussel-Wolke vor die Sonne. Bei Vorbeifahrt des Zugschluß schien sie schon wieder. Das Bild mit dem Morgenzug von Gryfice entstand zwischen Trzęsacz und Rewal, rechts hinten ist die Ostsee zu erahnen. (3.6.2026)


    Neuer Versuch mit dem Morgenzug von Gryfice am Tag darauf, doch die Pferde waren am anderen Ende der Koppel. Ohne Pferde und ein paar Meter weiter siehts aber auch ganz nett aus. (4.6.2026)


    Wie zum Hohn standen die Pferde nach Zugdurchfahrt natürlich direkt am Zaun hinterm Gleis.


    Am Bahnübergang mit der Wojewodschaftsstraße 102 zwischen Niechorze und Rewal hat man einen schönen Blick auf den Leuchtturm von Niechorze. (4.6.2026)


    Und weiter rollt der Zug in Richtung Rewal, im Hintergrund die ersten Häuser von Śliwin. Das Motiv von diesem kleinen Hügel auf die Strecke muß ich mir für nächstes Jahr mal merken. Für jetzt muß der Nachschuß reichen. Den hier beworbenen Mini-Zoo "Donkey Szot" besuchen wir bei jeder Reise und ist wirklich toll gemacht.


    Am späten Nachmittag des 4.6.2026 zog ein schweres Gewitter auf. Zehn Minuten vorher schien noch die Sonne, ein Stunde nach diesem Bild heulten überall die Sirenen wegen Überflutungen und vollgelaufener Keller.

    Das waren auch schon meine Bilder von den Regelzügen der Küstenschmalspurbahnen. Mein fotografischer Schwerpunkt lag diesmal wieder bei der Erkundung ehemaliger Schmalspurstrecken des Pommerschen Netzes. Davon dann mehr in den (über)nächsten Beiträgen.

    Viele Grüße
    Toralf

    Einmal editiert, zuletzt von Toralf750 (9. Juni 2026 um 23:55)

  • 3. Kindertag auf der Schmalspurbahn

    Heute ein kleiner Beitrag, den ich extra ausgegliedert habe, denn die Fotos sind nichts für echte Eisenbahnfotografen. Aber die Schmalspurbahn fährt nun mal nicht für uns Fotografen, sondern für Touristen. Und zu denen zählen auch die kleinen Gäste, die am 1. Juni ihren Kindertag feiern.


    Zum Kindertag am 1. Juni gab es Spiele und Animationen in den Zügen. An diesem Tag gab es auch 50% Ermäßigung auf Familienfahrkarten. Am 5. Juni fanden weitere große Kinderfeste auf den Bahnhöfen Trzęsacz und Pogorzelica statt.


    Lxd2-473 mit dem Kindertagszug im Bahnhof Pogorzelica.


    Ausfahrt Pogorzelica


    Zwischen Rewal und Trzęsacz an der Pferdekoppel.


    Der Abendzug nach Gryfice fast an der gleichen Stelle wie auf dem vorherigen Bild, nur diesmal von der Dachterrasse unseres Hotels.

    Ohne Smiley an der Lok, aber auch ohne Lok, dafür mit viel Schienenbegleitgrün gehts im nächsten Teil weiter auf die nicht befahrbare Strecke in Richtung Trzebiatów.

    Viele Grüße
    Toralf

  • N'abend Toralf,

    vielen Dank für den aktuellen Bericht zum Pommerschen Schmalspurnetz, auch für die Updates bzgl. der Triebwagen.

    Hast Du im Museum auch den MBxd1-348 gesehen? Der war ja zu letzt noch am vollständigsten von allen. Die anderen waren ja nur noch eine Hülle aus Rost aber ohne Motor und Inneneinrichtung.

    VG Tilo

  • 4. Auf zugewachsenen Gleisen nach Trzebiatów

    Heute gehts auf den Streckenabschnitt in Richtung Trzebiatów, der seit numehr reichlich 26 Jahren nicht mehr befahren wird. Bereits in meinen Reiseberichten 2023 und 2024 hatte ich diesen Streckenteil ausführlich vorgestellt. Aufgegeben wurde der Abschnitt allerdings nie so richtig und seit etwa 2 Jahren arbeitet man an verschiedenen Szenarien der Reaktivierung. Auch entsprechende Bauvorleistungen werden schon ausgeführt.

