Hallo liebe Freunde des Rasenden Roland,
der Nordstreckenzug ist komplett! Alle beim Roland vorhandenen zweiachsigen Reisezugwagen für diesen Zug sind aufgearbeitet. Am 20. Juli konnte mit 971-221 der letzte in der Generalsanierung befindliche Wagen aus der Epoche der Anfangszeit der Rü.K.B. den Weg von der Aufarbeitung in Richtung Insel Rügen auf den Weg gehen.
Natürlich ist es nicht die letzte Aufarbeitung eines solchen Wagens, denn die planmäßigen Hauptuntersuchungen erfolgen natürlich weiterhin, damit der betriebsfähige Park dieser Fahrzeuge erhalten bleibt.
Ich möchte Euch hiermit diesen Wagen etwas genauer vorstellen.
Einer von Vielen, der 971-221 im Wandel der Zeiten
Zwischen 1895 und 1899 hatten die Rügenschen Kleinbahnen AG (Rü.K.B.) ihr Streckennetz in den Grundzügen errichtet. Die Verkehrszahlen im Personenverkehr entwickelten sich vor allem zwischen Putbus und Göhren sehr positiv, so dass sich die Rü.K.B. nach zwei Lieferwellen 1895 und 1897 auch im Jahr 1900 nach zusätzlichen Sitzplatzkapazitäten umsehen musste. Der Haus- und Hoflieferant der pommerschen Lenz-Bahnen, die Aktiengesellschaft für Fabrikation von Eisenbahnmaterial zu Görlitz EMG hatte die Konstruktionen der Zweiachser-Fahrgestelle nochmals etwas überarbeitet und fertigte sie jetzt mit einem vergrößerten Achsstand von 4,00 m (gegenüber bisher 3,55 bzw. 3,75 m). Damit konnte auch der Wagenkasten etwas länger, aber nicht breiter und auch nicht höher, ausgeführt werden, womit sich die Platzverhältnisse für die Fahrgäste aber etwas verbesserten.
Es gab aber auch weiterhin keinen einheitlichen Aufbau der Wagen. Die Wagen wurden nur als Einzelstücke oder in Kleinstserien nach Kundenwunsch gefertigt. Das sieht man noch heute in unserem Nordstreckenzug. Abgesehen von Ähnlichkeiten im Grundaufbau, es gibt kaum zwei wirklich gleiche Wagen.
So lieferte EMG im Jahre 1900 den Wagen BCi 18 mit je 12 Sitzplätzen der 2. und 3. Wagenklasse an die Rü.K.B. aus. Wie üblich war er holzverkleidet, mit Gewichtsbremse, Petroleumbeleuchtung und den üblichen Heizkästen ausgerüstet.
Schon die Rü.K.B. führte ab etwa 1930 dann elektrische Beleuchtung in den Zügen ein. Wann der Wagen 18 damit ausgerüstet wurde, ist mir nicht bekannt.
Die Pommerschen Landesbahnen reihten ihn in ihren ab 1943 gültigen Nummernplan als Nummer Ci 808 ein. Die Deutsche Reichsbahn bezeichnete ihn ab 1950 als 7.0513p und schließlich ab 1958 als 971-221.
Zu dieser Zeit verlor er auch seine Holzbeplankung, bekam Blechverkleidung und einen Abort. Die Heizung wurde auf Ofenheizung umgestellt, womit nun nur noch 18 Sitzplätze zur Verfügung standen.
Am 1. Juli 1967 war der Wagen 971-221 im Gmp 9207 unterwegs von Bergen Ost zur Wittower Fähre, wobei ihn Günter Meyer in zwei herrlichen Aufnahmen verewigen konnte. Vielen Dank Dr. Manfred Meyer für diese herrlichen Bilder!
Er kam bis zur Betriebseinstellung 1969 noch auf der RüKB-Nordstrecke zum Einsatz und war dort tatsächlich einer der allerletzten genutzten Wagen.
Gemeinsam mit den anderen Zweiachsern aus Bergen wurde er am 20.Juli 1970 ausgemustert und 1971 an die LPG „Morgenrot“ Poggenhof verkauft. Dort war er bis Ende der 1990er Jahre in privater Nutzung, gut sichtbar an der Dorfstraße aufgestellt.
