Beiträge von Mike Robeck-Jokisch

    Glück Auf,


    Rolf: Das ist eine gute Frage. Ich vermute hier auch patentrechtliche Probleme. Nachfolger der VES GmbH war ja Siemens, welche den Thermoblinker weiter produziert und auch weiterentwickelt haben.

    Der Thermoblinker hat eigentlich nur einen einzigen Nachteil gegenüber dem Motorblinker (wie es beim Pendelblinker ist, kann ich nicht sagen): Einen höheren Stromverbrauch.


    Thermoblinker sind im Bundesbahngebiet bis heute in Betrieb, sei es in Bahnübergangssicherungsanlagen oder auch in Stellwerken.


    Gruß Mike

    Hallo in die Runde,


    Vielen Dank für die bisherigen Wortmeldungen und Reaktionen. Ich freue mich:-)


    Auf dem verlinkten Video von Rolf kann man die Funktionsweise eines Thermoblinkers gut erkennen. Leider ist das eben nur ein einfacher Blinker, der auch nur 1 Blinkfrequenz bringen kann. Die alten Blinker der Warnlichtanlagen waren mindestens doppelt so groß und haben noch ein zweites Rohrsystem für die zweite Blinkfrequenz (45 Blinke/Minute für das weiße Licht, 90 Blinke/Minute für das rote Licht).


    Gruß Mike

    Glück Auf,


    Seit vielen Jahren beschäftige ich mich u.a. mit historischen Wegübergangssicherungsanlagen, konkret mit den Warnlichtanlagen aus der Vorkriegszeit. Auslöser dafür war der Umstand, daß es auch in meiner Heimatstadt Kirchberg an der WCd-Linie eine solche Anlage zwischen 1939 und 1967 gegeben hat und ich 2005 in Besitz der zugehörigen Unterlagen gekommen bin. Seitdem lässt mich dieses Thema nicht mehr los.

    Inzwischen weiß ich, daß es im Gebiet der ehemaligen Reichsbahndirektion Dresden 20 derartige Warnlichtanlagen gegeben hat. Jens Herbach hat auf seiner Homepage sachsenschiene.desogar alle aufgelistet, sortiert nach dem Datum der Inbetriebnahme. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für diese Fleißarbeit!

    Damit man weiß um was es geht, hier eine Kurzübersicht zu Aussehen und Funktion:


    Auch am Wegübergang mit der heutigen Bundesstraße 95 in Oberwiesenthal (km 16,452 CW) war zwischen 1. Februar 1940 und Sommer 2005 eine solche Anlage in Betrieb, auch wenn Dieselbe im Laufe der Zeit natürlich den gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst wurde. Ihr äußeres Erscheinungsbild entsprach seit Anfang der 1960er Jahre nämlich den damals üblichen Wegübergangssicherungsanlagen der DDR, also nur noch mit rotem Blinklicht im Andreaskreuz. Doch das soll nicht täuschen, denn hier kommt es eindeutig auf die "inneren Werte" an.

    Denn hat man bis 2005 bei einer Fahrt nach Oberwiesenthal aus dem Fenster geschaut konnte man - außer den alten Überwachungssignalen So 16 direkt vor dem Wegübergang - bahnlinks den zugehörigen Schaltschrank ausmachen, dessen Tür mit dem Firmenlogo der "Vereinigten Eisenbahn-Signalwerke" (VES im Kreis) verziert war bzw. noch immer ist. Genau DAS erregte meine Aufmerksamkeit, denn neben der Firma Pintsch, welche die Kirchberger Anlage errichtete, haben auch die VES Warnlichtanlagen gebaut. Leider war mir das auch erst bei meinem dortigen Besuch im April 2005 richtig bewusst. Zu einem zweiten Besuch mit funktionstüchtiger Anlage sollte es nicht mehr kommen, da sie im Sommer 2005 außer Betrieb genommen und gegen eine rechnergesteuerte Halbschrankenanlage ersetzt worden ist. Was blieb, ist der Schaltschrank. Bis August 2020 fristete er ein unscheinbares Dasein, zeitweise recht eingewachsen und von Korrosion gezeichnet, aber gegen Vandalismus in weiser Voraussicht durch die SDG gesichert (Danke!!!). Sein Innenleben konnte daher unverändert erhalten bleiben.