    Zunächst aber erstmal eine Karte mit den in dieser Beitragsreihe besprochenen Strecken. Ich hoffe, man kann alles notwendige erkennen.


    Nordwestlicher Ausschnitt des Pommerschen Schmalspurnetzes aus der Karte der DOKP Szczecin von 1951.


    Bevor es auf zugewachsene Gleise geht, noch ein Bild von der Baustelle in Niechorze (Horst). Das originale Bahnhofsgebäude war leider nicht mehr zu retten, der Schwamm hat ganz Arbeit geleistet. Dieses mußte letztes Jahr abgerissen werden, wird aber nun in historischem Aussehen wieder neu aufgebaut. Daneben entsteht noch ein Neubau ähnlich denen der Stationen Niechorze Latarnia, Śliwin und Trzęsacz.


    Von 2022 bis 2024 entstand für die Dörfer Konarzewo, Rogozina und Zapolice die neue Ortsumgehungstraße DW102. Die Kreuzung mit der Schmalspurbahn wurde bereits eingebaut. Auch im weiteren Straßenverlauf am Bahnübergang in Włodarka, wo bei meinem Besuch 2024 die Schienen unter Asphalt lagen, wurde mittlerweile ein ordentlicher Bahnübergang errichtet.


    Etwa 250 Meter weiter befindet sich der Bahnhof Rogozina (Mittelhagen), den ich im Beitrag 2023 bereits vorstellte. Diesmal war er aber etwas besser zu fotografieren.


    Das als Wohnhaus schön sanierte alte Bahnhofsgebäude von Rogozina. Links vom Zaun die beiden Gleise.


    Weite Teile der Strecke sehen nach 26 Jahren Zugabstinenz allerdings so aus. Meist nur an Bahnübergängen sind die Schienen erkennbar, wie hier an einem Feldweg zwischen Włodarka und Trzebiatów. Hier kommt man um einen kompletten Neubau der Strecke nicht herum.


    Bisher in keinem meiner Beiträge habe ich die Rega-Brücke gezeigt, die ursächlich für die Streckensperrung seit dem Jahr 1999 ist. 1993 bin ich das erste mal darüber gefahren, kurz vor Schluß das letzte mal. Zu den Brücken dieser Bauform gibt es im übernächsten Beitrag dann ausführlichere Informationen.


    Die Brücke (ganz hinten rechts) liegt indyllisch mitten in der Natur begleitet von schönen Wanderwegen. An der Hauptstraße gibt es dazu einen großen Wander-Parkplatz.


    Wer möchte, kann die Rega auch mit dem Kanu erkunden, dazu gibt es in Trzebiatów zwei Verleihstationen.


    Freundlicher als auf weiten Teilen der Strecke sieht es ein paar hundert Meter weiter im Dorf Nowielice aus, dessen Bahnhof aber an der 1951 eingestellten Strecke nach Mrzezino (Deep) liegt, die ich im nächsten Beitrag vorstelle.


    Blick in Richtung Trzebiatów. Bei Ausbau der Straße DW109 im Jahre 2015 wurde auch der Bahnübergang ordentlich hergerichtet.


    Blick in Richtung Niechorze.


    Auch im folgenden idyllischen Gleisabschnitt sieht es fast so aus, als könnte jeden Moment ein Zug kommen.


    Nach einem knappen Kilometer folgt der ehemalige Abzweigbahnhof Trzebiatów Mokre, dem früheren Treptow (Rega) Badstübertor, den ich auf meinen vergangenen Reisen ebenfalls noch nicht besucht habe. Hier zweigte von Trzebiatów kommend die Strecke nach Mrzezino (früher Deep) an der Ostsee ab. Diese Strecke stelle ich euch im nächsten Beitrag vor, dann auch mehr zum Bahnhof Trzebiatów Mokre.