Im Blickpunkt der Eisenbahnfreunde
Mitte der 1990er Jahre rückten die verbliebenen Wagenkästen wieder in den Blickpunkt der Eisenbahnfreunde. Zum 100. Jubiläum der Rügenschen Kleinbahnen entwickelte sich im Förderverein zur Erhaltung der Rügenschen Kleinbahnen e.V. die Idee zum Aufbau eines typischen Zuges der Nordstrecke im Stil der 1960er, möglichst betriebsfähig. Man hatte nämlich inzwischen mit der Nicki+Frank S von Walter Seidensticker eine potenziell geeignete Lokomotive für einen solchen Zug zur Verfügung, allerdings damals in der unpassenden blauen Farbgebung. Walter Seidensticker schuf mit der Aufarbeitung des einzigen auf Rädern gebliebenen Zweiachser-Personenwagens 971-210 ebenfalls 1995 quasi den Grundstock für einen solchen Zug, wenn auch dieser Wagen in der damaligen Lackierung ebenfalls noch nicht in die 1960er passte.
So entwickelte eine Gruppe aus dem Verein eine regelrechte Forschungsarbeit beim Finden und begutachten geeigneter Kandidaten für einen solchen Zug, gestützt auf eine Liste des geschätzten und leider schon verstorbenen Walter Bauchspies. Es gab 1995/96 noch einige Wagen zu finden. Der Verein mit seinen beschränkten Möglichkeiten wollte sich bei seinen Bemühungen zunächst auf Wagenkästen mit „Substanz“ beschränken und erwarb 1995 und 1997 dann die Wagen 971-212, 975-101 und 971-101. Andere Wagen wurden verschmäht, oder für ungeeignet erachtet, zu schlecht, oder auch weil die Eigentümer sich (noch) nicht von ihnen trennen mochten.
Gleichzeitig verschwanden dann auch welche, indem sie aktiv verschrottet wurden (971-201) oder einfach in sich zusammenfielen (971-216).
Weniger wählerisch ging Ludger Guttwein vor und erwarb für seine Eisenbahn Betriebsgesellschaft EBG auch die „schlimmsten“ Ruinen.
Auf diese Weise blieben auch die 971-211, 971-214, 971-216 und 971-221 erhalten. Außerdem besaß er noch zeitweise den Rahmen des Gepäckwagens 975-102 und erwarb später den 971-217 und den Gc 97-42-56.
Eine ganze Reihe von Zweiachsern hatte also die zweite Chance erhalten und die meisten Nummern dürften Euch jetzt auch bekannt vorkommen. Ihr Weg in unseren Zug war aber oft sehr lang.
971-221, der Weg ins zweite Leben
Ich war ab 1995 unzählige Male am Kasten des 971-221 vorbei gekommen, hatte auch mit dem damaligen Eigentümer gesprochen. Aber mir kam damals weder die Idee ihn einmal zu fotografieren, noch hätte ich an die Wiederinbetriebnahme dieses Wagens geglaubt. Er wirkte noch recht gut und wurde noch gern genutzt.
Direkt an der Straße in Richtung Seehof stand der Kasten des 971-221. Der Eigentümer hatte die Bleche mit Teer konserviert, die Nummer war nicht lesbar, weshalb Günter Meyer seinen Abzug nach meinem Hinweis auf die Wagennummer mit einem Fragezeichen kennzeichnete. Foto (6.10.1998): Günter Meyer, Archiv Dr. Manfred Meyer
Irgendwann war er weg. Ludger Guttwein hatte ihn gekauft. Das beschäftigte mich nicht besonders. Die vielen Probleme des Rasenden Roland ab 2004 überschatteten dann sowieso die Gedanken an eine Wiedererweckung dieses Wagens. Ab 2001 arbeitete der Förderverein eng mit Guttwein zusammen und ich stieg aus privaten Gründen dort aus.