    Der Schaltschrank noch am angestammten Ort, 11. Juli 2020.


    Durch unseren Zuzug nach Neudorf und einem entsprechenden Platzangebot auf dem Grundstück, schoss mir eines Tages der Gedanke in Kopf "man könnte doch mal fragen, ob der Schaltschrank noch benötigt wird....". Gesagt getan, etwas Verhandlung mit den zuständigen Stellen der SDG und die Sache war geritzt. Am 11. August 2020 habe ich mir einen LKW mit Ladearm und eine Benzin-Flex organisiert und das Projekt Warnlichtanlagen konnte starten. Vorher wurde jedoch noch die alte Anlagenbatterie, bestehend aus 8 Glaszellen a 2 Volt der sachgemäßen Entsorgung im Wertstoffhof zugeführt, denn diese war nicht mehr zu gebrauchen. Demontage in Oberwiesenthal und der Transport nach Neudorf verliefen problemlos und noch am selben Tag stand das gute Stück bei mir auf der Wiese.


    Die alte Batterie war nicht mehr zu gebrauchen.


    Und er hängt am Haken, 11. August 2020.


    Die folgenden Tage standen ganz im Zeichen der optischen Aufarbeitung des Schrankes, mit Flex und Rostschutzfarbe ging es der Korrosion zu Leibe.

    Natürlich musste auch mal getestet werden, ob sich noch was regt im Schrank, wenn Spannung angelegt wird. Also wurde eine 12 V-Motorradbatterie gekauft, aufgeladen und angeklemmt. Und siehe da, als wäre nichts gewesen, klackten die entsprechenden Relais und der WSSB-Pendelblinker lief selbsttätig an, ohne Hilfe. Und das 15 Jahre nach Außer- und 80 Jahre (!) nach Inbetriebnahme! Ein unbeschreibliches Faszinosum!


    14. August 2020


    27. August 2020


    So weit so gut. Doch mit einem Pendelblinker kann man keine Warnlichtanlage nach Regelschaltung V 298 betreiben, da jener nur 1 Blinkfrequenz bringt und nicht 2 Unterschiedliche, wie es ursprünglich gewesen ist und auch wieder sein sollte. Abhilfe dafür stand schon bereit, denn bei den Signalwerkern am Standort Aue der DB Erzgebirgsbahn hat ein Pintsch-Motorblinker überlebt, der vermutlich für die Kirchberger Anlage als Ersatzteil vorgehalten wurde. Dieser war so gut wie neuwertig und voll funktionsfähig. Aber wird sich ein Pintsch-Bauteil bei der "Konkurrenz" VES wohlfühlen? Probieren geht über studieren. Es kam mir etwas wie eine Herztransplantation vor, aber der Tausch lief problemlos und auch der Motorblinker ist nach Anschluss der elektrischen Leitungen von selber losgelaufen.


    Noch ist der WSSB-Pendelblinker eingebaut, der Motorblinker liegt daneben, 1. September 2020.


    Der Pintsch-Motorblinker ist eingebaut und funktioniert (Gehäuse abgenommen).



    Schaltschrank in der vollen Bestückung, 6. September 2020.


    In VES-Warnlichtanlagen sind vom Werk her Thermoblinker eingebaut worden. Der Blinker der Oberwiesenthaler Anlage wurde etwa 1963 gegen den WSSB-Pendelblinker ersetzt. Der Verbleib des originalen Thermoblinkers - einem Bauteil, was zum Schrecken jedes BWLers völlig wartungsfrei und ohne mechanischen Verschleiß arbeitet - war zunächst unklar. Heute weiß ich, daß die Eisenbahnfreunde im benachbarten Bahnhof Schlettau einen solchen Thermoblinker als Exponat in ihrer "Ausstellung" haben. Ich vermute sogar, es ist exakt jener Blinker, der zur Oberwiesenthaler Anlage gehörte. Leider ist der Begriff "Ausstellung" in Bezug auf das gute Stück etwas zu hoch gegriffen. Er liegt in einem finsteren Schrank, unscheinbar in einer Ecke und ohne jegliche Beschreibung. Im Schaltschrank seiner ursprünglichen Funktion wieder zugeführt, würde ihm wahrlich besser stehen...jedoch waren alle bisherigen Verhandlungen mit den betagten und wohl auch etwas verständnislosen Vereinsmitgliedern bisher erfolglos... .