    Viele Grüße
    Toralf

    Einmal editiert, zuletzt von Toralf750 (21. Juni 2026 um 10:53)

  • 5. Spurensuche bei der Schmalspurbahn Trzebiatów - Mrzeżyno (Treptow - Deep)

    Fast zeitgleich mit dem Bau der Linie Treptow (heute Trzebiatów) - Horst (heute Niechorze) entstand die Strecke nach Deep (heute Mrzeżyno) an der Ostsee. Am 30. Juni 1912 erfolgte die Eröffnung der 13 km langen Strecke. In Treptow Badstübertor trennten sich die beiden Äste. Bereits 1951 endete der Personenverkehr nach Mrzeżyno. Über die Einstellung des restlichen Güterverkehrs gibt es widersprüchliche Angaben: 1952, 1958 oder 1961.


    Fahrplantabelle im Kursbuch 1937/38

    Den Bahnhof Trzebiatów mit dem Übergang zur Normalspur hatte ich bereits im Beitrag 2023 vorgestellt. Daher beginne ich gleich wieder dort, wo ich im letzten Beitrag endete, am Bahnhof Trzebiatów Mokre.


    Blick von der Bahnhofstraße (ul. Stacja Mokre) auf die Marienkirche aus dem 14. Jahrhundert, heute ein erzbischöfliches Heiligtum. Die riesige und weithin sichtbare Kirche war auch beliebtes Hintergrundmotiv für die bis Sommer 1999 verkehrenden Bäderzüge nach Niechorze und Rewal.


    Um 180 Grad gedreht steht man vor dem Bahnhofsgebäude Trzebiatów Mokre. Bis 1945 hieß der Abzweigbahnhof Treptow (Rega) Badstübertor.


    Blick von der Gleisseite in Richtung Niechorze und Mrzeżyno. Das durchgehende Streckengleis nach Niechorze liegt noch, ich stehe gerade auf der linken Schiene. Der Bahnhof wurde bereits 1960 aus dem Fahrplan genommen. Bis 1966 diente er noch als Ladestelle.


    Trzebiatów Mokre, Blick in Richtung Trzebiatów. Auch hier stehe ich direkt auf dem noch liegenden Streckengleis, das man aber meist nur sieht, wenn man senkrecht nach unten guckt ... oder drüberstolpert.


    Weiter in Richtung Mrzeżyno verläuft bis zum nächsten Bahnhof Nowielice ein Trampelpfad, hier der Blick zurück auf Trzebiatów mit seiner weithin sichtbaren Marienkirche. Unten bei der Baumansammlung vor der Kirche befindet sich der Bahnhof Trzebiatów Mokre.


    Nach etwa 1 Kilometer ist Nowielice erreicht, das bis 1945 Neuhof hieß. Hier der Blick zurück nach Trzebiatów. Rechts vom Pflaster der Ladestraße lagen die beiden Gleise der Haltestelle.


    Nowielice, Blick in Richtung Mrzeżyno. An der Ausfahrt folgt der Bahnübergang mit der Straße nach Roby und anschließend geht es in einen langen und recht tiefen Einschnitt. Vom hinten zu sehenden Bahnübergang an wird die ehemalige Schmalspurtrasse bis Mrzeżyno als Rad- und Wanderweg genutzt, abschnittsweise auch als landwirtschaftlicher Fahrweg.


    Nach weiteren 1,8 km folgt Trzebusz, das frühere Triebs. Hier die Ansicht von der Gleisseite in Richtung Trzebiatów. Auf etwa 150 Metern müssen Radfahrer die Schmalspurbahntrasse hier verlassen und einen kleinen Umweg fahren.


    Trzebusz, Blick in Richtung Mrzeżyno. Das Gleis verlief etwa von meinem Standort rechts am Bahnhofsgebäude vorbei.

    Von der Haltestelle Roby (bis 1945 Robe) ist nichts mehr zu sehen. Das Bahnhofsgebäude wurde am Ende des zweiten Weltkrieges zerstört.


    Zwischen Roby und Mrzeżyno wird die Stara Rega (Alte Rega) auf einer Betonfachwerkbrücke überquert. Hier der Blick in Richtung Endbahnhof. Die Brückenkonstruktionen des Architekten Franz Visintini stelle ich euch im nächsten Beitrag ausführlich vor.