Natürlich bekam ich mit, dass die EBG in Prora verschiedene Wagen inzwischen zu sanieren begann. 2004 konnten die 971-212 des Vereins und 971-214 der EBG sogar bei der MaLoWa abgenommen werden.
Auch der 971-221 erhielt in Prora eine erste Aufarbeitung. Die 1971 abgeschnittenen Bühnen wurden ergänzt, aber erst einmal nur provisorisch verschweißt (geheftet). Der weitgehend verrottete Wagenkasten wurde praktisch neu gebaut.
Der Wagen besaß ursprünglich die etwas seltsame Innenaufteilung mit zwei Trennwänden, womit sich zwei Abteile 2. Klasse und ein Abteil 3. Klasse ergaben.
Dieser neue Wagenkasten erhielt auch diese etwas eigentümliche Aufteilung, jetzt bei Sven aber auch wieder den Abort aus der DR-Zeit.
Im Sommer 2006 stand er dann mit neuem Wagenkasten, neu lackiert und auf Achsen gesetzt im Pommerschen Kleinbahnmuseum des Fördervereins. In Ermangelung originaler Achslager hatte die EBG ersatzweise in Polen erworbene Lager eingebaut, erkennbar an den runden Deckeln. Äußerlich war er erst einmal wieder ansehnlich, jedoch nur als Ausstellungsstück geeignet.
2006 übernahm der Förderverein den Wagen mietweise von der EBG und holte ihn für das Freilichtmuseum „Pommersches Kleinbahnmuseum“ nach Putbus, wo er dann bis zur Räumung des Geländes 2021 stand und innen und außen durch die Witterungseinflüsse leider wieder sehr unansehnlich wurde. 2010 konnte die PRESS den Wagen dann erwerben.
Er sollte Höhepunkt und Abschluss werden!
Sven Lieberenz und Wolfram Krabbes sind ein bewährtes Team, das sich ganz der Aufarbeitung unserer Zweiachser verschrieben hatte. Ich habe schon häufiger über ihre unvergleichliche Arbeit im Zusammenspiel mit PRESS, RüBB, IntEgro Ostritz, der Tischlerei Hübner und dem Förderverein berichtet, aber immer tunlichst verschwiegen, wo sich ihre „geheimnisvolle“ Werkstatt befindet. Ich wollte ungebetene Gäste auf dem Gelände verhindern und den Jungs eine ungestörte Arbeit ermöglichen.
Insgesamt 6 Wagen und einige kleinere Projekte konnten ihre Werkstatt in Stahnsdorf inzwischen verlassen. Jetzt ist Schluss. Der Vermieter benötigt die Halle für eigene Zwecke und so ist der 971-221 nunmehr das letzte Projekt aus Stahnsdorf und der letzte Reisezugwagen für den Nordstreckenzug. Hier wird jetzt auf- und ausgeräumt!
Nachdem das Projekt Pommersches Kleinbahnmuseum endete, stand der immer unansehnlicher gewordene Wagen im hinteren Bereich der Anlage des ehemaligen Freilichtmuseums. Mangels vernünftiger Grundierung platzte überall innen und außen die Farbe ab. Man hatte sich aber für verzinkte Bleche entschieden, so dass die Grundsubstanz noch einigermaßen geschützt war, weil die Bleche nicht hochrosteten und nicht mehr als üblich Wasser eindringen konnte. Foto (30.12.2016): Mirko Schmidt
So sah es innen aus. Nahezu der gesamte Farbanstrich aus EBG-Zeiten war abgeblättert und die Farbreste "schmückten" den Innenraum. Foto (9.10.2021): Sven Lieberenz
(Anm: das Foto zeigt den Innenraum des 971-217, der gleich abgeblättert war)
Ankunft in Stahnsdorf. Zwischendurch hatte man in Putbus schon Teile der Außenwand provisorisch übermalt. Foto (27.5.2024): Sven Lieberenz