    Der nächste Arbeitsschritt sollte nun der Bau des Warnlichtsignalmastes sein. Für das Andreaskreuz konnte ich auf eines aus DR-Beständen mit Wabe zurückgreifen, welches in liegender Ausführung auch vor dem Kriege schon zum Einsatz kam. Komplett neu gebaut werden mußte das Tragschild für die beiden Signallaternen. Entsprechendes Blech war schnell organisiert, lackiert und mit zwei Löchern für die Laternen versehen. Die für Warnlichtanlagen typischen Katzenaugen auf dem Warnkreuz und dem Tragschild entstanden aus rotem und weißem Reflexionsklebeband und einem Schnapsglas;-)




    Dann war erstmal gaaaanz lange Winter, an Außenarbeiten also nicht zu denken. Erst als es Anfang 2021 immer mal wieder taute, ging es wieder Stück für Stück ans Werk. Inzwischen waren Warnkreuz und Tragschild fertig und am Mast montiert. Als Laternen kommen WSSB-Hauptsignallaternen mit roter und blauer Farbscheibe zur Anwendung. Das blaue Filter ist notwendig, um aus der gelblich leuchtenden Glühbirne (Doppelfadenlampen, nur je 1 Faden in Betrieb) weißes Licht zu erzeugen.

    Ein WSSB-Endverschluß hinter dem Tragschild verbindet die Leitungen von den Laternen wettergeschützt mit den Leitungen zum Schaltschrank.

    Nun ging es an die eigentlichen Schaltarbeiten im Schrank. Glücklicherweise lagen mir sowohl die originalen Schaltungsunterlagen als auch die Kabel- bzw. Klemmenpläne vor, so daß sich der Aufwand in Grenzen hielt. Umfangreichere Schaltarbeiten erforderte jedoch der Motorblinker, der in Grundstellung der Anlage weißes und in Warnstellung rotes Blinklicht bringen muß. Hierfür mußten am Signalsteuermagnet einige Drähte umgeklemmt werden, so daß die Schaltung wieder der ursprünglichen Form aus der Zeit vor 1960 entsprach. Nach einigem Rätseln und probieren ist dies gelungen.


    Signalsteuermagnet, welcher die Umschaltung von Weißlicht auf Rotlicht herbeiführt. Der rote Punkt bedeutet, daß der Magnetschalter in Grundstellung angezogen ist. Bei der kleinsten Unregelmäßigkeit in der Schaltung fällt er ab und bringt, zur sicheren Seite reagierend, das rote Warnlicht.


    Da die Warnstellung der Anlage natürlich nicht mehr vom Zug herbeigeführt werden kann, habe ich die an der Außenseite des Schrankes unter einem Schutzkasten angebrachte Taste - von der Bauform her eine Block-Wecktaste mit Holzknauf - wieder aufgearbeitet. Mittels dieser Taste kann durch einmaliges drücken das rote Warnlicht eingeschaltet werden. Die Rückumschaltung auf das weiße Betriebszeichen der Grundstellung erfolgt nach 135 Sekunden selbsttätig durch den zu DDR-Zeiten eingebauten automatischen Grundsteller. Dieses Bauteil hätte eigentlich gar nicht mehr in der Anlage in Betrieb sein dürfen, da zeitabhängige Ausschaltglieder in automatischen Wegübergangssicherungsanlagen bereits seit 1968 in der DDR unzulässig waren (im Bundesbahngebiet gibt es sie zum Teil bis heute). Hintergrund des Verbotes war eine per Ministerratsbeschluß angeordnete, grundlegende Überprüfung aller technischen Sicherungsanlagen an Wegübergängen als Folge des schweren Unglücks von Langenweddingen 1967.