    Neben der Schmalspurbahnbrücke (links) befand sich die Brücke der Verbindungsstraße Deep - Robe vom selben Architekten, die in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges gesprengt wurde. Nach Stillegung der Schmalspurbahn nutzte man deren Trasse als neuen Fahrweg. Auch die Schmalspurbahnbrücke wurde für den Straßenverkehr genutzt. Als deren Tragfähigkeit vor einigen Jahren nicht mehr ausreichte, verrohrte man die Alte Rega zwischen beiden Brücken und schüttete darüber eine neue Straße auf.


    Das Bahnhofsgebäude des Endbahnhofs Mrzeżyno (bis 1945 Deep) existiert noch und beherbergt heute Ferienwohnungen. Von hier aus gab es ein kurzes Anschlußgleis zu einem Speicher am Hafen und von 1936 bis Kriegsende eine reichlich 5 km Anschlußbahn zum --> Flieger- und Seefliegerhorst Kamp.


    Das Bahnhofsgebäude Mrzeżyno (Deep) von der früheren Gleisseite, Blick zurück in Richtung Trzebiatów.


    Etwa 90 Jahre früher: Eine alte Ansichtskarte vom Bahnhof Deep. (Quelle: Polska-org)


    Zum Schluß noch ein kurzer Blick zum Hafen. Das Fischerdorf (etwa 1600 Einwohner) ist sehr hübsch und auch die Promenade am Hafen mit einigen Cafes und Restaurants lädt zum Verweilen ein. Der Strand des nicht vom Tourismus überrannten Ortes ist deutlich schöner als in den bekannten Orten. Wenn die Schmalspurbahn noch hierher fahren würde, wäre das der ideale Urlaubort zum Ausspannen.

    Viele Grüße
    Toralf

    2 Mal editiert, zuletzt von Toralf750 (21. Juni 2026 um 10:55)

  • 6. Die Brücken von Visintini

    Franz Visintini wurde am 3. Juli 1874 in Wien geboren und verstarb dort am 13. Mai 1950. Der Ingenieur und Architekt entwarf ein neues einzigartiges Baukastensystem, das im frühen 20. Jahrhundert im Brücken- und Deckenbau eingesetzt wurde.

    Das System auf vorgefertigten Stahlbeton-Fachwerkträgern. Anstatt Beton mitsamt einer Schalung aufwendig direkt über dem Flußlauf gießen zu müssen, werden die einzelne standardisierte Bauteile in einer Fabrik oder einfach am Ufer vorproduziert und dann fachwerkartig mit Hilfe von Verschraubungen ohne aufwendige Hilfskonstruktion zusammengebaut. Die Fugen zwischen den einzelnen Bauteilen werden dann zum Schluß mit Mörtel ausgespritzt.

    Als 1912 und 1913 die schmalspurigen Bahnlinien von Treptow (Rega) nach Deep und Horst gebaut wurden, galt es mehrere Flußläufe zu queren. Hier griff man auf das preiswerte Baukastensystem von Visintini zurück. Neben den Eisenbahnbrücken über den Rehbach (Sarnia), die Rega und die Alte Rega, entstand gleichzeitig auch die Straßenbrücke bei Robe (Roby) über die Alte Rega in gleicher Bauweise.

    Und wer jetzt denke, das ist ja alles ganz weit weg, auch in Chemnitz hat Franz Visintini seine Spuren hinterlassen.

    Nachfolgend möchte ich euch die Brücken einzeln kurz vorstellen.

    Brücke über die Rega bei Nowielice (Neuhof)


    Die denkmalgeschützte Brücke über die Rega bei Nowielice ist mit 54,4 Metern die längste in der Region gebaute Visintini-Brücke.


    In der Sommersaison 1999 fuhren die letzten Züge über dieses Bauwerk. Der schlechte Zustand der Brücke war der Grund für die Streckensperrung. Aktuell werden im Rahmen der Reaktivierungsvorbereitung zwei Varianten geprüft: 1. Sanierung der Brücke für zukünftige Verkehrsaufgaben oder 2. denkmalgerechte Sanierung der Brücke ohne Verkehrsaufgaben und daneben ein Neubau, über den dann die Züge rollen sollen.


    Visintinis Zeichen sind die Wellenlinien, die an jeder Säule angebracht sind. Dieses Zeichen findet man auf allen erhaltenen Brücken.