Während das Fahrgestell weiter zur IntEgro nach Ostritz reiste, ging Sven an die Entkernung des Kastens. Der Holzrahmen wies die üblichen Witterungsschäden, vor allem im Bereich der herablassbaren Fenster auf, erwies sich erwartungsgemäß größtenteils aber als weiterhin verwendbar. Foto (12.3.2025): Sven Lieberenz
In der Werkstatt der Tischlerei Veikko Hübner in Zwönitz sind die Ausbesserungsarbeiten erkennbar. Vor allem unterhalb der Fenster waren Hölzer neu zu fertigen. Foto (14.8.2025): Sven Lieberenz
Maß nehmen für das Sitzgestühl. Diese roten Kunstlederbezüge besitzen die Sitze heute nicht mehr. Man erkennt aber auch die abgespachtelten Innenwände und die für diesen Wagen einzigartigen Trennwände. Foto (8.8.2025): Sven Lieberenz
Parallel befindet sich das Fahrgestell in Ostritz in der bahnamtlichen Untersuchung nach § 32 ESBO. Im Strahlstand ist die provisorische Anbringung der Bühne gut erkennbar. Die U-Profile und Winkel wurden in Prora am Rahmen nur angeheftet und mussten in Ostritz abnahmepflichtig geschweißt werden. Insgesamt macht der Rahmen nach dem Strahlen einen soliden Eindruck. Foto (4.9.2025): IntEgro Philipp Hartmann
Am 9. September 2025 kehrte der Kasten aus Zwönitz nach Stahnsdorf zurück und kann in der Werkstatt weiter bearbeitet werden. Foto: Sven Lieberenz
In Ostritz sieht das Fahrgestell am 17. Dezember 2025 seiner Fertigstellung entgegen. Foto: IntEgro Philipp Hartmann
Fliegende Züge!
Dieses Bild von der Entladung des fertigen Fahrgestells in Stahnsdorf ermöglicht einen besonders guten Blick auf die Bauweise der EMG-Fahrgestelle, natürlich jetzt ergänzt um Bauteile der Druckluftbremse. Foto (6.1. 2026): Wolfram Krabbes
Wenn der Kran schon mal da ist...
"Hochzeit" von Fahrgestell und Kasten am 6. Januar 2026 in Stahnsdorf. Foto: Wolfram Krabbes
Jetzt geht's Schlag auf Schlag. Die Bleche sind dran...
Die Zeit und der Mietvertrag laufen. Aber Sven ist guter Dinge. Der Tag der Auslieferung stand lange fest und wurde natürlich gehalten!
Foto (12.6.2026): Sven Lieberenz
Fertig!!!
Am 17. Juli 2026 steht der Wagen abholbereit! Es riecht nach Farbe, der Fußbodenbelag ist gereinigt und versiegelt und probeweise (um die Dichtheit des Abzugs zu testen) ist der Ofen schon mal angeheizt. Wer möchte hier nicht Platz nehmen?
Kommt nach Rügen! Ich kann aber nicht versprechen, ob es in dieser Woche noch klappt. Fotos: Sven Lieberenz
Der Nordstrecken- oder Zweiachserzug ist nun also komplett. Es gibt auch keine Aufarbeitungsreserven mehr, Stahnsdorf ist Geschichte.
Aber bevor Ihr wehmütig werdet, es geht weiter.
Sven und Wolfram bleiben uns und den Zweiachsern treu und haben neue Projekte an einem anderen Standort, an einem anderen Ort.
Die in Betrieb befindlichen Zweiachser benötigen natürlich auch weiter ihre Zuwendung, auch wenn es keine spektakulären Neu-Inbetriebnahmen sind, sondern „nur“ planmäßige Untersuchungen und die übliche Instandhaltung.
Bleibt also schön neugierig und vielleicht besucht Ihr unseren Nordstreckenzug ja schon an diesem Wochenende.
Vom 23. – 26. Juli könnt Ihr ihn zwischen Putbus und Binz erleben.
Termine
Mein Dank gilt Sven, Wolfram, der PRESS, RüBB, IntEgro Werkstatt Ostritz, Tischlerei Hübner, dem Machern aus dem Förderverein zur Erhaltung der Rügenschen Kleinbahnen, ebenso Dr. Manfred Meyer und Mirko Schmidt für die Fotos!
Viele Grüße
Euer Dampf - Achim Rickelt