    Der automatische Grundsteller, darunter die Grundstellungs- und Prüftaste.


    Im Sommer 2021 war die Anlage dann soweit fertiggestellt, daß sie vom interessierten Besucher bedient werden konnte. Seither ist sie zuverlässig Tag und Nacht in Betrieb und dürfte eine deutschlandweite Einmaligkeit darstellen.


    18. Dezember 2021


    Geschichtlich interessant ist, daß die Oberwiesenthaler Warnlichtanlage zum Einen die vorletzte in Betrieb genommene Anlage in Sachsen (Ibn 1. Februar 1940) und zum Anderen die unmittelbar nächstgebaute Anlage nach der Kirchberger Warnlichtanlage (Ibn 20. Oktober 1939) gewesen ist.

    Im Rahmen meines Projektes "Eisenbahntechnische Schauanlage zu Neudorf" werden 2022 im Umfeld der Warnlichtanlage noch weitere Details dazukommen, so zum Beispiel ein originaler Pintsch-Kabelverteiler und ein Neptun-Schienenstromschließer (mit diesen Gleisschaltmitteln wurden sowohl die Warnlichtanlagen als auch die ersten WSSB-Anlagen standartmäßig ausgerüstet, bis sie in den 1970er Jahren durch Impulsgeber mit Schutzgaskontakt abgelöst wurden).

    Bestaunen kann man die zukünftige Schauanlage sowohl vom Zuge aus (einige Minuten nach Abfahrt vom Bf Neudorf in Richtung Oberwiesenthal bahnrechts) und natürlich auch direkt auf einer Wandertour auf dem "Erlebnispfad Bimmelbahn", welcher unmittelbar bei uns vorbeiführt.


    Vielleicht sieht man sich mal ;)


    Ein frohes Weihnachtsfest wünscht

    Mike

    Glück Auf,


    Stefan hat das schon richtig eingeordnet, definitiv in der Endphase des Betriebes nur noch aus Richtung Schönheide Süd.


    Ob das Foto schon mal irgendwo gebracht wurde, kann ich nicht sagen. Wobei, eine Sammlung Steinicke ist mir jetzt auf die Schnelle nicht geläufig. Vielleicht kann Holger D. noch was dazu sagen?


    Gruß

    Mike

    Hallo Micha,


    Das ist theoretisch auch möglich.


    Allerdings hat der VEB WSSB 1962 schon Haltlicht- und Halbschrankenanlagen in Serie gefertigt, so daß man auch eine Neuanlage hätte bauen können. Ich bin mit der Geschichte der HK jetzt nicht so vertraut, aber 1962 stand die Strecke bestimmt noch nicht auf einer Stillegungsliste. Somit wäre eine Investition in eine neue Hl-Anlage sicherlich gerechtfertigt gewesen. Beispiele von anderen Strecken gibt es ja auch (CW, PNo, Zittau...).


    Gruß Mike

    Glück Auf,


    Ich benötige Euer Schwarmwissen:


    Weiß hier jemand, wann vor 1945 die Warnlichtanlage am Wegübergang der Reichsstraße 170 in Ulberndorf in Betrieb genommen wurde?


    Anmerkung: Die Aussage im HK-Buch von Prof. Thiel stimmt vermutlich nur teilweise. Er schreibt sinngemäß, daß die Haltlichtanlage in Ulberndorf 1962 in Betrieb ging. Da es sich bei dieser Anlage aber zu 100 Prozent um eine Pintsch-Warnlichtanlage aus der Vorkriegszeit handelte (den unverwechselbaren Schaltschrank konnte ich 2009 noch selbst fotografieren), wird das Jahr 1962 aller Wahrscheinlichkeit nach nur das Jahr des Umbaus auf die DDR-typischen Andreaskreuze mit mittigem Blinklicht sein.