    Die Brücke wurde vor einigen Jahren gegen unerlaubtes Betreten gesichert. Bis zur Brücke liegt auf beiden Seiten das Gleis.


    Im Sommer 2024 wurde das Gleis auf der Brücke abgebaut und diese zur Begutachtung komplett freigelegt und gesäubert. Seitlich unterhalb der Brücke wurden Schutznetze angebracht, siehe 3. Bild in diesem Beitrag.

    Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Stara Rega bei Roby (Alte Rega bei Robe)


    Auf der 23,10 Meter langen Brücke überquerte die Schmalspurzüge von Trzebiatów (Treptow) nach Mrzeżyno (Deep) die Stara Rega (Alte Rega)


    Die Brücke von der Westseite. Der letzte Personenzug fuhr bereits 1951 über die Brücke, der letzte Güterzug ein paar Jahre später.


    Blick in Richtung Mrzeżyno (Deep), an den Brückensäulen ist wieder das Wellensymbol von Visintini zu finden.


    Daneben befindet sich die 1945 in den letzten Kriegstagen zerstörte Straßenbrücke, ebenfalls eine Visintini-Konstruktion. Hier der Blick in Richtung Roby (Robe)


    Die zerstörte Straßenbrücke, Blick in Richtung Norden. Auch hier ist an den Säulen wieder Visintinis Wellensymbol zu erkennen.


    Hier die heutige Gesamtansicht der Situation. Nach Sprengung der Straßenbrücke 1945 wurde der Straßenverkehr mit über die Eisenbahnbrücke geführt. Nach Stillegung und Abbau der Schmalspurbahn verlegte man die komplette Straßenführung auf die alte Bahntrasse. Vermutlich in den 1980er oder 90er Jahren genügte die alte Eisenbahnbrücke nicht mehr den statischen Anforderungen. Deshalb verrohrte man die Alte Rega zwischen den beiden Brücken und schüttete darüber die neue Straße auf.

    Brücke über die Sarnia bei Trzebiatów Mokre (Rehbach bei Treptow Badstübertor)

    Diese Brücke existiert heute nicht mehr und wurde in den 1970er Jahren durch eine neue Betonbalkenbrücke ersetzt.


    Die Brücke über den Rehbach bzw. die Sarnia war baugleich mit der über die Alte Rega bei Roby / Robe. Daher hier die Bauzeichnung, die weitestgehend auch für die oben vorgestellte Brücke gilt. Über sie fuhren die Züge nach Niechorze (Horst) und Mrzeżyno (Deep). Kurz hinter der Brücke verzeigten sich beide Strecken.


    Die Brücke über den Rehbach bei Neuhof während der Belastungsprobe. (Quelle: Zeno.org)

    Viele Grüße
    Toralf

    3 Mal editiert, zuletzt von Toralf750 (21. Juni 2026 um 10:56)

  • 7. Der ehemalige Endbahnhof Trzygłów (Trieglaff)

    Heute möchte ich euch noch die kürzeste Strecke im ganzen Pommerschen Schmalspurnetz vorstellen, die zugleich auch die letzteröffnete der Greifenberger Kleinbahnen AG ist.

    Die reichlich 3 km lange Strecke von Koldemanz an der Linie Greifenberg - Gülzow - Stepenitz nach Trieglaff wurde am 10.10.1913 eröffnete und diente ausschließlich dem Güterverkehr. Zwischenstationen auf der ab 1945 Kołomąć - Trzygłów heißenden Linie gab es nicht. Bereits 1961 wurde der Verkehr eingestellt und die Gleise abgebaut.

    In Abzweigbahnhof Koldemanz / Kołomąć gibt es keine baulichen Überreste mehr. Dort stand nur eine Betonwartehalle, die aber vor einigen Jahren abgerissen wurde. Die anschließende Schmalspurbahntrasse kann man in der Landschaft und auch auf dem Satellitenbild weitesgehend nachvollziehen. Bis zur Kreuzung mit der Straße nach Trzygłów wechseln sich mit Büschen bewachsene Dämme und Einschnitte ab. Ab dem Bahnübergang wird die Trasse direkt neben der Straße als landwirtschaftlicher Fahrweg genutzt.


    Im Endbahnhof Trzygłów findet man aber noch ein paar bauliche Reste. Blick in Richtung Streckenende, rechts die ehemalige Laderampe und dahinter das frühere Bahnhofsgebäude.