    Danke und Grüße

    Mike

    Glück Auf,


    Habt vielen Dank für Eure positiven Reaktionen!

    Nun wurden mir soeben von einem stillen Mitleser doch noch Fotos vom Einsatz der 99 561 mit 099-Schildern am 13.2.99 zugespielt, die ich hier auch noch mit einbinden werde (auch wenn sie besser zu Michas Beitrag passen würden - ich denke, Du wirst mir verzeihen Micha :) ).


    Ich weiß, das Lokomotiven mit der 099 vorn dran hier nicht unbedingt gern gesehen sind. Ich kannte es damals aber gar nicht anders. Bei meiner ersten Dampflokbegegnung in Oberwiesenthal 1987 mit 3 Jahren habe ich aus nachvollziehbaren Gründen natürlich nicht auf Lokschilder geachtet und auch im Dezember 1994 in Schönheide war das noch kein Thema. Erst 1996, wiederum in Oberwiesenthal, wurden mir Lokschilder bewusst - eben mit 099-Nummern. Das viele Eisenbahnfreunde damals nichts Gutes damit in Verbindung brachten, wusste ich natürlich nicht.

    Und warum 99 561 damals 1999 in Schönheide als 099 703-1 unterwegs war, wusste der Fotograf der mir zur Verfügung gestellten Bilder auch nicht mehr. Vermutlich waren keine anderen Schilder greifbar, die Lok kam erst am 8.2.99 in Schönheide an. Noch dazu war das Wetter alles andere als optimal für Fotografen.


    Ich jedenfalls war beeindruckt. Es hatte was von "großer" Eisenbahn.


    Gruß

    Mike

    ...werden es dieses Jahr.


    Glück Auf!


    Angeregt durch Michas ("Lindenauer") Beitrag zu 99 1561-2 bei der Museumsbahn Schönheide 1999, habe ich mal wieder etwas sinniert und einen bereits 2018 verfassten, aber bisher unveröffentlichten Gedanken auf den Bildschirm gebracht.


    Im Jahre 1994 keimte bei mir das Interesse für die Geschichte der Schmalspurbahn Wilkau-Haßlau - Carlsfeld (WCd) auf.
    Damals, mit 10 Jahren, wurde mir bewusst, das in Kirchberg einst eine Eisenbahn fuhr. Alte Brückenpfeiler und mehrere Gleisreste in Wegübergängen zeugten ja noch eindrucksvoll davon.

    Endgültig "Feuer gelegt" in Sachen WCd wurde bei einem abendlichen Besuch des Bahnhofs Schönheide Mitte im Herbst 1994. Durch das Lokschuppenfenster schauend, erblickte ich eine Dampflok mit einem Schild "Bw Kirchberg" - wie das? Schließlich befanden wir uns - nach kindlicher Auffassung - weit von Kirchberg entfernt. Und was hat eine Dampflok in Schönheide mit Kirchberg zu tun? Schnell klärten mich meine Eltern und eine meiner Omas auf, der Zusammenhang war hergestellt und mein Interesse noch intensiver geweckt:-) Bei der Lok handelte es sich natürlich um 99 582. Vermutlich durch einen Aushang am Lokschuppen wusste mein Vater dann von öffentlichen Fahrten im Dezember 1994 - damals zum ersten Mal mit Dampf im Winter und nur zwischen Schönheide (Mitte) und Neuheide. Gesagt getan, der Termin wurde vorgemerkt und ich fuhr mit meinem Vater hin. Etwas naiv fragten wir nach der Ankunft in Neuheide das Zugpersonal, ob das schon Carlsfeld sei... . Ich kann mich lebhaft an diese lustige Situation erinnern!

    Leider gibt es keine Fotos davon. Allerdings habe ich im Nachgang meiner Oma ein Bild zum Geburtstag geschenkt (sie hatte Silvester Geburtstag), in dem ich die Eindrücke dieser Fahrt mit Filzstiften verarbeitet habe:


    Zum Einsatz kam 99 582 mit einem aus Mügeln geliehenen Rekowagen sowie einem Länderbahnpackwagen.