    Bahnhof Trzygłów, Blick entlang der Trasse nach Kołomąć, links die Laderampe.


    Das mittlerweile stark umgebaute Bahnhofsgebäude von Trzygłów von der Gleisseite.


    Ansicht von der Straßenseite. Für eine nur dem Güterverkehr dienende Strecke hatte der Bahnhof ein erstaunlich großes Bahnhofsgebäude. Mit den älteren Bewohnern des Hauses habe ich mich ein wenig unterhalten, sie konnten sich noch an die letzten Züge hier erinnern.


    Blick von der Dorfstraße auf den ehemaligen Bahnhof.


    Gleich gegenüber befindet sich der große Gutshof. Das dazugehörige prächtige Schloß aus dem 18. Jahrhundert liegt idyllisch am Seeufer. Gutshof und Schloß befindet sich seit ein paar Jahren in deutschem Privatbesitz und können leider nicht besichtigt werden.


    Das ganze auf einer Karte. Oben in der Mitte mit der Nummer 19 das Bahnhofsgebäude mit dem abgebauten Schmalspurgleis. Gleich links darunter mit der Nummer 56 das Trafohaus vom vorletzten Foto. Nummer 1 ist das Schloß, 2 - 12 der Gutshof, 6 und 8 existieren nicht mehr.

    Im nächsten und letzten Teil gibts noch einen kleinen bunten Bildernachschlag, u.a. mit einem kuriosen Fund.

    Viele Grüße
    Toralf

    Einmal editiert, zuletzt von Toralf750 (19. Juni 2026 um 11:49)

  • Hallo zusammen,

    bevor ich zum eigentlichen Schlußbeitrag komme, noch eine kleine Ergänzung zur in den Beiträgen 4 und 6 gezeigten Rega-Brücke bei Nowielice.


    Am 16. August 1998 fotografierte ich Lxd2-473 mit einem Personenzug von Trzebiatów zu den Ostseebädern auf der Rega-Brücke. Reichlich ein Jahr später fuhr der letzte Zug über das marode Bauwerk. Lxd2-473 ist jedoch heute noch betriebsfähig und begleitete uns in neuer Lackierung durch diesen Urlaub.

    8. Ein Berliner an der Ostsee

    Wenige hundert Meter von der Rega-Brücke entfernt gibts einen "Echte-Männer-Spielplatz". Als bekennender Warmduscher, Turnbeutelvergesser und Kriegsdienstverweigerer hab ich mich aufs Fotografieren beschränkt.

    Auf dem Gelände steht ein Tatra-Triebwagen T6A2. 1988 gebaut, lief er bei den BVB als 218 102. Bei der BVG erhielt er die Nummer 5102 und wurde 1995 modernisiert. 2008 kam der Triebwagen nach Szczecin und bekam dort die Nummer 222. Am 8. April 2026 wurde der Wagenkasten mit Tieflader nach Trzebiatów gebracht und mit einem Autodrehkran auf dem Gelände von Kajtur Poligon abgeladen.


    Tatra T6A2, ex BVB 218 102, ex BVG 5102, ex Szczecin 222 am 4.6.2026 auf dem Gelände von Kajtur Poligon in Trzebiatów.


    Während ich mich für Kriegsspielzeug recht wenig begeistern kann, war mir dieser KrAZ-255 dann doch ein Bild wert.

    ... und Schluß

    Nun bin ich am Ende meines Urlaubsreiseberichts angekommen. Ich hoffe, es hat wenigstens etwas begeistert. Mein Anliegen ist stets Geschichte und Wissen zu vermitteln bzw. vor dem Vergessen zu bewahren.

    Einen weiteren schmalspurigen Reisebericht von mir wird es dieses Jahr leider nicht mehr geben. Der gebuchte Sommerurlaub wird uns in eine komplett schmalspurfreie Gegend führen. Aber es gibt dort interessante "normalspurige Bimmelbahnen" in schöner Gebirgslandschaft.

    In diesem Sinne: Tschüß Ostsee!

    Viele Grüße
    Toralf

    2 Mal editiert, zuletzt von Toralf750 (21. Juni 2026 um 10:49)