    Zu dieser Zeit war "I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)" von Meat Loaf einer der zeitgenössischen Hits im Radio und lief auch bei der Autofahrt nach Schönheide. Das weiß ich noch wie heute und der Song wurde für mich zum "Museumsbahn Schönheide-Lied". Auch später spielten bestimmte Songs eine wichtige Rolle in meinem Erinnerungsvermögen:-)
    Das wirklich tiefgründigere Interesse begann dann 1998 mit einem kleinen Beitrag zur Geschichte der Eisenbahn in Kirchberg in einer Infobroschüre der Stadt:


    Im Laufe des Jahres kam es dann zu mehreren Besuchen der Museumsbahn. Zunächst noch mit meinen Eltern, ab Sommer 1998 dann auch allein mit dem Fahrrad. Mein erstes Dampflokfoto entstand im Lokschuppen Schönheide und zeigt 99 1585-1 im Frühjahr 1998:


    Die durchaus anspruchsvolle Bergfahrt mit dem Rad machte mir nichts aus, schließlich hatte ich ein „größeres Ziel“ vor Augen. Wie freute ich mich, wenn nach anstregender Fahrt in Höhe der ehem. Dampfbrauerei Tippner in Stützengrün erstmals die Pfiffe der IV K in der Ferne zu hören waren. Stets stand die Mitfahrt im Vordergrund. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, nur um des Fotografierens Willen nach Stützengrün zu fahren.

    Inzwischen wusste ich auch, dass es umfangreiche Literatur zur WCd gibt. Das kleinen Büchlein „Wilkau–Haßlau – Carlsfeld“ von Karl Wolf und Ludger Kenning bekam ich von einem Bekannten leihweise in die Hände. Wenig später erhielt ich auch erste alte Fotos, welche mit großem Eifer und peinlicher Genauigkeit auf A4-Papier geklebt und mit Beschriftungen versehen wurden. Diese erstellte ich auf Mutters Schreibmaschine, schnitt dann die Passagen aus und klebte sie unter die Bilder. Damit konnte ich mich stundenlang am Küchentisch beschäftigen. Später wusste ich alle EDV-Nummern der auf der WCd eingesetzten IV K auswendig. Nebenher liefen im in der Küche stationierten Radiowecker die Sommerhits des Jahres 1998: „Viva forever“ von den Spice Girls und „Ocean of Light“ von In-Mood feat. Juliette. Soetwas bleibt in Erinnerung, da beide Lieder eine gewisse „Wehmut“ widerspiegeln, die damals gut zu meinen Gefühlen für die WCd passten.

    Nebenbei bastelte ich mir meine erste IV K. Zunächst noch aus Lego-Steinen, was leider einen eckigen Kessel bedingte, dann aber doch aus Papier, Pappe, Holz und allem möglichen Bastelmaterial. An Maße habe ich mich nicht gehalten, die Proportionen haben sich auch so ergeben. Der Kessel bestand nun aus Küchenrollen-Pappe. Das Ergebnis kann sich auch heute noch sehen lassen, wie ich finde (2002 optisch etwas herausgeputzt):


    Die Museumsbahn Schönheide vertrieb an ihrem Souvenirstand u.a. eine VHS-Kassette mit historischen Schmalfilmaufnahmen sowie ein wesentlich tiefergehendes Buch zur Geschichte der WCd eines bekannten Freiburger Verlages, welches allerdings mit 39,80 DM einen für mich damals recht hohen Preis hatte. Dennoch durfte ich es mir im Sommer 1998 nach selbstständiger, schriftlicher Bestellung und vom Ersparten bei der Museumsbahn kaufen. Als dann der Umschlag mit der Aufschrift „Büchersendung“ im Briefkasten lag, war die Freude natürlich groß (den Aufdruck "Büchersendung" verbinde ich auch heute noch mit diesem Erlebnis von damals!). Es wurde mehrmals von vorne bis hinten durchgelesen, im Sommer im Garten und im Herbst abends im Bett. Wenn ich nicht einschlafen konnte, habe ich statt Schäfchen alle Betriebsstellen der WCd der Reihe nach aufgezählt. Das Buch von 1995 galt damals als Standardwerk zur WCd, fußte es doch im Wesentlichen auf einer älteren Auflage aus dem Jahre 1988, erschienen bei der DR, Bahnmeisterei Falkenstein. Dieses Buch erhielt ich dann Jahre später von einer ehemaligen WCd-Eisenbahnerin und guten Bekannten aus der Kirchgemeinde.
    Über jene Kollegin lernte ich weitere WCd-Veteranen kennen, allen voran Herrn Dieter Schatte. Mit ihm stehe ich noch heute in engem Kontakt. Im Oktober 1998 wurde ich zum ersten Mal zum zweimal jährlich stattfindenden WCd-Veteranentreffen eingeladen, an dem ich in Hartmannsdorf teilnahm. Welch eine Ehre und unglaubliche Fundgrube für Bilder und Informationen zur WCd!
    Die schon genannte Videokassette (45,00 DM!) nannte ich dann um 1999 auch mein Eigen. Zum ersten Mal habe ich darauf die alte WCd in bewegten Bildern gesehen. Noch heute hat die Kassette einen Ehrenplatz im Regal.


    Am 13. Februar 1999 traf ich bei einem „Routinebesuch“ der Museumsbahn auf eine mit 099 703-1 beschilderte IV K, welche seit 8. Februar 1999 als Ersatzlok für die in Aufarbeitung befindliche 99 582 in Schönheide Mitte weilte. Das es sich dabei um 99 1561-2 handelte, wusste ich damals noch nicht. Es entstanden von dieser Fahrt durch mich auch keine Fotos, vermutlich wegen des dichten Schneetreibens an diesem Tag.

    Eisenbahnfreund und Kollege Ullrich Schmidt aus Hartmannsdorf (bei Kirchberg) hat damals jedoch fotografiert und mir seine Bilder für eine Veröffentlichung hier im Forum zur Verfügung gestellt (Genehmigung liegt vor). Die Aufnahmen folgen weiter unten.

    99 1561-2 beförderte nicht nur die letzten Züge zwischen Wilkau-Haßlau und Kirchberg, sondern auch - zusammen mit 99 1585-1 und 99 1534-9 - die letzten Personenzüge zwischen Saupersdorf und Rothenkirchen am 30.5.1970 sowie am 10.5.1976 die damalige Denkmallok 99 1516-6 als letzte Fahrt im Abschnitt Rothenkirchen - Hp Stützengrün. Das Zusammentreffen mit dieser Lok war für mich daher etwas ganz Besonderes. Schließlich war sie die letzte unter Dampf stehende Lok in meiner Heimatstadt Kirchberg und der 13.2.1999 ihr erster Einsatz auf dem wiederaufgebauten Abschnitt der WCd seit dem 8. August 1976, als sie die "alte" WCd verlassen musste.

    Wiedergetroffen habe ich die Lok erst am 8. September 2018 im Lokschuppen Mügeln, der Einsatz in Schönheide im Jubiläumsjahr 2006 "125 Jahre SSB" ging auf Grund der Tätigkeit beim FHWE an mir vorüber. Sie besitzt immer noch jenen Kessel, den sie auch zu Ostern 1999 in Schönheide und am 2. Juni 1973 in Kirchberg zur Dampferzeugung nutzte. Dies beeindruckt mich bis heute:


    So gingen die Jahre ins Land, es gab Höhen und Tiefen - insbesodere im Hinblick auf das immer interessanter werdende weibliche Geschlecht – jedoch war es die Liebe zur Eisenbahn, besonders zur WCd, welche mich immer wieder aufbaute;-) Die Forschung ging immer mehr ins Detail, es folgten Mitgliedschaft im FHWE seit Anfang 2002 und Mitarbeit an Büchern und Broschüren. Beim FHWE lernte ich interessante Leute kennen, u.a. auch Karl Wolf, welcher mit dem alten Kinofilm „Im Fahrplan gestrichen“ des verstorbenen Kirchberger Heimatfreundes Georg Erzgräber einen wahren Schatz besitzt. Wo immer er den Film nach 1999 aufführte, war ich dabei. Es gibt Stellen im Film, wo man den Tränen nahe ist – zumindest ich. Heute blicke ich verheiratet und mit zwei Kindern mit Stolz zurück auf „meine“ WCd und ihre niemals endende Geschichte!


    Lassen wir nun einige Fotos der letzten 23 Jahre sprechen. Die Qualität der Analogbilder sowie mein Talent, manchmal zu früh auf den Auslöser gedrückt zu haben, bitte ich zu entschuldigen. Wie es eben so war, hat man natürlich keine Negative aufgehoben (und seine Bilder in der Drogerie entwickeln lassen), so dass ich den Scanner bemühen musste.:


    Die Fahrkarten sowie der DB-Kursbuchfahrplan (hier aus dem Jahr 2000) trugen damals noch die Stationsbezeichnungen der alten WCd!


    Die folgenden Fotos entstanden bei meinem ersten eigenständigen Besuch bei der Museumsbahn im Juli 1998 per Fahrrad:


    Bahnhof Stützengrün mit Reko-Wagen (ex Mannschaftswagen).



    Gleisende in Stützengrün Richtung Wilkau-Haßlau. Die Verlängerung in den Einschnitt nach Neulehn war damals schon im Bau, mir aber noch nicht bekannt.


    Meine heißgeliebte Durchläutebeginntafel:-) Zu dieser Zeit noch mt Lf 4 "0" kombiniert, da vor dem noch unbeschrankten Wegübergang mit der S 277 gehalten werden musste.



    Der Wegübergang mit der Staatsstraße 277 hatte 1998 noch keine Vollschrankenanlage und präsentierte sich mit den alten Straßenbäumen noch fast so wie 1977 zur Betriebseinstellung!



    99 582 nähert sich mit ihrem mittäglichen Personenzug Stützengrün.



    99 582 noch mit originalgetreuer Beschriftung in Schönheide. Das K im Kreis ist natürlich kein Hinweis auf Kunststoff-Bremssohlen sondern darauf, daß (früher) in diesem Werkzeugfach die Knallkapseln aufbewahrt wurden. Der rote Punkt am Führerhaus weist auf eine Stahlfeuerbüchse hin.


    Erster Einsatz von 99 561 auf der WCd seit 1976, 13. Februar 1999 als 099 703-1:pict0062t9jsj.jpg

    Rangieren in Schönheide Mitte. Foto: Ullrich Schmidt


    pict0063hekib.jpg

    Am P 2105 in Schönheide Mitte. Foto: Ullrich Schmidt


    pict00655okce.jpg

    P 2107 vor Stützengrün. Foto: Ullrich Schmidt


    Besuch und Mitfahrt zu Ostern 1999 mit 99 1561-2:

    Vor der Abfahrt nach Stützengrün.



    Umfahren in Stützengrün. Das Umfeld dort, insbesondere die Gebäude, könnten auch auf ein Aufnahmedatum aus alten WCd-Zeiten Rückschlüsse ziehen lassen... .


    Erneuter Besuch mit dem Fahrrad in Stützengrün am 1. Mai 1999. 99 1561-2 wird vorerst bis zum 1.9.1999 in Schönheide bleiben:

    Einfahrt in Stützengrün.


    Beim Rangieren. Leider mal wieder zu früh ausgelöst...:-/



    Meine letzte Radtour zur Museumsbahn war am 3. Oktober 2001. Im Wald zwischen Neuheide und Stützengrün lauerte ich 99 582 auf.
    Nach diesem Besuch standen zunächst andere Sachen auf dem Plan, wie z.B. der Autoführerschein oder auch die erste, festere Freundin. Ab 1. Juli 2002 war ich dann motorisiert unterwegs und vorrangig beim FHWE aktiv - da knüpft dann mein Beitrag "Tiefster Winter..." an.


    Viele Grüße aus Neudorf

    Mike